Magellan. Der Mann und seine Tat

Stefan Zweig


Sich Wissen aneignen und weitergeben

Kulturgeschichte: Der Insel Verlag legt drei Biografien von Stefan Zweig neu auf. Eine Relektüre

In "Die Welt von gestern", seiner posthum erschienenen Autobiografie, beschreibt Stefan Zweig eine frühe Zäsur in seiner Laufbahn als Schriftsteller: Nach ersten Erfolgen – der erste Gedichtband "Silberne Saiten" war bereits erschienen, Zweig schrieb regelmäßig für das Feuilleton der Neuen Freien Presse, dessen Redakteur Theodor Herzl ihn freundschaftlich förderte – beschloss der 21-Jährige vorläufig nichts mehr zu veröffentlichen.
Um Literatur schreiben zu können, wie er sie sich vorstellte, wollte er zuerst "viel lernen, viel sehen und dann erst eigentlich beginnen".

Das Leben und die Geschichte
Tatsächlich verbrachte Zweig sein ganzes Leben damit, viel zu lernen und viel zu sehen. Vor allem den vielen biografischen Werken, die er verfasste, gingen ausführliche Recherchen, oft auch Reisen voraus. Er eigne sich Wissen am liebsten an, indem er es weitergebe, schreibt Zweig im Vorwort zu seiner Magellan-Biografie.
Die Lektüren seiner biografischen Bücher sind immer auch Begegnungen mit einem Lernenden, der es kaum erwarten kann, seine Entdeckungen mitzuteilen.
Auf die Problematik, die einer Annäherung an Geschichte anhand von Biografien zugrunde liegt, ist oft hingewiesen worden: Historische Zusammenhänge erscheinen durch die singuläre Betrachtung der Lebensgeschichte einer exponierten Person leicht als schlichte Aneinanderreihungen bemerkenswerter Entscheidungen außergewöhnlicher Charaktere.
In den Biografien, die Stefan Zweig schrieb, ist diese Art der Darstellung nicht Zufall, sondern Programm. Zweig sucht nach der ästhetischen Seite der Geschichte: Wenn die historischen Ereignisse zum Drama neigen, wenn aus einer unglücklichen Lebensgeschichte eine Tragödie wird – "eines Shakespeare würdig" nennt er eine Szene aus dem Leben Maria Stuarts –, dann stürzt sich Zweig mit unübersehbarer Faszination in die Nachdichtung und produziert in erster Linie mitreißende Abenteuererzählungen und Kriminalgeschichten.
Historische Werke beschreiben nie nur ihren Gegenstand. Aus der Weise, in der sich eine Autorin oder ein Autor mit vergangenen Ereignissen auseinandersetzt, lässt sich oft mehr über die Zeit herausfinden, in der das betreffende Buch entstanden ist, als über jene, die darin verhandelt wird.
Stefan Zweigs psychologisch angelegte Biografien sind da keine Ausnahme, und an den nun neu aufgelegten Biografien "Marie Antoinette", "Maria Stuart" und "Magellan" ist gut nachzuvollziehen, was etwa Theodor W. Adorno und Leo Löwenthal am "Biographismus" kritisierten.

Die Bücher und ihre Entstehung
Dass jedes Buch über Geschichte immer auch die Umstände seiner Entstehung enthält, zeigt sich bei näherer Betrachtung der genannten Bücher in dramatischer Weise: Hier ist es zunächst die Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte, die einer ganz eigenen Dramaturgie folgt.
Die Arbeit an "Marie Antoinette – Bildnis eines mittleren Charakters" begann Zweig 1932 als Nebenprojekt. Der Roman "Rausch der Verwandlung" kam nicht voran, und so begann Zweig, der sich "von einer Arbeit bei einer anderen auszuruhen" pflegte, mit der Biografie. Das Buch wurde ein großer Erfolg, allein 1932 wurden drei Auflagen mit insgesamt 50.000 Exemplaren gedruckt.
Aber im Deutschland der 1930er-Jahre wurde wirtschaftlicher Erfolg unter Umständen bekanntlich zur vernachlässigbaren Größe. Dem Leipziger Insel Verlag, mit dessen Verleger Anton Kippenberg Zweig freundschaftlich verbunden war, erschien es plötzlich nötig, die Werke des jüdischen Erfolgsautors mit den guten Beziehungen nach Frankreich durch den völkisch orientierten Literaturhistoriker Walther Linden überarbeiten zu lassen – zunächst, ohne den Autor zu informieren.
Zweig erreichte noch, die vierte Auflage selbst überarbeiten zu können. "Marie Antoinette" wurde aber sein letztes Buch bei Insel – zumindest zu Lebzeiten.
Denn dieses letzte Buch erscheint nun neuerlich im (inzwischen mit Suhrkamp fusionierten) Insel Verlag, ebenso wie die Biografien "Maria Stuart" und "Magellan", die 1935 und 1938 nicht mehr bei Insel, sondern bei Herbert Reichner in Wien erschienen, während der Autor schon im Londoner Exil lebte. Stefan Zweig wäre für diesen Umstand sicherlich eine bessere Wendung eingefallen als "Ironie der Geschichte".

