Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt -...

Herbert Renz-Polster


Her mit der Kinderhorde!

Kinder brauchen Kinder: der Erziehungsexperte Herbert Renz-Polster wirft einen Blick in die Evolution, um Kinder zu verstehen

Herbert Renz-Polster fragt nicht, was Kindern fehlt, sondern nach den Vorteilen, die sie mit auf die Welt bringen. Also nicht danach, warum sie so ungern gehorchen, sondern danach, warum es wichtig ist, dass sie selbstständig werden. Und sucht Gründe: Warum schlafen Babys nicht alleine ein? Warum bekommen Kinder weltweit Trotzanfälle? Antworten findet der Autor und Kinderarzt in der Evolution. Die Botschaft hinter seinem Konzept, das dazu angetan ist, Eltern zu entspannen und ihnen Schuldgefühle zu nehmen: Kinder sind okay so, wie sie sind. Erziehung ist nicht alles. Und Fehler sind erlaubt.

Falter: In Ihrem Buch "Kinder verstehen" heißt es: "Wir bekommen Kinder geliefert, denen es am besten geht, wenn sie einen Erwachsenen von seinem ‚normalen' und für ihn befriedigenden Leben abhalten!" Passen Kinder nicht mehr in unsere Welt?
Herbert Renz-Polster: Das habe ich geschrieben? Ja, ich glaube, dass Kinder sehr gut vorbereitet sind auf eine Welt, die untergegangen ist. Normalerweise schauen wir in Hinblick auf Kinder eher in die Zukunft. Es ist aber auch wichtig zu sehen, dass sie schon eine Geschichte in sich tragen, wenn sie geboren werden. Und die weist auf eine Welt, in der Menschen als jagende und sammelnde Gruppen lebten. In den letzten 200, 300 Jahren haben wir die Welt aber komplett umgebaut.

Können Sie Beispiele nennen?
Renz-Polster: Kinder kommen aus der evolutionären Perspektive mit Stärken auf die Welt. Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben, sind in Wirklichkeit keine Defekte, sondern haben den Kindern geholfen zu überleben. Zum Beispiel das Schlafen: Eltern stellen sich vor, dass Babys schlafen wie Oma oder Opa. Man legt sich abends hin und wacht morgens wieder auf. Aber Kinder haben ein ganz anderes Programm, sie wollen in der Nähe einer verlässlichen Bezugsperson sein. Das erfordert unsere Präsenz und wird als lästig angesehen.

Dazu rechnen Sie auch das Trotzalter?
Renz-Polster: Schon der Name impliziert eine Wertung, die Zornphasen werden verstanden als Trotz gegen uns, auch weil es da immer gegen die Bindungsperson geht und nicht gegen die Nachbarin. Wir etikettieren dieses Verhalten, das man rund um den Globus beobachten kann und das ein wichtiger Entwicklungsschritt ist, sagen, das ist ein Problem, die Kinder wollen die Macht im Hause übernehmen. Aber mit Blick auf die Vergangenheit liegt darin eine Stärke. Denn früher kam nach spätestens drei Jahren das nächste Kind – und das Schoßkind musste selbstständig werden.

Jean Liedloff, die in den 1970er-Jahren bei südamerikanischen Indianern lebte, hat ja behauptet, dass Trotzanfälle bloß Resultat eines westlichen Erziehungsfehlers sind.
Renz-Polster: In Liedloffs Buch geht es ja vor allem um Babys, sie hat sich um die Kultur der Nähe und des Tragens von Säuglingen verdient gemacht. Und sie war keine Ethnologin. Studien haben aber gezeigt, dass Kinder weltweit durch Zornphasen gehen, wo sie ihren Willen durchsetzen, sogar Primaten. Nach Liedloff läuft alles harmonisch, wenn wir natürlich leben. Aber in sozialen Verbänden werden auch Ressourcen verteilt. Gemeinsames Leben und Großwerden beinhaltet immer Konflikte, Verhandlungen und Kompromisslösungen.

