Krank ohne Befund

Manfred Stelzig, Thomas Wizany


Syndrom der dicken Akten

Medizin: Die Medizin schert sich nicht um die Psyche und übersieht Krankheitsursachen, sagt Manfred Stelzig

Im Gespräch wirkt er etwas ruhiger und besonnener als seine Alterskollegen, die eine Klinikabteilung führen. Doch nun hat er sich zu energischen Schritten entschlossen. Er selbst nennt sein Buch "eine Anklageschrift".
"Krank ohne Befund" erzählt von den Menschen mit schweren Leiden, deren Ursachen die Organmedizin nicht finden kann, und damit auch von jener Krankheit des Medizinbetriebs, ausschließlich auf Organfunktionen und Zellstrukturen zu schauen und dabei den Blick auf das Kunstwerk Mensch zu verlieren.
Manfred Stelzig, seit 30 Jahren Arzt, leitet die Psychosomatische Abteilung an der Salzburger Uni-Klinik. Er kennt die Leidenswege von Hundertschaften, die jahrelang durch den Medizinbetrieb irren, weil ihr Leiden mit keinem diagnostischen Etikett versehen und damit auch mit keiner Therapie begleitet werden können.
"Syndrom der dicken Akten" nennt er das.

Er lüftet die Aktendeckel und lässt seine Patienten erzählen. Maria Russinger etwa litt unter Schmerzen am ganzen Körper – so stark, dass sie eine dünne Bettdecke auf ihrer Haut nicht ertragen konnte. "Egal, ob das jetzt Finger oder zum Beispiel die Ohren sind, ich konnte nicht drauf liegen."
Dabei hatte alles recht harmlos begonnen. Maria Russinger entdeckte einen Knoten an der Ferse und ließ sich untersuchen. Eine Routinearbeit für die behandelnden Ärzte.
Dann die Schmerzen. Die Ärzte legten Frau Russingers Körperteile in allerlei Röhren, betrachteten die Zellen ihres Blutes und fanden nichts für sie Ungewöhnliches. Aber die Schmerzen breiteten sich immer weiter aus. Für die leidgeplagte Frau begann eine Irrfahrt durch Österreichs Ärztelandschaft, vom Hausarzt bis zu Spezialisten in Krankenhäusern.
Sie kennt die Spitäler in Innsbruck, Wien, Linz, Salzburg, Hallein, Steyr. "Gefunden haben sie im Endeffekt überhaupt nichts." Wo kein körperlicher Mangel sichtbar ist, kann auch keine Krankheit sein, urteilten die Mediziner und erklärten die Patientin für gesund.
Eine Psychotherapie bei Manfred Stelzig brachte zumindest Erleichterung. Ihre Freunde und Verwandten reagierten mit in Österreich leider immer noch vertrauten Mustern: "Fährst du jetzt wieder zu deinem Vogerldoktor?", wurde sie gefragt.
Aber beim "Vogerldoktor" wurde nach und nach klar, dass psychische Belastungen körperliche Schmerzen auslösen können. Eine schmerzhafte Familiengeschichte wurde für die Patientin erstmals fassbar. Jetzt kann die Patientin ihre Schmerzen zumindest ertragen.
20 bis 30 Prozent aller Patienten in den Arztpraxen und Spitalsambulanzen leiden an Beschwerden, ohne dass eine körperliche Ursache gefunden werden kann. Und obwohl die Wissenschaft schon längst über die Zusammenhänge von Psyche und Körper Bescheid weiß und alle Untersuchungen in die Richtung gehen, dass psychische Erkrankungen und Belastungen zunehmen, reagiert die Mehrheit der Ärztezunft nicht, kritisiert Manfred Stelzig. Ganze 117 Betten stehen österreichweit in psychosomatischen Abteilungen zur Verfügung. Die Folgen für die unzähligen Patienten auf ihrem Leidensweg sind dramatisch. Obendrein sind die Kosten für die Irrwege der Patienten sehr hoch: Analysen ergaben, dass psychosomatisch Erkrankte sechsmal so hohe Kosten in den Krankenhäusern und ambulant sogar 14-mal höhere Kosten verursachen als der Durchschnittspatient.
Manfred Stelzig bleibt geduldig, wenn er dem Leser die Zusammenhänge zwischen Psyche und Körper erklärt. Jenseits jeder Esoterik berichtet er von den Entdeckungen der Neurologen und Biologen darüber, wie das menschliche Hirn als weitsichtiger Apotheker mit erheblichem Aufwand Minuten für Minute versucht, die Vorgänge im Körper in jener Balance zu halten, die wir Gesundheit nennen, und was passiert, wenn Belastungen – seien es psychische oder körperliche – diese Balance nachhaltig stören.

Detailreich, fast lehrbuchhaft beschreibt der Psychiater die einzelnen Krankheitsbilder, wie sie nicht nur die somatische Medizin, sondern auch die Psychiatrie kennt. Stelzig versucht sich auch in Empfehlungen und gibt Anleitungen für Übungen, die den Lesenden den Weg zu ihren Gefühlen und damit zu sich selbst zeigen sollen. Er weiß wohl selbst, dass dies den Austausch mit dem Therapeuten nicht ersetzen kann.
Die Ambition, Betroffenen den Stellenwert der Selbstverantwortung für die Genesung deutlich zu machen, führt dabei allerdings zu einer leichten Unterbewertung der Rolle des Therapeuten, dessen Bedeutung für die Mobilisierung der Selbstheilungskräfte in vielen Placebostudien eindrucksvoll belegt wurde.

Kurt Langbein in FALTER 11/13



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