Die Knochenfrau

Clea Koff, Karin Schuler, Heinz Tophinke


Zwei Bücher, aus denen es stinkt - nach erfundenen und nach echten Leichen. Kathy Reichs hat aus ihrem Metier als Gerichtsanthropologin einen Markenartikel gemacht. In "Mit Haut und Haar" vermasseln die Toten der Ich-Erzählerin gern die schönsten Rendezvous, indem sie zur Unzeit auf ihrem Seziertisch landen. Reichs reichert ihre Krimis mit viel Fachwissen an, doch ihr jüngster wirkt so atemlos hingeschnoddert, dass man ihn am nächsten Tag vergessen hat, was auch das Beste ist. Immerhin weiß man nun, dass die modernen Wilderer kein Gewissen haben, wenn sie mit den letzten Exemplaren aussterbender Arten handeln, und dass ein überzähliges X-Chromosom die Kriminalisten ganz schön in die Irre führen kann. Wer hätte das gedacht!

Clea Koff gehörte den Teams an, die ruandische und bosnische Genozidopfer exhumierten, und schrieb sich nun in "Die Knochenfrau" das Trauma von der Seele. Sie hat unzählige Opfer identifiziert und die Todesumstände rekonstruiert. Sie erzählt, was es heißt, Tote mit auf den Rücken gefesselten Händen zu bergen, Skelette zusammenzusetzen, wie Menschen reagieren, wenn sie die Kleiderreste mutmaßlicher Angehöriger identifizieren sollen; wie es ist, als Frau mit ein, zwei Helfern eine schwere, unhandliche Leiche aus einem engen Grab zu wuchten und abends auch nach mehrmaligem Duschen den Leichengeruch nicht ganz loszuwerden. Sie erklärt, warum man das tut und wie man selbst darauf reagiert. Vielleicht wäre alles nicht so erschütternd ausgefallen, hätte Koff nicht das vorgesehene "Debriefing" versäumt, das den UNO-Mitarbeitern helfen soll, das Erlebte zu verarbeiten. Sie war bei der Arbeit voll der Hoffnung, zur Vermeidung künftiger Genozide beitragen zu können. Ganz so hoffnungsvoll ist sie nicht mehr. Nach der Lektüre der "Knochenfrau" verträgt man "Mit Haut und Haar" schon gar nicht.

Hellmut Butterweck in FALTER 35/2004



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