Eine Liebe am Tiber

Jan Koneffke


Der deutsche Autor Jan Koneffke hat lange in Rom gelebt und wird jetzt
Mitherausgeber der Wiener Zeitschrift "Wespennest". Mit dem "Falter" sprach er über
seinen neuen Job und seinen neuen Roman "Liebe am Tiber".

Jan Koneffke ist zumindest in Österreich kein bekannter Name. Dabei zählt der 43-Jährige zu den interessantesten deutschen Autoren seiner Generation. Nach dem Germanistikstudium bruchlos ins Autorenfach gewechselt, folgte auf die Krimiparodie "Bergers Fall" zunächst ein achtjähriges Verstummen als Villa-Massimo-Stipendiat in Rom. Für Bücher wie die Prosaminiaturen "Gulliver in Bulgarien", die Gruselgeschichte "Nick mit den stechenden Augen", zwei Gedichtbände und zwei Romane erhielt Koneffke renommierte Auszeichnungen wie den Leonce-und-Lena-Preis oder den Hölderlinpreis. Der Kritiker Jörg Drews bezeichnete den Autor in einer hymnischen Besprechung von "Paul Schatz im Uhrenkasten", der Geschichte eines Berliner Juden aus dem Scheunenviertel, überschwänglich als "menschenfreundlich". Sein jüngster Roman "Liebe am Tiber" erntete bei der Kritik fast einhelliges Lob. Auch hierzulande dürfte der Name Jan Koneffke bald bekannter werden: Der abwechselnd in Bukarest und Wien lebende Autor wird Mitherausgeber der Wiener Literaturzeitschrift Wespennest.

Falter: Im Zentrum Ihrer "Liebe am Tiber" steht wieder einmal die Kriegsgeneration. Reicht es nicht langsam?

Jan Koneffke: Es ist kein weiteres Buch über die Zeit des Holocaust, auch wenn das Verschweigen, das Sich-nicht-erinnern-Können und -Wollen eine wichtige Rolle spielt. Es ist die Liebesgeschichte dieser Elterngeneration, noch mehr aber zweier Protagonisten: Der Vater war zwar im Krieg Lastenflieger, die Mutter ist auch noch ein Kriegskind - aber der Krieg wird nicht wirklich beredet. Deshalb kann Sohn Sebastian in der Schule ja auch stolz erzählen, sein Vater sei der Befreier Mussolinis gewesen, ohne wirklich die Bedeutung des Ganzen zu kennen. Wichtiger ist für mich, dass sich hier Kriegs- und Nachkriegsgeschichte sowie das Jahr 1968 ineinander spiegeln - 68 in Italien nämlich, als Gegenpol zu Deutschland. Damals gab es in der italienischen Linken den Slogan "Ich möchte eine Waise sein" - damit war eine Befreiung von der ganzen Geschichte beabsichtigt. Familie bedeutet in Italien, wo die Mama alles ist, noch einmal etwas ganz anderes. Das hat mich gereizt.

Falter: Ihr Italien quillt - wie immer bei den Deutschen - über von Leben und Abstrusitäten: überall heruntergekommene Adelige, Anarchisten, Kommunisten, Goldfische schwimmen in Bidets herum ... Wo beginnt das Klischee?

Jan Koneffke: Seit Goethe, also seit über 250 Jahren, hat sich am Italienbild nichts geändert: Goethe beschwerte sich über den Schmutz, das tat auch Rolf Dieter Brinkmann in den Siebzigerjahren noch. Jenen störte, dass auf dem Forum Romanum die Kühe weiden, diesen, dass zu viele Ruinen herumstehen. Die Lebendigkeit Italiens besteht ja vor allem im Grad der Politisiertheit des Landes. Es gibt zwar immer wieder schlimme Entwicklungen, siehe Mussolini oder Berlusconi, ohne die gleichsetzen zu wollen, aber: Ein Berlusconi in Deutschland wäre schauderhaft, in Italien wird dadurch nicht gleich das ganze Land an die Wand gefahren.

Falter: Woher rührt eigentlich Ihr großes Vertrauen in konventionelles Erzählen und das Genre Roman?

Jan Koneffke: In den Siebziger- und Achtzigerjahren gab es unter meinen Berliner Freunden, Schriftstellern wie Ralf Rothmann, Hans-Ulrich Treichel oder Ernest Wichner, die Diskussion: Was darf man noch schreiben? Ist konventionelles Erzählen noch erlaubt? Man hat sich in diesen hochanalytischen Diskussionen einfach nur davon abgehalten, Romane zu schreiben - und ich gestehe, ich brauchte auch lange, bis mein Material für mich erzählbar wurde. Das geschah vor allem durch die Entfernung von Deutschland, durch meinen Romaufenthalt. Natürlich ist mir klar, dass bei einem Robert Musil der rote Faden des Erzählens zum seidenen Faden wird, der zu reißen droht - aber gerade deshalb habe ich Vertrauen ins Erzählen gefasst.

Falter: Erzählen ist immer ein Erzählen vom abwesenden Leben. Sie erzählen eine sehr große Geschichte.

Jan Koneffke: Die Bedingung des Erzählens ist der Schluss des Romans. Der Erzähler bricht nach Rom auf, um den Verführer seiner Mutter zu stellen. Mittlerweile ist der alt und krank, und es kommt zu keinem Showdown. Trotzdem gelingt es dem Erzähler, sich mit seiner Vergangenheit zu versöhnen, und im Moment des Trostes wird der Erzähler geboren.

Falter: Sie leben zurzeit teilweise in Wien und werden demnächst Mitherausgeber des "Wespennest". Was halten Sie von der Zeitschrift, und was werden Sie dort tun?

Jan Koneffke: Die Zeitschrift ist ziemlich österreichzentriert, ich möchte neue, aber auch durchaus bekannte Autoren bringen - ich habe viele Kontakte zu Kollegen und glaube, da einiges mitbringen zu können. Mir ist das Moment der sozialen Abgeschnittenheit der Schriftsteller wichtig - eine Gefahr, der auch Literaturzeitschriften insgesamt ausgesetzt sind. Hier neue Zusammenhänge durch Debatten zu erfinden, würde mich interessieren. Beim derzeitigen Sterben vergleichbarer Zeitschriften - vor einigen Jahren verschwand der Freibeuter, jetzt gerade das Kursbuch - wäre es schön, wenn das Wespennest noch 15 Jahre leben könnte.

Erich Klein in FALTER 39/2004



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