Bestie Mensch. Tarnung - Lüge - Strategie

Thomas Müller


Hinter dem Schreibtisch mit all den Aktenordern über Mord und Grauen hängt ein Filmplakat von "Perfect World". Thomas Müller weiß es besser. Der vierzigjährige Kriminalpsychologe oder einzige "Profiler" des Landes, wie sie ihn in einem Hollywoodfilm nennen würden, erfährt jeden Tag aufs Neue, wie böse die Welt sein kann. Müller führt als Ein-Mann-Einheit den Kriminalpsychologischen Dienst im Wiener Sicherheitsbüro. Berührungsängste zu menschlichen Abgründen darf er nicht haben, wenn er Weihnachtskarten an Mörder im Hochsicherheitstrakt verschickt oder Kollegen aus anderen Disziplinen bei seinen Vorträgen mit wüsten Tatortfotos schreckt. "Ich suche Täterprofile, keine Täter", erklärt Müller in seinem kleinen Büro in der Roßauer Kaserne. Zwischen Biedermeiersesseln und FBI-Devotionalien brütet der gebürtige Innsbrucker hier über das Verhalten von Kindermördern und Serientätern.

Jetzt hat er manche seiner Erfahrungen in einem Buch mit dem schaurigen Titel "Bestie Mensch" niedergeschrieben. Einem spannenden Sachbuch, "einem Lesebuch für Erwachsene", wie es der Psychologe nennt, das fast ohne reißerische Elemente Einblick in die Welt des Bösen gibt. Dafür schaut der Profiler persönlich finster-prüfend vom Cover. Der Tiroler, höflich, elegante Anzüge, immer Krawatte, ist Experte für Interviews und Fersehauftritte, wenn's um Mörder geht. Sogar Theater hat der omnipräsente Fallanalytiker schon gespielt, er stellte Shakespeares Richard III. und Schillers Räuber mit Playmobil-Figuren nach - seine Überlegung: Kann man drei- oder vierhundert Jahre alte Fälle mit den kriminalpsychologischen Kenntnissen von heute aufarbeiten? Vielleicht lässt er sich auch so gut als der "schillernde Star unter den Profilern" (Die Zeit) vermarkten, weil es in Europa wenige seiner Profession gibt. Und weil der ehemalige kleine Streifenpolizist aus Innsbruck, der bei seiner nächtlichen Arbeit so gerne Menschen beobachtete und nebenbei Psychologie studierte, mit amerikanischen FBI-Methoden arbeitet. Müller schaffte es tatsächlich bis zu einer Ausbildung in der "Behavioral Science Unit" des FBI in Quantico. Der wissbegierige Psychologe hatte dann Glück und wurde Protegé der FBI-Profiler-Legende Robert K. Ressler. Mit Ressler interviewte er zahlreiche berüchtige Serientäter wie Jeffrey Dahmer in US-Gefängnissen, in Österreich analysierte er Jack Unterweger im Häfen oder verfasste das Täterprofil von Franz Fuchs. Darüber, dass ihn die Killer alle aus dem Fernsehen kennen oder etwas aus seinem Buch lernen könnten, macht sich Müller aber keine Sorgen. "Ich sage immer nur, was ich tue. Nie, wie ich es tue."

Julia Ortner in FALTER 39/2004



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