Das Tempo-Virus. Eine Kulturgeschichte der Beschleunigung

Peter Borscheid


Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und je mehr die Menschen daran sparten, umso weniger hatten sie." Mit diesen Worten von Michael Endes kleiner Heldin Momo schließt Peter Borscheid sein Buch "Das Tempo-Virus". Der Sozialwissenschaftler zeichnet darin anschaulich nach, wie aus der agrarischen Langsamkeit des mittelalterlichen Dorfes der Wunsch nach Beschleunigung, nahezu alle Bereiche menschlichen Lebens zu durchdringen begann. Er versucht zu rekonstruieren, wann und wo die Idee einer optimalen Nutzung der menschlichen (Lebens-)Zeit entstand und wie sie zu einem Ideal der westlichen Welt wurde. Was mit der Verkürzung von Transportwegen anfing, so Borscheid, endete in einem gesellschaftlichen Imperativ zur Zeiteffizienz und zur immer währenden Beschleunigung. Tempolust, Tempofrust, wer kann das so genau unterscheiden? Und: Kann Beschleunigung zum Selbstzweck wirklich das Ziel sein? Ein klares Nein als Antwort auf diese Frage kommt von Jean-Carl Honoré. Dennoch versteht sich sein Buch "Slow Life" nicht als Kampfansage an die moderne Welt. Eher möchte der Journalist Wege aufzeigen, einen eigenen Rhythmus in unserer hektisch pulsierenden Welt zu finden. Er porträtiert eine Bewegung, die gerade erst im Entstehen ist: die Slow-Bewegung. Egal ob Slow Food oder Slow Sex - die immer häufiger auftretenden Initiativen dieser Gegenkultur machen deutlich, wie tief der Geschwindigkeitswahn in unsere Leben und unsere Körper eingedrungen ist. Wenn Honoré von Freunden erzählt, die sich beim Yoga aus Ungeduld schwere Verletzungen zugezogen haben, dann wird auf anekdotische Weise offenbar, dass auch schon bei Entschleunigungsversuchen Hektik herrscht. "Slow Life" will Möglichkeiten präsentieren, durch bewusste Verlangsamung die persönliche Lebensqualität und Leistungsfähigkeit zu steigern, die eigene Zeitbalance zu finden und ein genussvolles Leben mit einer fordernden Umwelt erfolgreich zu vereinbaren. Denn wie gesagt: "Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen."

Ruth Müller in FALTER 40/2004



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