Himmel und Hölle. Neun Erzählungen

Alice Munro


Die Kanadierin Alice Munro erzählt vom Hass zu lieben und anderen Gefühlen.

"Himmel und Hölle" ist die zehnte Sammlung von unterschiedlich langen Geschichten der außergewöhnlichen kanadischen Erzählerin Alice Munro, deren Rang und Bedeutung hierzulande immer noch auszurufen sind, obwohl seit rund zwanzig Jahren verschiedene deutsche Verlage für diese gearbeitet haben. Die Tatsache, dass der Fischer-Verlag ihr Geburtsjahr auf dem Klappentext falsch angibt, darf dafür als Indiz gelten. Dass es für Alice Munro im deutschen Sprachraum immer noch einiges zu tun gibt, hängt wohl auch mit der Gattungsfrage zusammen: Wo wäre hier auch eine Zeitschrift wie der New Yorker oder Paris Review, die Erzählungen zwischen zwanzig und siebzig Seiten Länge sucht, dafür bezahlt und unter die Leute bringt? Und die, wie Munro einmal (über den New Yorker) gesagt hat, dem Schreiben von Geschichten eine Gültigkeit verleiht und den Autor davon befreit, denken zu müssen, man habe den Roman nicht geschafft.

Die neun Erzählungen, die im Original (2001) den spröden und eben schwer übersetzbaren Titel "Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage" tragen, heißen also "Himmel und Hölle". Für die Titelerzählung musste der Auszählvers dennoch übersetzt werden; es leuchtet ein, dass man den ganzen Band nicht so nennen wollte: "Hasst er mich, mag er mich, liebt er mich, Hochzeit". Diese Geschichte weist übrigens am deutlichsten eine novellistische Struktur auf: Ein Teenagerjux von fingierten Briefen auf Kosten der Haushälterin Johanna befördert schließlich deren Glück ("so warme Unruhe, so geschäftige Liebe"). Diesen Lauf der Dinge - "märchenhaft, dabei gleichzeitig banal", kommentiert eine der naseweisen Schreiberinnen im Nachhinein - ohne Pathos und Peinlichkeit zu erzählen, das gelingt nur einer Könnerin.

Nicht nur das Übersetzen, auch das Besprechen von Munros Erzählungen ist schwer. Selbst kompetente Kritiker und Autorinnen wie A.S. Byatt, die kein haltloses Namedropping betreiben, nehmen Zuflucht zum Vergleich, der dann als Werbetext immer wiederkehrt: Munro sei der Tschechow der Gegenwart, sie sei als Geschichtenerzählerin sogar besser als Tschechow, so Byatt. Befragt, ob Tschechow zu ihren Vorbildern gehöre, meinte Munro einmal, er sei wie Shakespeare ein Vorbild für alle; sie würde aber gern zustande bringen, was Tschechow gelang: Werke, gänzlich frei von den Spuren der Anstrengung und des Persönlichen.

Eine Sinnparaphrase von Munros Geschichten geriete schnell zur Selbstkarikatur, und das Fischen nach glänzenden Stellen widerspricht einer Erzählkunst, die insgesamt um eine perfekte Ausleuchtung besorgt ist. Munro braucht auch keine langen, metafiktionalen Kommentare, um zu vermitteln, dass wir in Geschichten verstrickt sind, dass wir uns Geschichten basteln, um das uns Peinliche, Lächerliche, Schmerzhafte zu bedecken, um uns das Leben zurechtzumachen oder uns überhaupt eins zuzulegen. Solchen Lebenstexturen zieht Munro den roten Faden; zurück bleibt dann ein wirres Knäuel, auf das sie, je nachdem, einen gnadenlosen oder klaren melancholischen Blick wirft.

Eine der besten Geschichten aus "Himmel und Hölle", "Was in Erinnerung bleibt", zeigt die lebenslange Be- und Umarbeitung eines gewöhnlichen kurzen Seitensprungs, der, wie die Redensart lautet, folgenlos geblieben ist. In unterschiedlichen Lebensstadien, zuletzt nach dem Tod des Liebhabers und dann nach dem Tod des Ehemanns, wird die Erinnerung daran eingespielt, bis sich die Frau in spätem Alter an die Abschiedsszene an jenem Tag erinnert: "Sie ging einen Schritt auf ihn zu, um ihm einen Kuss zu geben - bestimmt etwas ganz Natürliches nach den letzten Stunden -, und er hatte gesagt: ,Nein.' - ,Nein', sagte er. Das tue er nie." Das späte Nachsinnen über diesen Satz legt mehr als dessen Abgründigkeit frei: "Sie begriff nicht, wie sie es fertig gebracht hatte, diese Erinnerung so lange Zeit völlig zu verdrängen".

