Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater

Martin Pollack


In einem akribisch recherchierten Buch setzt sich der ehemalige "Spiegel"-Autor Martin Pollack mit der Nazivergangenheit seines Vaters auseinander.
Gerhard Bast machte als SS-Sturmbannführer eine glänzende Karriere.

Vatermorden ist ein undankbares Geschäft - vor allem wenn es sich um einen symbolischen Akt handelt, der permanent wiederholt werden muss. Als Deutschland und Österreich vor 59 Jahren von der Diktatur der Nazis befreit wurden, blieb in den Trümmern des Dritten Reiches wenig Zeit, um dem Führer und den NS-Idealen nachzutrauern. Auf die Stunde null folgten Wiederaufbau und Vergessen. Das für diesen Vorgang geprägte Wort von der "Unfähigkeit zu trauern" bezog sich vor allem auf die nicht erfolgte Aufarbeitung der eigenen Irrtümer und Verbrechen. Standen in den Fünfzigerjahren dann der Widerstand und die "Ehrenrettung" der Deutschen im Zentrum der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, wurde in den Achtzigerjahren die Aufmerksamkeit auf den Holocaust und die Shoah gerichtet. Mitterweile richtet sich der Blick verstärkt auf die Tätergeneration. Eine sich dabei abzeichnende Erscheinung kann man als wenig erfreulich bezeichnen: Die Abrechnung der 68er-Generation mit den Nazivätern hat bei Enkeln und Urenkeln zu einem kuriosen Bild ihrer Altvorderen geführt: "Opa war kein Nazi."

Der vor kurzem erschienene "Bericht über meinen Vater" von Martin Pollack ist ein gutes Gegenstück zu der Flut an persönlichen Auseinandersetzungen, die meist in literarischer oder essayistischer Form daherkommen. Der Autor, 1944 in Bad Hall geboren, Verfasser und Übersetzer mehrerer Bücher und ehemaliger Spiegel-Redakteur, setzt sich darin akribisch mit der Nazivergangenheit seines Vaters, des SS-Sturmbannführers Gerhard Bast, auseinander. Das Buch von Pollack, der bereits mit seiner halbdokumentarischen "Anklage Vatermord" einen Bestseller landete, ist sowohl Biografie als auch Abrechnung, aber auch ein kritischer Kommentar zum Umgang mit der Nazizeit.

Es beginnt mit lakonischer Wucht: "Im Frühsommer 2003 fuhr ich mit meiner Frau nach Südtirol, zum Brenner, um den Bunker zu suchen, in dem vor 56 Jahren mein Vater tot gefunden worden war." Gerhard Bast, Mitglied der Gestapo in Linz, wurde nach 1945 auf die Fahndungsliste für Kriegsverbrecher gesetzt. Denn sein Sündenregister war beträchtlich.

Schon als Jusstudent in der "Stadt der Volkserhebung", wie die Nazis Graz nannten, Mitglied der NSDAP, hatte sich Bast am "Pfriemer Putsch" beteiligt. Im Zuge des Anschlusses war er zum SS-Sturmbannführer ernannt worden. Und damit begann Basts beachtliche Beamtenkarriere im Dienste des Nationalsozialismus: Als Mitglied des Sicherheitsdienstes in Graz war der glühende Nazi für Gegnererforschung und -bekämpfung zuständig. Gemeint waren damit vor allem Slowenen und Partisanen. Ab 1941 setzte der Spitzenjurist dann seine Fähigkeiten bei der Einhaltung und Durchführung der Nürnberger Rassengesetze unter Beweis. Als stellvertretender Leiter der Gestapo in Münster war er für die Deportation von Juden und für die Exekution von Zwangsarbeitern verantwortlich. Ab November 1942 war Bast einer Einsatzgruppe im Süden Russlands zugeteilt, die in der Kaukasusregion 90.000 Juden und Kommunisten hinrichtete.

Nach Linz zurückgekehrt, erlebte Bast einen Karriereknick. Als Leiter der dortigen Gestapo erschoss er bei einem Jagdausflug mit dem Leiter des KZ Mauthausen einen jungen Treiber. Bast wurde zu vier Monaten Haft verurteilt, das Urteil aber ausgesetzt. Seine Bewährung erfolgte in Minsk, wo er sich als Mitglied des Sonderkommandos 7a der Partisanenbekämpfung widmete. Mit dem Heereskriegskreuz der III. Klasse ausgezeichnet, endete Basts blutige Spur in der Slowakei, in Banska Bistrica: mit der Erschießung jener verbliebenen jüdischen "U-Boote", die sich durch den Krieg hindurchretten hatten können. Im slowakischen Zilina wurde Basts Kommando schließlich durch das Heranrücken der Roten Armee aufgelöst. Bast floh zurück nach Linz.

Nach Kriegsende irrte der gesuchte Verbrecher ein Jahr lang durch Österreich, bevor er sich nach Südtirol retten konnte. Unter falscher Identität suchte der als Holzarbeiter getarnte Bast nach einer Möglichkeit zur Flucht nach Südamerika. Sein unrühmliches Leben nahm ein ebensolches Ende: Beim Versuch den Brenner zu überqueren, wird Bast von einem Tiroler Schlepper ermordet, seine Leiche in einen Bunker geworfen.

Pollack rekonstruiert beinah minutiös die Geschichte seines Vaters und dokumentiert auch seine braune Sozialisation durch dessen eigenen Vater, der in der k. u. k. Monarchie zum Deutschnationalen, später zum "illegalen Nazi" wurde. Basts Vater, ein Amstettner Jurist, nahm 1938 aktiv an der "Arisierung" jüdischen Eigentums teil. Nach 1945 tat er so, als hätte er von all dem nichts gewusst: Wie die "meisten österreichischen Nationalsozialisten", resümiert Pollack, "ist er letztlich billig davongekommen". Und Pollack schildert auch ausführlich sein eigenes Motiv für das Buch: Zu erkunden, wie er, der Sohn eines Massenmörders, mit dessen Geschichte zurecht kommt. Bei der Lektüre erkennt man an manchen Stellen die verhaltene Wut des Autors, seine eigene Verzweiflung oder Ratlosigkeit: "Warum hat sich der Vater in die Terrormaschine begeben, warum wurde er nicht einfach Anwalt?", fragt sich Pollack etwa, und: "Was wusste die Mutter, als sie den Vater zwischen den Mordaktionen traf?"

"Der Tote im Bunker" ist aber aus einem anderen Grund ein bedeutsames Buch: Es konfrontiert den Leser nach und nach mit einer vermutlich noch viel dramatischeren Wahrheit, als sie anhand einer einzigen NS-Karriere aufgezeigt werden kann. Der Tote im Bunker ist eine Metapher für die gesamte NS-Ära und ihre Gräuel. Die Exhumierung dieser Wahrheit ist nicht nur Aufgabe der nachfolgenden Generationen, sondern auch die Voraussetzung, um zur Trauer überhaupt fähig zu sein.

Erich Klein in FALTER 39/2004



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