Guantánamo

Dorothea Dieckmann


Wenn man den Internetrecherchen der Autorin Glauben schenkt, dann kommen in der US-Basis Guantánamo auf Kuba Methoden zum Einsatz, die Namen wie "Entkleidefolter", "Handschellenfolter" oder "Kapuzenfolter" tragen. Zeugenberichte über das hermetisch abgeschirmte Konzentrationslager für mutmaßliche islamistische Terroristen und der Abgleich mit Informationen über eine zweckgleiche US-Basis nahe Kabul bilden die Grundlage, auf der Dorothea Dieckmann in ihrem Roman "Guantánamo" den geschätzten 600 entrechteten Insassen aus 40 Ländern eine Stimme verleiht; und zwar die eines indischstämmigen Hamburgers, der nach dem Ende der Kampfhandlungen gegen die Taliban seine Großmutter in Delhi besucht, in die Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan reist und in Peshawar verhaftet wird. In einem gelungenen Stück politischer Literatur zeichnet Dieckmann das realistisch wirkende Bild eines standardisierten Entmenschungsprogramms.

Die Methoden der US-Militärs erinnern stark an die Inquisitionsverfahren des späten Mittelalters. Dass es dennoch klare Unterschiede gibt, verdeutlicht ein Blick in das Buch "Die Folter", eine "Enzyklopädie des Grauens", die Horst Herrmann kompiliert hat: Psychologische Konzepte machen die körperlichen Torturen von damals vielfach überflüssig. Eines der zentralen Elemente der US-Militärs, die "Entkleidefolter", soll Herrmann zufolge einem Gefangenen körperlich signalisieren, dass er sich in der "Vorstufe zu allgemeiner Ausübung von Gewalt befindet". Das wird zwar seit der Antike praktiziert, aber das Wissen, dass systematisch verhängte Nacktheit den Willen eines Delinquenten nachhaltig bricht, ist relativ jung und stammt aus dem Erfahrungsschatz von Hitlers SS. Auch für die Exzesse der anderen Kriegsparteien im Irak und in Afghanistan kennt Herrmann analoge, unzweideutige Begriffe.

Martin Droschke in FALTER 38/2004



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