Nachtprogramm

David Sedaris, Georg Deggerich


Der amerikanische Autor David Sedaris ("Nackt") beutet weiterhin seine Neurosen und Familienangehörigen aus - auf höchst vergnügliche Weise. Dieser Tage liest er in Wien aus seinem jüngsten Buch "Nachtprogramm".

Es gibt Leute, die es "draufhaben", und es gibt den Rest der Menschheit. Der kann grob in drei Gruppen unterteilt werden: in diejenigen, die es zwar nicht draufhaben, irrtümlicherweise aber annehmen, dass sie es tun; diejenigen, die keine Ahnung haben, dass sie es nicht draufhaben; und diejenigen, die wissen, dass sie es nicht draufhaben. Einen Sonderfall der letzten Gruppe stellen jene dar, die darunter leiden, dass sie es nicht draufhaben, aus diesem Umstand aber Kapital schlagen, was schließlich dazu führt, dass sie es doch draufhaben.

Einer von diesen seltsamen Siegern ist David Sedaris. Seit seinem sensationell erfolgreichen Debüt "Nackt", dessen deutsche Übersetzung (1999) dem Haffmans Verlag das Leben verlängerte, ihn aber dann doch nicht retten konnte, betreibt Sedaris literarischen Wucher mit dem Pfund seiner Defizite. In dieser Hinsicht erinnert er an Woody Allen: Stärke durch Schwäche! Ich bin zwar ein vertikal stark herausgeforderter Hornbrillenbrizzo, aber, hey, genau das macht mich sexy! Allerdings unterscheidet sich Sedaris in einigen Punkten signifikant von Allen: Er sieht um einiges besser aus, ist nicht jüdischer, sondern griechischer Abkunft, und er ist eher nicht heterosexuell. Ach was, er ist schwul wie Lumpi - einer von denen, die ihr Jugendzimmer durch Blümchenornamente um die Steckdosen verschönerten und denen imprägnierte Vorhänge immer schon wichtig waren. Und damit all das auf den fruchtbaren Humus kontrastiver Komik fällt, hat er auch Familie: Neben Vater (räudige Freizeitkleidung) und Mutter (räudige Brutpflege) verfügt er noch über einen Bruder (räudige Ernährungsgewohnheiten) und vier Schwestern (ein weites Feld).

Klar, dass Typen wie Deb Bevins, Mike Holliwell, Doug Middleton oder Thad Pope - aus schwer zu durchschauenden Gründen ("Waren sie witzig? Nein. Interessant? Gähn.") - in der dritten Klasse besser ankamen, aber in the long run haben es dann doch Typen wie David Sedaris geschafft. Der tingelt mittlerweile durch die USA, um seine Texte in Livelesungen auf Rhythmus und Pointensetzung hin zu testen (sorry, die Lesung im Paramount Theatre am 5. November in Austin/Texas ist schon ausverkauft, auch in Berkeley/California ist nichts mehr zu haben; aber für den 13. gäb's angeblich noch Karten in Honolulu/Hawaii).

Zwangsneurotische homosexuelle Jugendliche haben es in den Sechzigerjahren nicht leicht gehabt. Nicht in Raleigh/North Carolina. Aber schon damals hat Sedaris, wenn wir seinem jüngsten, wie stets stark autobiografisch gehaltenen Werk "Nachtprogramm" glauben dürfen, aus der Not der Verzweiflung Strategien entwickelt, um sich nicht nur den drohenden Peinlichkeiten zu entwinden, sondern darüber hinaus sogar Lustgewinn daraus zu ziehen.

Die Geschichte heißt "Full House" und basiert im Wesentlichen auf einem Witz, der schon in Robert Altmans "Mash" Eingang gefunden hat. Dort gewinnt Elliot Gould beim Poker mit einem "Oklahoma" - "das sind zwei Achten, eine Pik-Zehn, eine Zwei und eine Fünf". In "Full House" muss David mit seinen Schulkameraden Strippoker spielen. Einerseits eine verlockende Aussicht, andererseits der totale Horror - mit einem Ständer möchte er lieber nicht erwischt werden. Also führt er zunächst seine Religion ins Spiel, die ihm Strippoker untersage: ",Klar doch', sagte Walter. ,Was bist du denn, Baptist?' - ,Griechisch-orthodox.' - ,Gut, dann ist das absoluter Blödsinn, weil die Griechen das Kartenspiel erfunden haben', sagte Walt."

Bleibt nur noch das Oklahoma-Prinzip, dem David auch noch treu bleibt, nachdem die anderen ihre Kleider ablegen mussten: ",Wie lange muss ich auf deinem Schoß sitzen?', fragte er. ,Keine Ahnung. Eine oder zwei Minuten. Vielleicht fünf. Oder sieben.'"

"Nachtprogramm", das im Original ungleich hübscher, aber rhythmisch schwer ins Deutsche übertragbar "Dress Your Family in Corduroy and Denim" heißt, ist eine lose, chronologisch nicht geordnete Abfolge von Episoden, die das Leben und Leiden des Protagonisten im Kreise seiner Lieben mehr oder - in seltenem Falle - weniger witzig aufarbeiten (die etwas geschmacklose Pointe, dass der Ich-Erzähler das Haus von Anne Frank als seine Idealwohnung erkennt, soll durch eine moralisierende Pointe kompensiert werden; die abschließende Horrorkomödie "Nuit der lebenden Toten" wird der etwas platten Pointe fast etwas lustlos zugeführt). Die gesammelten Niederlagen aber werden spätestens durch ihre literarische Verwertung zu späten Triumphen. Dass die Familie diesem Verwertungsinteresse skeptisch gegenübersteht, ist ihr nicht zu verdenken:

"Ich sehe mich gerne als eine Art harmloser Lumpensammler, der aus den Abfällen, die er hier und da aufliest, etwas Neues macht, aber meine Familie ist da mittlerweile ganz anderer Meinung. Immer häufiger beginnen ihre Geschichten mit dem Satz: ,Versprich mir, dass du nichts davon verwendest.' Ich verspreche es jedes Mal, aber niemand glaubt ernsthaft, dass ich mich daran halte."

Pech für die Betroffenen, Glück für uns Leser.

Klaus Nüchtern in FALTER 40/2004



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