Krieg im Äther. Widerstand und Spionage im Zweiten Weltkrieg

Hans Schafranek, Johannes Tuchel


Ein Sammelband beleuchtet
die Zusammenarbeit von Widerstandskämpfern mit den Nachrichtendiensten der Alliierten.

Eine der zahlreichen Facetten des Widerstands in Deutschland und den von der Wehrmacht besetzten Ländern war die Kooperation von Widerstandskämpfern und Emigranten mit alliierten Nachrichtendiensten. Bislang konnte darüber nicht seriös geforscht werden. Denn nachrichtendienstliches Handeln versucht sich per se der wissenschaftlichen Analyse zu entziehen. Seine strukturellen Merkmale - Tarnen und Täuschen, Verhüllung und Desinformation - färben auf die Quellen ab, die Historikern bei der Aufarbeitung zur Verfügung stehen. Anliegen der Herausgeber des neuen Sammelbands war es daher, diese Form des Widerstands auf der Basis neuen, zum Teil erst nach der Öffnung von Archiven der ehemaligen Sowjetunion und ihrer Paktstaaten zugänglichen Quellenmaterials vom Geruch des Romanhaften und Abenteuerlichen zu befreien. Das ist gelungen.
Als Fallschirmagenten in Großbritannien, der Sowjetunion und anderen Ländern ausgebildet, wurden Widerstandskämpfer hinter feindlichen Linien abgesetzt, um Informationen zu sammeln und Sabotageakte durchzuführen. Dass sowohl westlichen wie sowjetischen Geheimdiensten hierbei schwere Fehler unterliefen, war mit ein Grund für die nahezu lückenlose Infiltrierung einiger dieser Nachrichtennetze durch V-Leute der deutschen Abwehr. Es kam zur Inszenierung so genannter Funkspiele, bei denen mithilfe gefangener Agenten fingierte Mitteilungen an die gegnerischen Geheimdienste gesendet wurden. Am Beispiel des "Unternehmen Nordpol" schildert Hans Schafranek den Ablauf eines solchen Funkspiels in den Niederlanden. Die gezielte Desinformation, die vom britischen Nachrichtendienst zwei Jahre lang nicht erkannt wurde, machte es möglich, dass immer neue Fallschirmagenten direkt den "Empfangskomitees" der Gestapo in die Arme sprangen und unter Folter zur Kooperation gezwungen wurden. Die Deutschen erhielten dadurch neben präzisen Informationen über ihre Gegner auch tonnenweise Waffen und Sprengstoff, vorgesehen zur Ausrüstung einer per Funk vorgespiegelten Geisterarmee von Widerstandskämpfern. Hunderte Widerstandskämpfer gingen der Gestapo ins Netz, der Großteil der Agenten wurde ermordet.

Den Fallschirmagenten wurde ihr Einsatz nicht gedankt. Ihre erzwungene Kollaboration wurde fälschlich als Verrat qualifiziert. Überlebenden begegnete man bestenfalls mit Misstrauen. Die Briten internierten aus Gestapohaft geflohene Fallschirmagenten, in der Sowjetunion erwartete zahlreiche Kundschafter Haft oder Exekution. Entlang der Etikettierungen "Verräter" oder "Held" erfolgte auch die Instrumentalisierung der Agenten zu Zwecken der nationalen Mythenbildung in der DDR, wie Johannes Tuchel am Beispiel der "Roten Kapelle" nachweist. Hier wurden die historischen Fakten gebogen, bis eine direkte Traditionslinie von der politisch höchst heterogenen antifaschistischen Widerstandsgruppe zum Ministerium für Staatssicherheit gezogen war. In der Bundesrepublik galten die Fallschirmagenten lange Zeit als Vaterlandsverräter, zusätzlich behaftet mit dem Stigma der Emigranten, die es angeblich so viel bequemer hatten als das Not leidende deutsche Volk und die im Land verbliebenen Widerstandskämpfer. Vielleicht trägt dieses Buch ja dazu bei, dem Widerstand "von außen" die ihm gebührende Anerkennung zuteil werden zu lassen.

Christine Kanzler in FALTER 37/2004



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