Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood

Christine Wunnicke


Herr Selig sucht das Glück im sonnigen Kalifornien

Christine Wunnicke erzählt in Selig & Boggs die Frühgeschichte Hollywoods als liebevollen Schelmenroman nach

Dass sich eine deutsche Schriftstellerin für zwei reichlich vergessene ame­rikanische Filmpioniere interessiert, ist schon ein prächtiges Kuriosum. Ein Rätsel ist es allerdings nicht. Denn Christine Wunnicke tummelt sich gerne in der Kulturgeschichte, erkundet deren entlegene Regionen und zeichnet gern Biografien unbesungener Heldinnen und Helden nach. Sie folgt einer ungezwungenen, ausschweifenden Neugierde und ist dem jeweiligen Gegenstand stets innig zugetan. Ihre Web­seite trug neulich Trauer nach dem Tod James Gandolfinis.

Wunnickes neuer Roman, der recht besehen eher eine Novelle ist, spielt zu Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Film noch einen schlechten Leumund als Jahrmarktsvergnügen hatte und Chicago nach dem Großraum New York das zweitwichtigste Zentrum der US-Filmproduktion war. Ihre Titelhelden sind historisch verbürgt: Der tierliebe Colonel William N. Selig verfügte über lange Erfahrung im Showgeschäft, bevor er zu einem der ersten Filmmogule wurde; Francis W. Boggs wiederum war der wichtigste Spielleiter seiner Firma Polyscope.

Boggs drängt es nach Kalifornien: aus Heimweh und Verdruss über das Chicagoer Wetter. Sein Chef gibt widerwillig nach, als er die Außenaufnahmen für eine Adaption des "Graf von Monte Cristo" im noch ziemlich verschlafenen Los Angeles drehen will. Die Eskapade hat nicht nur klimatische Gründe. Daheim wütet ein rabiater Patentkrieg (die Filmemacher der Frühzeit konnten Gangster­filme aus eigener Anschauung drehen!), Kalifornien hingegen liegt außerhalb der juris­tischen Handhabe des allmächtigen Lizenzgebers Edison.
Der Aufbruch nach Westen gewinnt bei Wunnicke auch eine mythische Dimension: Kalifornien ist die letzte Grenze, an der sich Träume vom Glück erfüllen und Karrieren gelingen sollen. Sie hat ihren Stoff gründlich recherchiert – vor allem Terry Ramsayes frühe Filmgeschichte "A Million and One Nights" muss sie sehr genau gelesen haben – und kostet zugleich die Freiräume aus, die eine schmale Quellenlage ihrer Fantasie eröffnen.
Die Geburt der kalifornischen Film­industrie (übrigens nicht in Hollywood, das Boggs rein gar nicht gefiel, sondern in Edendale) schildert sie im Gestus eines vielstimmigen Schelmenromans. In einem liebenswürdig unmodernen Tonfall, der der eigenen Unaufgeregtheit viel zutraut, skizziert sie Charaktere, bis diese als anmutige Reliefs vor dem Auge des Lesers stehen. So erscheint Selig als ein Mensch, der sich seit jeher für das Glück möglichst vieler Menschen zuständig fühlte und im Kino dafür ein famoses Medium fand.
Wunnicke hat ein Händchen für anspielungsreiche Miniaturen, liebäugelt mit filmischen Montagetechniken. In die amerikanische Lebensart versenkt sie ihren Blick mit ironischem Wohlwollen: Barbecue, schreibt sie, sei "praktisch fürs Essen und romantisch fürs Gemüt". Ihre Chronik, in der sich alles so gut anzulassen scheint, ist verschmitzt, aber auch bekümmert. Die Pioniere tragen nicht nur Sehnsucht und Schaulust, sondern auch die Gewalt in den sonnigen Westen.

Gerhard Midding in FALTER 28/2013



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