Die Wiederkehr dieser verdrängten Abschiedsworte mutet der Erinnernden eine unbequeme Wahrheit zu: über den eigenen "haushälterischen Umgang mit Gefühlen", aber auch über den einstigen Liebhaber mit seinem "kleinen, selbsterhaltenden Schachzug", seiner "Haltung starrer Unbeugsamkeit, die ihr inzwischen ein wenig altbacken vorkam, wie eine aus der Mode gekommene große Geste. Sie konnte ihn jetzt mit alltäglicher Ratlosigkeit betrachten, als wäre er ein Ehemann gewesen." Dieser unaufdringlichen sarkastischen Pointe wird noch ein letzter Dreh versetzt, indem noch ein anderer Schluss für das Heimkino der Erinnerung erwogen wird: "Sie stellte sich die Frage, ob er so für sie bleiben würde oder ob sie ihm noch eine neue Rolle zuzuweisen hatte, in ihren Gedanken noch andere Verwendung für ihn hatte, in der Zeit, die vor ihr lag."

Munro ist eine Meisterin der erzählerischen Ökonomie, der Aussparung, des Schnitts und - wie der eben zitierte Erzählschluss zeigt - versiert in der Semantik von Gesten und Redewendungen. In der vorletzten Sequenz, in der sie vom Tod des Liebhabers erfährt, gibt es noch ein anderes Replay des Abschieds von damals. Schlaglichtartig wird deutlich, wie sehr Literatur ein solches Reservoir von bedeutungsvollen Gesten ist, die das Leben zu imitieren sucht. Die Versuchung der Frau, sich wie "in gewissen Erzählungen - wie sie niemand mehr schrieb - ins Wasser zu stürzen", randvoll mit Glücksgefühlen, wird überprüft: "War sie in Versuchung? Wahrscheinlich überließ sie sich nur der Vorstellung, in Versuchung zu sein."

Munros Geschichten arbeiten an der Genauigkeit solcher Vorstellungen und Gesten; billige romantische Refugien werden nicht gewährt. Auch wenn Munro gelegentlich das Melodram nicht scheut, wie am Schluss der Geschichte mit dem Titel "Trost". Mit großem Takt erzählt sie vom Selbstmord eines Lehrers, der sich als Naturwissenschaftler und hartnäckiger Atheist gegen das ins Kraut schießende religiöse Gefuchtel in seiner Schule und Kleinstadt wehrt, vom Dienst suspendiert und schließlich von einer schweren Krankheit aufgezehrt wird. Sein Selbstmord ist mit seiner Frau vorbesprochen. Mit dieser Tat beginnt die Erzählung und, trotz des Vorbedachten, die Suche der Frau nach einer Art Abschiedsbrief für sie; gefunden wird aber schließlich nur ein Gedicht, das den haltungslosen, den Kompromiss suchenden Schuldirektor schmäht. Mehr nicht. Ohne dem Fischen im Drüben (Ernst Bloch) nachzugeben, zeigt Munro das Monströse dieser kaltherzigen Wunderlosigkeit. Am Ende bleibt nur die Wärme der sich abkühlenden Asche des Selbstmörders, die von der Witwe zwischen die Pflanzen am Straßenrand gestreut wird.

Wer statt den cheap thrills der einschlägigen Filme und Bücher einen unbestechlichen Blick für das Monströse des Alltäglichen, das Sezieren der halbgelebten Gefühle bevorzugt, wird nicht mehr aufhören, Alice Munro zu lesen. Die Möglichkeiten dafür sind jetzt auch auf Deutsch so gut wie noch nie: Neben "Himmel und Hölle" liegt jetzt seit kurzem der Band "Offene Geheimnisse" als Taschenbuch vor und auch Früheres ist noch lieferbar.

Karl Wagner in FALTER 41/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×