Knusprige Königinnen
"Marie Antoinette" ist als psychologische Charakterstudie angelegt – mit dem "mittleren Charakter" ist gemeint, dass Zweig die Tochter Maria Theresias für eine durchschnittliche Person hielt, nicht dumm, aber von Kindheit an eher dem Vergnügen als der Beschäftigung mit geistigen Dingen zugeneigt, und eher verwöhnt als bösartig. Erst angesichts der Anklage durch das Revolutionstribunal findet die Königin zu jener "Größe", die Zweig an seinen historischen Charakteren so schätzt.
Von Erika Mann und Klaus Mann wurde Zweig für seine "erotische Psychologie" gelobt. Dieser fortschrittliche Ansatz soll nicht geschmälert werden; mit dem Abstand von 80 Jahren fällt aber unangenehm die Vehemenz auf, mit der Zweig die "Knusprigkeit" der jungen "Toinette" beschreibt.
Auch mit "Maria Stuart", der zweiten Biografie einer berühmten Königin, schreibt Zweig ein psychologisches Drama, das diesmal sogar als solches ausgewiesen wird: Vor Beginn der Handlung werden sämtliche Charaktere als "Dramatis Personae" aufgeführt.
Im Vorwort erklärt der Autor, er wolle sich "mit dem zugleich leidenschaftlichen und doch unparteiischen Interesse des Künstlers" der Lebensgeschichte der schottischen Königin nähern, über die bis zu diesem Zeitpunkt nur verleumdende oder verklärende Aufzeichnungen existieren würden.
Die Leidenschaft gehört der Dramatik, die Zweig in seinen Charakteren und vor allem in seiner Hauptfigur findet: wie die Königin übers Moor sprengt; wie sie ihrem Geliebten und Mitmörder ihres Gatten Sonette widmet; wie sie in die letzte Schlacht zieht.
Der unparteiische Künstler erklärt viele der fatalen Entscheidungen Maria Stuarts aus einer plötzlichen Eruption lang verschütteter weiblicher Leidenschaft; die dazugehörigen Beschreibungen und insgesamt das Sprechen darüber, wie Männer und Frauen seien oder sein sollten, zeitigen die weniger schönen Stellen in einem spannenden Bericht.
Zeitgeschichtlich ist das Buch interessant, weil sich hier eine politische Auseinandersetzung vorbereitet, die 1936 in "Castello gegen Calvin" ausgearbeitet wurde und die sich indirekt auch in "Magellan" findet.
Gegen den bigotten, "lebensfeindlichen", "bilderstürmerischen" Calvinismus – in Schottland durch John Knox vertreten – wird der für Zweig "menschenfreundlichere" Katholizismus in Stellung gebracht, zu dem sich Maria Stuart bekennt.

Der Mann und seine Tat
Mit "Magellan. Der Mann und seine Tat" schließt sich schließlich ein kleiner Kreis von großer Brisanz innerhalb von Zweigs Werk.
Das Buch, als letztes von Zweigs Werken bei Herbert Reichner verlegt, behandelt zwar eine jener "Sternstunden der Menschheit", für die Zweig sich so begeisterte, und macht unmissverständlich klar, dass die Tat nicht getan worden wäre, wäre der Mann nicht der gewesen, der er war.
Aber es wird im Verlauf der Geschichte des portugiesischen Seefahrers, der unter spanischer Flagge den Weg um die Welt fand, mehr als deutlich, dass es hier um mehr und anderes geht als um Entdeckungs- und Heldengeschichte.
So bringt Zweig Magellan einerseits als "unblutigen Kolonisator" in Stellung, etwa gegen Hernan Cortez. Das Lob des sanften Katholizismus, der die philippinische Bevölkerung durch Auftritt und Gespräch überzeugt, mag heute naiv erscheinen; 1938 äußert sich Zweig auf diese Weise zu den politischen Entwicklungen seiner Zeit.
Vor allem aber ist Zweigs Faszination für die "große Tat", die er beschreibt, ein letztes Bekenntnis zu einem Universalismus, dem Fortschritt – wie hier die Entdeckung der Möglichkeit, die Welt zu umrunden, zumindest gedanklich einen Fortschritt der Menschheit insgesamt darstellt.
Mit diesem Buch geht Zweig an die Grenzen seiner Möglichkeiten: als Repräsentant eines Europas, das über nationalistische Borniertheit hinauszugehen imstande ist, und als humanistischer Autor, dessen Werke politische Wirkung erzielen wollen. Kurz darauf war beides nicht mehr denkbar; diese Perspektivlosigkeit beschrieb Zweig 1942 in seinem Abschiedsbrief, bevor er sich das Leben nahm.
Vor diesem Hintergrund entfalten Zweigs biografische Werke eine zeitgeschichtliche Brisanz, die sich auch in ihren Inhalten ausdrückt. Sie sollten wieder gelesen werden – die hier besprochenen ebenso wie "Castello gegen Calvin oder: Ein Gewissen gegen die Gewalt". Die Parabel auf den Nationalsozialismus, die Zweig 1936 schrieb und die im calvinistischen Gent des 16. Jahrhunderts spielt, wurde nicht neu aufgelegt.
Das Buch ist aber noch erhältlich.

Nikolaus Stenitzer in FALTER 11/2013



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