Alte Freunde

Rafael Chirbes, Dagmar Ploetz


Mit dem Roman "Alte Freunde" zieht der Spanier Rafael Chirbes eine bittere Bilanz des post-franquistischen Spanien.

Wäre Rafael Chirbes kein spanischer Schriftsteller, sondern ein in Deutschland engagierter italienischer Fußballtrainer, könnte er "Ich habe fertig" granteln. Mit seinem Roman "Alte Freunde" ist er nun am Ende jenes Wegs angekommen, den er vor Jahren mit "Der lange Marsch" und "Der Fall von Madrid" begonnen hat und in denen er gegen den allgemeinen Konsens des paktierten Vergessens ankämpfte, der Spanien während der Transición, also der Zeit des Übergangs vom Franquismus zur Demokratie nach 1975, prägte.

Sein Resümee ist bitter. Damals waren es nicht zuletzt die Sozialisten gewesen, die im Interesse der Modernisierung des Landes die Vergangenheit einfach abgehakt wissen wollten. Schließlich waren Felipe González und die Seinen auch darauf aus gewesen, es sich mit dem franquistischen Mittelstand nicht zu verscherzen, ohne den keine Wahlen zu gewinnen waren. Parallelen zur österreichischen Nachkriegszeit, als auch die SPÖ im Naziteich fischte, sind unübersehbar. Der mittlerweile auch in der jüngeren spanischen Literatur viel diskutierte "Pakt des Schweigens" erwies sich rein pragmatisch als gute Taktik, hat Spanien doch mittlerweile den Sprung über die Pyrenäen und den Anschluss an Europa zweifelsohne geschafft. Was ausblieb, war eine Katharsis der Gesellschaft. "Das Vergangene lässt sich nicht einfach auslöschen, irgendwann werden die Leichen wieder an Land gespült", meinte Chirbes einmal. Er sah sich dabei als Verteidiger jener Enkelgeneration, die während der Agonie des Franco-Regimes in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren das Erbe der Väter und Großväter nicht verkommen lassen wollte, die im Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 auf der Verliererseite gestanden hatten.

Franco war lange Zeit tabu. Das Land entwickelte eine Lebenslust, die in der Szenebewegung "Movida" gipfelte und in den Achtzigerjahren Ikonen wie den Regisseur Pedro Almodóvar hervorbrachte. Nunmehr dürfte der Zeitgeist erwachsen geworden sein, auch weil die rigide Politik des im März abgewählten konservativen Regierungschefs José Maréa Aznar das Lagerdenken wieder verstärkt hat. Sogar Almodóvar beschäftigt sich mit früher. In seinem neuen Film "La mala educación" ("Schlechte Erziehung") behandelt er sexuelle Kindermisshandlung durch Geistliche in der Franco-Ära und lud Papst Johannes Paul II. als Ehrengast zur Premiere. Auch die neu eingesetzte Suche nach Massengräbern aus der Bürgerkriegszeit oder die Debatte um eine Umbettung des im August 1936 ermordeten Dichters Federico García Lorca zeigt, dass Spanien seine Vergangenheit schön langsam exhumiert.

Für den 1949 geborenen Chirbes kommt das alles zu spät. Er ist bereits einen Schritt weiter und ergeht sich in gesellschaftspolitischer Pathologie. In "Alte Freunde" zieht er eine niederschmetternde Bilanz. Die vor dreißig Jahren gehegten klassenkämpferischen Ideale haben sich in Luft aufgelöst, die Diktatur hat zugleich mit dem Generalíssimo Francisco Franco sozusagen von selbst ihr Leben ausgeröchelt. Auch Rita, Amalia, Elísa, Carlos, Guzmán oder Pedríto, die sich in "Alte Freunde" nach 25 Jahren wieder zu einem Abendessen in Madrid treffen, ist mit ihrem Lieblingsgegner die gemeinsame Basis weggebrochen. Die mittlerweile ins Pensionsalter gekommenen ehemaligen Studenten stehen vor den Trümmern ihrer einstigen Träume, als sie mit den Impulsen des Jahres 1968 in einer kommunistischen Zelle die Revolution beschworen, um die Diktatur mit Molotowcocktails und klandestinen Protestveranstaltungen auszuhebeln.

Vereinzelt haben sie ihren Platz in der Gesellschaft gefunden. Aus den Aufmüpfigen von einst sind raffinierte Baulöwen, Medienfunktionäre oder Eurokraten geworden - von der Welt verändert, weil sie es nicht geschafft haben, selbst die Welt zu verändern. Ihnen geht es aber wenigstens ökonomisch besser als jenen ratlosen Nomaden, die sich etwa mit Brotberufen wie mittleren Immobiliengeschäften durchs Leben schlagen, um ihre wahren Leidenschaften (wie das Dichten) finanzieren zu können. Was an Chirbes' jüngstem Roman verstört, ist der Nihilismus, von dem der Autor befallen scheint. Die inneren Monologe, die er seine Figuren während des Abendmahls führen lässt, drehen sich um den Verlust der einstigen Utopien, aber auch um verflossene Liebschaften, Geldsorgen, schwere Krankheiten oder die bloße Erkenntnis, dass das Leben verdammt kurz ist, wie Chirbes in einem Interview mit El Pais bitter anmerkte: "Du glaubst, jetzt wirst du reifer. Dabei fängst du an zu sterben."

Zwar gibt sich Chirbes, der unter Franco selbst im Gefängnis saß, nach wie vor ideologiekritisch ("mit dem Fall der Berliner Mauer hat der Kapitalismus endgültig gesiegt"), doch scheint das politische Sendungsbewusstein einer allgemeinen Sinnkrise gewichen zu sein. Diese hat dann auch nicht mehr allzu viel mit Spanien, der Diktatur oder dem Kampf gegen diese zu tun: Dass ehemalige Jugendfreunde einander im Lauf der Zeit fremd werden, passiert nicht nur in Valencia, Barcelona oder Madrid, sondern auch in Kopenhagen, Moskau oder Wien.

In diesem Punkt droht dem Autor das Thema zu entgleiten, vielleicht probiert er aber auch schon neue aus. Zwar setzt er noch einmal unspektakuläre Alltagsgeschichten zu einem sozialen Panorama zusammen, doch gewinnt man den Eindruck, dass Chirbes das "normale" Leben zu flach geworden ist und dass er deswegen zu stärkerem Stoff greifen muss. War es in "Der lange Marsch" und "Der Fall von Madrid" die sympathische Beiläufigkeit der erzählten Schicksale, die es ermöglichte, sich in die handelnden Personen einzufühlen, muten nun einige Geschichten etwas umständlich konstruiert an. Und zwar dort, wo Chirbes Randgruppen bemüht. Schwule, denen der aidskranke Partner unter der Hand wegstirbt, oder allein erziehende Mütter, deren Söhne in der Drogenszene dahinvegetieren. Wenngleich es das im Spanien von heute natürlich alles gibt.

Edgar Schütz in FALTER 38/2004



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