Also ist Kindererziehung nicht angeboren?
Renz-Polster: Menschen haben keine fixen Programme. Das bedeutet, dass wir in jedem Kulturraum und jeder Lebensphase neue Wege finden müssen, wie wir mit unseren Kindern umgehen und wie wir ihnen helfen, kompetent zu werden. Sozialisation ist die Umsetzung von Kompetenzerwartung der Erwachsenen. In unserem Erziehungsmodell hängen wir an viele ganz normale Verhaltensweisen ein pädagogisches Etikett. Wir sagen, Kinder sollen früh lernen, sich selbst zu regulieren, und glauben, dass das funktioniert, indem wir ihnen Nähe entziehen. Wir behandeln sie, als ob sie schon ein bisschen größer wären, mit dem Gedanken: Dann werden sie schon größer werden. Das bringt viele Eltern in echten Stress, weil es sie aus der Beziehung zu ihren Kindern hinauswirft. Etwas "Schlafprotest" zu nennen, ist keine gute Ausgangslage. Viele Schlaftrainings sind nichts anderes als ein aktiver Bruch einer Beziehung. Kein Kind kann verstehen, dass seine Bindungsperson bis 8 Uhr verfügbar, verlässlich, feinfühlig, authentisch mit ihm umgeht und danach genau das Gegenteil der Fall ist. Die Eltern stehen hinter der Tür – und sind auch nicht eins mit sich. Die wichtigste Ressource in der Erziehung ist nicht, dass Kinder lang gestillt oder lang getragen werden, sondern eine funktionierende Beziehung.

Wer soll Kinder erziehen? Die Eltern oder die Schule?
Renz-Polster: Wenn man sich anschaut, wie Kinder weltweit aufwachsen, spielen auch Geschwister eine große Rolle, aber vor allem informelle gemischtaltrige Spielgruppen, die wilde Kinderhorde, die es früher in jedem Dorf und sogar in der Stadt gab. Erst seit einer Generation wachsen Kinder auf, ohne sich ganz dicht mit anderen Kindern in einem unstrukturierten Umfeld auszutauschen und zu spielen und dabei so etwas wie eine Art Selbstorganisation zu betreiben. In Kindergruppen fördern Kinder sich gegenseitig, sprachlich und sozial. Ein sechsjähriges Kind kann sich gut einem dreijährigen widmen. Es merkt, wie es an Status gewinnt, wie es helfen kann. Das ist ein gutes Gefühl, während es unter Gleichaltrigen viel Konkurrenz gibt.

Unterdrücken in der wilden Kindergruppen nicht die Älteren die Jüngeren?
Renz-Polster: Natürlich gibt es da auch Zoff und schwierige Typen. Die Kindergruppe ist so wie das echte Leben auch nicht immer optimal, aber hier läuft immer so was wie ein Quirl. Kindergruppen funktionieren dann gut, wenn deren Bindung im Elternhaus funktioniert, denn da lernen die Kinder den Keim der Empathie, ohne den unstrukturiertes Spiel schwierig ist. Wenn sie funktioniert, liefert die Kindergruppe den Kindern Dinge, die sie in keinem anderen System kriegen können, denn die grundlegenden sozialen Kompetenzen, die rund um den Globus immer geholfen haben, um erfolgreich zu sein, können nicht in einem didaktischen Rahmen vermittelt werden, die müssen erfahren werden.

Halten Sie auch deswegen zu viel Behütung für gefährlich?
Renz-Polster: Kinder wollen wirksam sein, von sich aus die Welt gestalten. Wenn sie alles von Erwachsenen vorgesetzt bekommen, verlieren sie die Lust und Begeisterung, die es auslöst, wenn man sich selbst Freundschaften aufbaut oder sich mit anderen ausgleicht. Es ist nett, wenn Kinder ein paar Brocken Chinesisch können oder ihren Zahlenraum erweitern, aber das hilft ihnen nichts, wenn sie nicht mit sich selbst und in Gruppen klar kommen. Ohne sich in einer widerständigen Welt seinen Weg suchen zu dürfen, ist es schwer, fundamentale Kompetenzen zu erwerben.

Ihr neues Buch, das im Herbst erscheint, handelt vom Thema Natur ...
Renz-Polster: Natur heißt nicht nur Bäume und Grün, es bedeutet unstrukturierte Räume, die keine Ziele vorgeben. Und genau diese werden immer weiter zurückgebaut. Studien zeigen aber, dass es Kinder genau dorthin zieht. Dort können sie am besten archetypische Spiele spielen, Behausung schaffen oder ihr Lager. Kinder interessiert nicht, wie ein Bach dahinfließt, sondern wie er aufgestaut wird. Sie suchen unmittelbare Erfahrungen, es zieht sie zu Matsch, Wasser, zum Licht. Alle Eltern wissen: Wenn Kinder draußen waren, schlafen sie besser, sind ausgeglichener. Die Welt, die ich Natur nenne – das kann aber genauso ein altes Fabrikgelände sein –, vermittelt Freiheit.

