Keks, Frau K. und Katastrophen. Alle Geschichten und 39 mehr


Beide sind Spitze. Funny van Dannen hat die besseren Anfänge und ist thematisch etwas kühner. Mit der Kurzgeschichtenschreib- und Vornamensfastkollegin Fanny Müller teilt er die Liebe zur klaren, knappen, alltagssprachlichen Schilderung der Dinge - auch wenn diese recht absurd anmuten: "Ich würde mir für euch den Kopf an den Arsch operieren lassen!, brüllte der Wanderprediger Paul Henderson. Und was macht ihr? Ihr schwängert meine Frau! Die beiden arbeitslosen Rockmusiker Ralph und Jingo sahen zu Boden. Es war keine Absicht, brummelte Ralph. Es war Vollmond, brummelte Jingo. Ach, brüllte Paul noch lauter. Helen ist vom Vollmond schwanger? Sie hat ihn wohl verschluckt, du verlogenes Stück Scheiße? Alle schwiegen." Paul macht schlussendlich seinen Frieden mit Helen, und die Zwillinge Tundra und Taiga scheint er gar nicht mal so unnett zu finden.

Dann gibt es noch eine alte Geschichte von einem lustig umherhüpfenden Hoden, "ich glaube, er hieß Ramona (damals wurde noch nicht nach Mädchen- und Jungennamen unterschieden)", der von einem Fuchs verschluckt wird. Auch wird von einem Auto erzählt, das sich über Nacht in einen Oleander verwandelt hat, von einer Liebe zweier Turbokinder, und natürlich auch "Neues von Gott". Fast jeder wird dieses Buch lieben.

So neu die 41 Geschichten des Lassie-Singers und Belcanto-Guitarreros van Dannen sind, so alt sind jene 249 von Fanny Müller, die die ehemalige TEE-Stewardess, Lehrerin, Gattin und Bikerbraut jüngst veröffentlicht hat. "Keks, Frau K. und Katastrophen" ist ein Sammelband von mehreren Sammelbänden, in denen Müller ihre da und dort, also in Titanic, taz, Jungle World, Brigitte, Stern, Weltwoche, Frankfurter Rundschau und Spiegel Special ersterschienenen luziden Alltagsbetrachtungen in den Zustand einer längerfristigen Lesbarkeit zu überführen versucht hatte. Mit den "Geschichten von Frau K." eröffnet Müller. Gerda (immer auf der Suche nach einem Mann), Anneliese (immer auf der Suche nach einem Schnaps) und Frau K. (sucht nicht mehr, weder - noch) wissen die Zumutungen des Lebens angemessen zu parieren: "Hau ab, du Wichser!" Schön.

Stefan Ender in FALTER 39/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×