Musik


Der deutsche Autor, Musiker (FSK) und DJ Thomas Meinecke lässt sich von Pop- und Genderdiskursen zu formal eigenwilligen Romanen inspirieren. Das Ergebnis: "Musik" zum Lesen.

Der Mann würde jeden Leiter von "Creative Writing"-Kursen zur Weißglut treiben. Nicht genug, dass er für Bücher wie "Tomboy" (1998), "Hellblau" (2001) oder seinen aktuellen Roman "Musik" auf all das verzichtet, was man gemeinhin als "spannend", "bewegend" oder "unterhaltsam" bezeichnet, er hat gleich überhaupt auf eine nacherzählbare Handlung verzichtet. Dennoch kann man sich in seinen Büchern genauso festlesen wie in einem erzählerisch aus dem Vollen schöpfenden Roman. Einzige Voraussetzung dafür: ein wenig Interesse an der alten Tante Popmusik, die sich seit Jahrzehnten wie ein roter Faden durch Leben und Arbeit des Bayern zieht.

Thomas Meinecke ist abhängig von Musik. Folglich gestaltet er sein Leben seit der Pubertät so, dass er ständig mit ihr zusammen sein kann. Erst als faszinierter Hörer schwarzer Scheiben, seit den frühen Achtzigerjahren auch aktiv in der Band FSK, mit der er sich in bislang beispielloser Manier musikalische Sprachen von Blues und Country bis Techno und R 'n' B aneignete (er selbst würde wohl das Wort "annähern" bevorzugen), sowie als Radio-DJ in der Sendung "Graceland" (auf Bayern 2).

Im Alter von 49 Jahren, in dem andere nur mehr aus alter Gewohnheit die Wege einiger weniger Lieblingsbands aus ihrer Jugend verfolgen, ist Meinecke immer noch ein rastloser Rezipient aktueller Popphänomene zwischen Mainstream und Underground. "Es lässt einfach nicht nach", lacht der stets gut Gelaunte im Interview mit dem Falter. "Ich muss wöchentlich in den Plattenladen gehen, weil ich sonst das Gefühl habe, mir geht der Stoff aus, den ich brauche. Es macht mich sehr glücklich, wenn ich auf den Stapel von kürzlich gekauften und noch nicht gehörten Platten in meinem Zimmer schaue. Weil ich weiß, dass ich daraus noch etwas kriegen werde."

Während sich diese Art von "Neugier" bei den meisten Menschen um die dreißig deutlich reduziert, ist sie nach wie vor der Motor, der den bayrischen Grenzgänger zwischen Popkultur und Literatur am Laufen hält. Neugierig wühlt sich Meinecke Woche für Woche durch die Neueingänge beim Münchener Optimal, dem Plattenhändler seines Vertrauens, ebenso wie er auf seinen zahlreichen Reisen als Lesender und DJ keinen noch so winzigen Secondhand-Vinylladen auslässt. Was er dort findet - seien es nun alte Jazz- und Discoplatten oder die neueste Produktion aus der Schmiede von R-'n'-B-Kaiserin Missy Elliott -, ist für ihn nicht bloß gut für die Ohren, sondern auch für die Textproduktion: "Mich interessiert das Aufschreiben dessen, was ich rezipiere. Ich möchte lieber die passive Qualität des Aufnehmens, natürlich auch ein wenig die des Verarbeitens, betonen, als ein souveräner Autor sein, der ständig in allem Sinn finden bzw. Sinn stiften muss. Das ist nicht meine Baustelle."

Thomas Meinecke versteht seine Texte als Versuchsanordnungen mit offenem Ausgang. Zu Beginn der Arbeit an "Musik" etwa standen nur zwei, drei Grundideen: Das Buch sollte die Geschichte der Black Music behandeln, es sollten Genderdiskurse darin vorkommen - das zweite Spezialgebiet des Autors, dem er sich schon in "Tomboy" eingehend widmete -, und es sollte ein Geschwisterpaar auftreten, dem Meinecke seine Recherchen und Reflexionen in den Mund legen konnte.

So weit, so bekannt. Mit der Rumpfhandlung von "Musik" nähert sich Meinecke nun aber doch erstmals und noch sehr schüchtern dem Erzählen an. "Diese Geschwisterkonstellation, von der ich ausgehe", erklärt er, "ist ein klassisches narratives Konzept. Und danach hat sich das Buch dann auch entwickelt: Ich habe mich zwar nie als Türsteher empfunden, der dem Leser den Zutritt verweigert, aber
Musik' ist sicher ein bisschen leichter lesbar als die beiden anderen Bücher." Dass diese Einschätzung bei der Lektüre bestätigt wird, könnte allerdings auch mit dem Gewöhnungseffekt zu tun haben; oder schlicht mit dem Inhalt: Missy Elliott & Co sind denn doch etwas besser eingeführt als die superobskuren schwarzen Detroiter Technoacts, die so manchen Leser von "Hellblau" verwirren mussten.

Wem diese selling propositions noch nicht genügen, dem sei dieser unermüdlich Bücher, Zeitungen, Websites und Plattencover zitierende Roman mit der Feststellung ans Herz gelegt, dass es darin in hohem Maße um Sex geht. Eine deftige Liebesszene wird man auf den 371 Seiten zwar vergeblich suchen, dafür wirbelt Meinecke die scheinbar simplen Verhältnisse zwischen Hetero- und Homosexualität tüchtig durcheinander. "Als jemand, der sein Leben lang heterosexuelle Liebespraktiken verfolgt hat", beginnt er seine Ausführungen mit einem Outing, "finde ich es ein ganz großes Verdienst der Queer Studies, meine Heteronormalität infrage zu stellen. Der Punkt ist, Begriffe wie Homo- und Heterosexualität nicht mehr als gegeben zu nehmen, sondern zu erkennen, dass eventuell die Heterosexualität von der Homosexualität abgeleitet ist; dass sich diese Dinge nicht allzu selbstverständlich darstellen." Das darzulegen ist in Zeiten von Schwulenverulkungsfilmen eines Michael "Bully" Herbig in der Tat kein geringes Verdienst.

Am besten aber ist Meinecke immer noch dort, wo er die Winkel der Musikgeschichte ausleuchtet und dort Unerwartetes aufspürt. So gelangt er etwa in "Musik" zur Erkenntnis, dass die Wahrnehmung von Black Music als einer besonders authentischen nicht haltbar ist: "Das ist eine weiße, mittelständische Projektion. In Wahrheit weist die Black Music wie keine andere ein disloziertes, diasporisch umherirrendes Element auf, und bei der so genannten Roots-Musik Blues geht es in Wahrheit um Entwurzelung, nicht um Wurzeln."

Sebastian Fasthuber in FALTER 36/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×