Unsere Liebe Frau vom Wald

David Guterson, Anne Rademacher


Der US-Bestellerautor David Guterson hat die Geschichte der heiligen Bernadette Soubirous in die USA von heute übertragen - und daraus einen klugen zeitdiagnostischen Roman gemacht.

Womöglich war es diesmal seine wirklich letzte größere irdische Reise, die den Papst kürzlich nach Lourdes geführt hat. Als kranker Pilger begab er sich in jene Grotte, in der einer gewissen Bernadette Soubirous im Jahr 1858 mehrmals die "weiße Dame" erschien. Die Visionen des 14-jährigen Mädchens, das dabei gleich auch noch eine Wunder wirkende Quelle mitentdeckte, trafen sich damals insofern gut, weil vier Jahre zuvor Papst Pius IX. das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens ausgerufen hatte.

Die Geschichte der kleinen Bernadette ist schon einmal zu großer Literatur geworden: Als Dank für die gelungene Flucht vor den Nazis löste Franz Werfel ein 1940 in Lourdes abgelegtes Gelübde ein und schrieb mit "Das Lied von Bernadette" sein letztes Meisterwerk: eine mitreißende mystische Heiligengeschichte ohne viel Kitsch, aber mit umso mehr historischem Kontext. Nun hat sich David Guterson mit "Unsere liebe Frau vom Wald" abermals an den Stoff herangewagt - mit dem Unterschied, dass er ihn radikal aktualisierte.

"Ich wollte erkunden", so der US-Bestsellerautor, "was passieren würde, wenn Bernadette von Lourdes im Amerika von heute auftreten würde." Sein Lourdes ist ein gottverlassenes Holzfällerkaff namens North Fork irgendwo im Nordwesten der USA. Seine Bernadette ist die 16-jährige Ann Holmes, eine Ausreißerin mit Drogenvergangenheit, die vom Schwammerlsuchen lebt und - so wie die echte Heilige - Asthmatikerin ist.

Das Wunder trägt sich im November 1999 zu, als Ann das erste Mal "Unsere Liebe Frau" im Wald erscheint, was sich schnell herumspricht. Wenige Tage später schließen sich ihr bereits mehr als Tausend Pilgertouristen an, die sich Linderung ihrer Leiden erhoffen. Eine selbst ernannte Sprecherin von Ann wittert das große Geschäft, während die katholische Kirche einen skeptischen Priester entsendet, um das Wunder zu überprüfen. Der liberale Pfarrer des eigentlich sterbenden, nun unverhofft wachgeküssten Holzfällerorts wiederum hegt nicht nur spirituelle Gefühle für die kränkliche Visionärin. Die Handlung rast auf einen gut inszenierten Showdown zu, ehe der Epilog den Geschehnissen und den Personen noch einmal ganz neue Perspektiven verleiht.

Marienerscheinungen sind prima vista nicht das Material, aus dem sich im Jahr 2004 zeitdiagnostische Romane machen lassen. Denkt man. Und man hat umso mehr Bedenken angesichts der ersten beiden Romane Gutersons - des verfilmten Weltbestsellers "Schnee, der auf Zedern fällt" (1995) und des schwächeren "Östlich der Berge" (1999) -, in denen es eher ironiefrei um das hehre Streben nach dem moralisch Richtigen, um starke Charaktere in entsprechend erhabenen Landschaften ging.

Doch "Unsere Liebe Frau vom Wald" entgeht wie durch ein Wunder der offensichtlichen Gefahr, entweder ins Moralisieren oder in den Zynismus abzugleiten. Guterson reichert die spannend erzählte Haupthandlung zwar mit allerhand philosophischen Fragen an. Er tut dies aber, wie es sich für einen Agnostiker mit jüdischen Wurzeln gehört, mit aller gebotenen Ambivalenz und Zurückhaltung - auch wenn seine implizite Kritik an der spirituellen Leere unserer Zeit unüberlesbar ist.

Vor allem aber besticht der Roman durch jede Menge prächtiger Dialoge und psychologisch einfühlsamer Porträts seiner befleckten Helden. Und so wie Jonathan Franzen mit den "Korrekturen" eine Milieustudie des US-Bürgertums geschrieben hat, lässt sich Gutersons bislang abgeklärtester Roman als stimmiges Gruppenporträt des White Trash lesen, der weißen Unterschicht. Der die meisten von uns - zumindest spirituell - auch ein wenig angehören.Man kann nicht wirklich sagen, dass es um den vor sechs Jahren verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann leise geworden wäre. Abgesehen vom eben erst beigelegten Streit um sein Erbe und das Schicksal seines legendären Zettelkastens, halten weiterhin zahlreiche Publikationen die Kommunikation über seine komplexe Systemtheorie am Laufen.

Aber auch bislang Ungedrucktes von Luhmann selbst gibt es immer wieder nachzulesen. So wurden für den Band "Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann?" vier seiner letzten Gespräche (u.a. mit Alexander Kluge) zugänglich gemacht. Die Interviews, die leider allzu wörtlich transkribiert wurden, bieten interessante Aufschlüsse über die Werk- und die Lebensgeschichte des Meisterdenkers aus dem deutschen Bielefeld - trotz seines spürbaren Unwillens, biografische Details wichtig zu nehmen. Ein besonderes Zuckerl: die abschließende Diskussion zwischen dem Soziologen Dirk Baecker, dem Medientheoretiker Norbert Bolz und dem Journalisten Wolfgang Hagen über Luhmanns Theorie der Massenmedien und ihren oft zitierten Einstiegssatz: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien."

Dirk Baecker kommt in diesem Zusammenhang auch auf die Konkurrenz zwischen den Massenmedien und der Soziologie zu sprechen - ein Thema, das Luhmanns zurzeit wohl interessantesten Weiterdenker auch in einigen der fünfzehn Essays seines Sammelbands "Wozu Soziologie?" beschäftigt. Ansonsten geht es in den anspruchsvollen Texten um so disparate Themen wie den Walkman, neue Musik, den griechischen Philosophen Plato, fraktale Räume und Luhmanns Abneigung gegen Computer.

Ah, übrigens, ehe ich es vergesse: Vielleicht wollen ja auch Sie wissen, warum Niklas Luhmann keinen Fernsehapparat hatte. Seine überzeugende Antwort: "Weil in den wenigen Momenten, wo ich Zeit habe, nie irgendetwas kommt, was mich interessiert."

Klaus Taschwer in FALTER 36/2004



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