In einer Stadt wie Wien gibt es solche Räume kaum.
Renz-Polster: Deswegen ist es wichtig, dass Kindergärten mehr "Naturelemente" enthalten, wo nicht alles durchorganisiert ist. Da treffen aber immer gleich zwei Kulturen aufeinander: Die eine Elternfraktion sagt: Wir brauchen mehr freies Spiel, mehr Räume, die die Kinder ausfüllen und gestalten können. Und die andere sagt: Und wo lernen sie dann ihre Chinesischvokabeln? Wenn ich sage: Natur ist gut für Kinder, sagen alle: Juhu! Aber wenn es um die Umsetzung geht, sieht man, dass das schon architektonisch gar nicht vorgesehen ist. Und wenn es hart auf hart kommt, sagen alle: Eigentlich müssen die Kinder ihren Zahlenraum erweitern.

Eltern wollen es nicht mehr so machen wie früher, aber viele wissen gar nicht mehr, was sie tun sollen. Muss man Kinder überhaupt erziehen? Darf man strafen?
Renz-Polster: Die unverhandelbare Entwicklungsressource und das, was Kinder suchen, sind funktionierende Beziehungen. Ist die Beziehung verlässlich und authentisch, funktioniert die Entwicklung. Wie das dann ausgefüllt wird, ist vielleicht was anderes – die einen werden vielleicht ihre Kinder ganz anders erziehen als die anderen. Ein Rezept gibt es dafür aber leider nicht.

Sie haben vier Kinder, sind Sie ohne Strafen ausgekommen?
Renz-Polster: Ich glaube, dass keiner in der Erziehung, ob er es will oder nicht, im Alltag ganz ohne Strafe auskommt. Manchmal ist man gestresst und dreht durch, die Kinder drehen auch durch, und man schlägt um des lieben Friedens willen ein paar Pfeile rein. Die Kritik an Strafen ist aber trotzdem berechtigt. Denn Strafen ersetzen oft echte Beziehungen. Zum Beispiel weiß man, dass das Maß, in dem Kinder lügen, mit den Kosten der Wahrheit zusammenhängt. Wenn Sie in einer Beziehung leben, die Ihnen, wenn Sie ehrlich sind, gleich mal Kosten aufbürdet, seien es Strafen, Nachteile oder Verlust an Ruf ("Wie kannst du nur!"), dann wird gelogen. Je verlässlicher und tragfähiger eine Beziehung ist, desto weniger wird gelogen und desto weniger wird gestraft. Die meisten Probleme kann man im Rahmen von Beziehungen lösen. Ein Nein zu erklären ist immer besser, als eine Strafe einfach zu verhängen, in einem Roboter-Automatismus. Wenn du das machst, passiert automatisch das. Noch besser ist natürlich sich zusammenzusetzen und zu sagen: Das funktioniert für mich nicht mehr. Sag du, was du dazu meinst.

Welche Frage bekommen Sie am häufigsten gestellt? Und was antworten Sie darauf?
Renz-Polster: Vieles dreht sich um die Selbstständigkeit, das ist in unserer Kultur das Höchste. Wir nehmen an, dass Kinder für sich selbst eintreten müssen, um erfolgreich zu sein. Zu den häufigsten Fragen zählt, ob man das Kind nicht verwöhnt oder abhängig macht, wenn man sein Nähebedürfnis befriedigt. Selbstständigkeit ist natürlich ein wichtiges Ziel, aber wie Kinder selbstständig werden, hat nichts damit zu tun, dass wir ihnen Nähe wegnehmen. Die ganze Menschheitsgeschichte haben Kinder ganz viel Nähe bekommen und mussten das auch, um überhaupt zu überleben und sich zu entwickeln. Die mussten bei ihren Bezugspersonen schlafen, die wurden getragen, lange gestillt – die hatten all das, von dem wir heute gleich denken, dass es Verwöhnung wäre. Sie sind trotzdem selbstständig geworden. Und damals war die Welt noch nicht mit Plüsch ausgelegt.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 13/2013



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