Lenk mich doch!. Das Auto in 29 Einzelteilen

David Staretz


Seit drei Jahrzehnten lobt und benörgelt David Staretz Autos. Daneben schreibt und fotografiert er Reportagen und betreibt sein ebenso wunderliches wie wunderbares Kontor.

Wenn man David Staretz auf seinem lebenslangen Zickzackweg zufällig in Wien sieht, lernt man einen Mann kennen, der in etwa so ausschaut: Groß, schmal, wortkarg ist er, stachelig im Gesicht, verwirbeltes Haar am Kopf, die Hände tief im Hosensack vergraben. Oft hat er Jacken mit großen Taschen an, viele davon sind ausgebeult, man weiß nicht, was Staretz darin transportiert. Staretz hält bei seinen verschlungenen Wanderungen durch die Straßen den Kopf immer ein wenig geneigt, er schaut genau, auch in die Zwischenräume der Stadt; sein Gesicht ist meistens verschlossen, und er blickt ohne Not immer ein wenig grantig drein. Wenn Staretz dann in einem Spiegel zufällig den mürrischen Staretz entdeckt, bleibt er stehen. Kurzes Erschrecken, kleines, kritisches Selbstgespräch vor dem Spiegelbild: "Was ziehst für einen Fotz"

David Staretz, Jahrgang 1956, ist Motorjournalist, Reporter, Kolumnist, Objektkünstler, Schlagzeuger, Fotograf, zweifacher Autobesitzer (Jaguar XJ 6 und Landrover Pickup), ein Mann der vielen Talente und der verschärften Widersprüche: Staretz kann etwa in fetten Boliden herumkurven, was ihm zugleich von ganzem Herzen wurscht sein kann. Ist er während seiner Spaziergänge nicht gerade mit sich und der Welt beschäftigt, ist Staretz auch ein überaus freundlicher Mensch, der durch sympathischen Starrsinn auffällt.

Sehr früh hat das angefangen, darin ist er auch nicht älter geworden. Staretz, in die Ereignislosigkeit von A-3580 Horn geboren, lernt Motoren- und Kraftfahrzeugbau. Fräsen, Schweißen, Hobeln, Gießen, lernt Genauigkeit, auf den Tausendstelmillimeter genau. Bis heute treibt ihn die Idee an, im anderen Extrem den großen Wurf zu finden: "Gelernt habe ich, dass angeblich nur Exaktheit zum Ziel führt. Ich glaube aber immer mehr ans Ungefähre."

Ein "Schwall von Freiheitsgefühl", kein Mensch weiß woher, bringt den Zwanzigjährigen dann auch bis vor die Tür von Herbert Völker, Doyen des österreichischen Autojournalismus und Langzeitherausgeber der autorevue. Staretz schwebt vor, Autos zu testen, damals hat er noch an Stoppuhr und Maßband gedacht. Nicht an die späterhin ebenso unterhaltsamen wie gewieften Berichte und Reportagen rund ums Automobil. 1976 wurde er schließlich Redakteur der autorevue, dann Chefredakteur. Vor vier Jahren, während einem seiner Spaziergänge, rauf die Otto-Bauer-Gasse, kommt Staretz eine Idee: "Es war, als ob ich einen Kern ausspucke." Staretz kündigt seinen Posten, wird freier Autor für diverse Zeitschriften. Seine seit damals publizierten "Autodrom"-Kolumnen im profil sind soeben in Buchform erschienen: Mit "Lenk mich doch!" ist der Band betitelt, das Auto wird darin in 29 Einzelteile zerlegt. Und zugleich der Beweis erbracht: Staretz, ein Verächter der prätentiösen Prosa, beherrscht nicht nur die ausufernde Reportage, er ist auch ein Könner der kleinen, pointensatten Form.

Seit 2000 muss Staretz seine Leidenschaften nun nicht mehr zähmen: Das seit damals bestehende Kontor Staretz, Liechtensteinstraße 11, zeugt davon. Hier wohnt Staretz, hier schreibt er, hier ist der frei zugängliche Ausstellungsraum seiner Kunstobjekte, hier ist der Ausgangspunkt von allem. Hier hat er einen Wall aus Kunst um sich gezogen: Seit einigen Jahren baut Staretz aus urbanem Schwemmgut, das er während seiner Spaziergänge findet, wunderbare Objekte. "Maschinen" nennt er diese filigranen Objekte - fantastische Apparaturen, bestehend aus Tennisbällen, Kuckucksuhren, Sprungfedern oder Bleistiften, bei denen die an gebogenen Drähten applizierten Federn und Kunststoffschmetterlinge jeweils durch einen Elektromotor bewegt werden.

Das Kontor ist eine Anhäufung von Zierrat und Nippes, von nützlichen Dingen und Sachen in absurden Graden. Auseinander gerissen wäre es Ramsch, zusammen ergibt es eine wunderliche Welt: Comics, Bücher, Steine, Muscheln. Drähte, aufgepickt auf amerikanischen Salzseen und Blechdosen aus mexikanischen Geisterstädten. Federn, Spielzeugpuppen. Schachteln, auf denen "Ufo" steht, eine Single von Edith Piaf. Auf einem Foto ist, ausgerechnet, ein bärtiger Mann aus Tatarstan zu sehen, ein Zettel pickt an der Wand, auf dem steht "Nötzli 000417920933004" - eine eigene Art von Poesie hat das. Es würde nicht Wunder nehmen, wenn die Dinge, ist Staretz außer Haus, irgendwie miteinander in Kontakt treten würden, wenn im Kontor dann ein Zischeln und Brummeln zu vernehmen wäre. Tatsächlich ist im Kontor ein leises Rattern zu hören, steckt Staretz die rund zwanzig "Maschinen" an den Strom. Im Kontor, mittendrin im schönsten Wirbel, steht dann ein seltenes Bild, David Staretz - mitunter grimmiger Stadtwanderer, der vor seinem Spiegelbild erschrickt - und glüht regelrecht vor Freude.

Wolfgang Paterno in FALTER 37/2004



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