Reinigungen. Vom Abfall der Moderne zum Kompost der Nachmoderne

Roger Fayet


Schmutz ist geil: Zu diesem Befund kommt Rolf Lindner in seiner Geschichte der Stadtforschung. Und der Kunsthistoriker Roger Fayet feiert die Postmoderne als Kultur der Kompostierung.

Mit dem Besen in der Hand versprach der später tatsächlich zum Gouverneur von Kalifornien gewählte Arnold Schwarzenegger aufzuräumen: "I will go to Sacramento and clean house." Der Aufruf zu Säuberungen gehört zum Standardrepertoire rechter Rhetorik: Ausländer, Junkies, Obdachlose verschmutzten die Umwelt anständiger Bürger. Die Stichworte für solche Verbindungen zwischen Müll und Menschen liefert paradoxerweise auch jene wissenschaftliche Disziplin, die sich der urbanen wild side mit offenen Augen und großem Herzen nähert: die Stadtforschung.

Der in Berlin lehrende österreichische Ethnologe Rolf Lindner verweist in seiner kürzlich erschienenen "Geschichte der Stadtforschung" auf den problematischen Gebrauch des Begriffs "Ghetto" für städtische Wohngebiete von Afroamerikanern. Stadtsoziologische Studien der Sechzigerjahre hätten diesen Begriff popularisiert - als Synonym für innerstädtische Ruinenviertel, in denen Ratten und Verbrecher hausen und sich im Winter Obdachlose an brennenden Mistkübeln wärmen. Dabei hatten die Wissenschaftler, getrieben von den besten Absichten, nur eine identitätsbildende "Black Culture" im Sinne - in deren Kontext sogar der Kleinkriminelle, der hustler, zum gewitzten Außenseiter verklärt wurde. Allerdings zappelten die romantisierten Subjekte in der ihnen zugeschriebenen kulturellen Andersartigkeit wie die Fliegen im Spinnennetz; unter anderen Vorzeichen eigneten sie sich als Objekte konservativer Aufräumpolitik.

Für die Metropolenforscher waren die schwarzen Ghettos ideale Schauplätze ethnografischer Untersuchungen: "Sie bescheren jene thrills der Übertretung, die ein nicht zu leugnender Bestandteil ethnografischer Forschung sind", so Lindner. Die städtische Feldforschung artikuliert in diesem Sinne "die Sehnsucht, das
wirkliche' Leben hinter vorgefassten Meinungen und ohne moralische Filter zu erfahren".

Der Schweizer Kunsthistoriker Roger Fayet hat in seinem Buch "Reinigungen" ein kulturphilosophisches Erklärungsmodell für diese schmutzigen Fantasien aufgestellt. Für ihn ist Schmutz nicht etwas, was auf bestimmte Qualitäten eines Objekts zurückzuführen wäre, sondern überhaupt erst im Vorgang des Trennens und Ordnens hergestellt wird. "Ohne Beobachter wäre die Welt sauber." Es wird also stets neu beurteilt, ob ein Gegenstand wertvoll ist oder auf dem Müllhaufen landet; seiner Wiederbelebung steht prinzipiell nichts im Wege.

Fayet kennzeichnet die Moderne als ein großes Reinigungsprojekt: Die verwinkelten Altstädte weichen der tabula rasa eines Urbanismus à la Corbusier, die Geschichte wird wie Giftmüll entsorgt, Adolf Loos reißt das Ornament von den Wänden - und die Kunst aus dem alltäglichen Gebrauchszusammenhang. Die konkrete Poesie wird buchstäblich, die Leinwand weiß. "Die Moderne räumt auf, zieht strenge Grenzen, bejaht weniges und verwirft vieles." Der Nachteil dieser großen Entsorgung: Der Bereich der akzeptierten Wirklichkeit wird mit jeder Reinigung ärmer und steriler.

Fayets Begriffsbildung ist selbst eine Art Flurbereinigung, die die Moderne vor allem über die Form definiert. So rein kann eine Epoche gar nicht gewesen sein, an deren Anfang auch das Urinoir von Marcel Duchamp ("Fountain", 1917) stand. Allzu smart scheint zudem Fayets Begriff der "postmodernen Kompostierung", der den Ausweg aus der Trockenkammer der Moderne weisen soll. Kompostierung, man könnte auch von Recycling sprechen, ist überall: Sie kann sich in der Kunst der Sechzigerjahre mit ihrer Vorliebe für Körpersäfte äußern, in den historischen Zitaten postmoderner Architektur oder in der Vermischung von Hoch- mit Populärkultur. Das Hybride bringt Leben in die reine Wüste, der postmoderne Fleck folgt der weißen Weste der Moderne.

Bei der Enträtselung urbaner Designoberflächen erweist sich der Begriff der Kompostierung dennoch als hilfreich. Nostalgische Wiederverwertung löst die Trashkultur der späten Siebziger ab, die trotzig den Griff in die Kloschüssel zelebrierte. Trash light: Das sind die Taschen der Schweizer Firma Freitag, die als schick gelten, weil sie aus alten LKW-Planen bestehen; der anachronistisch gewordene Klingelton verschwand nicht mit den Wählscheibentelefonen, sondern brachte es als Handyton "Old Phone" zu neuer Popularität; Typografen schneiden Schriften verschrotteter elektrischer Schreibmaschinen nach, und das Knistern von Vinylscheiben fettet digitale Sounds auf. So werden Schmutzschichten zu erotisierender Patina.

Die Wirklichkeitsmodelle konservativer europäischer Parteien sind von dieser Kompostkultur weit entfernt. Erst kürzlich schilderte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel die Sorgen der deutschen Christdemokraten über den Wählerschwund in den Städten. Statt heiler Kleinfamilien wohnen dort allein erziehende Väter und Mütter. Das nationalbürgerliche Ideal der eingeborenen Nachbarschaft hat sich überlebt: Vom schicken Dachausbau aus wird der aus dem Osten zugezogene Nachbar als Bereicherung empfunden. Die österreichischen Konservativen plagen ähnliche Sorgen. Die individualistischen Stadtansichten der neuen urbanen Bürgerlichkeit widersprechen der Sehnsucht nach dem dörflich Überschaubaren. Politische Gewinner sind die Ökoparteien, die als Kompostierungsbewegungen begannen. Die mentalen Stadtpläne traditioneller Politik hinken dem Wissensstand der Stadtforschung um Jahrzehnte hinterher. Seinerzeit waren das Wirtshaus oder die Feuerwehrfeste noch Stätten sozialer Wechselwirkung - und Bühnen für Politikerauftritte. Heute treffen sich die Nachbarn im Open-Air-Kino, am türkischen Markt oder im Ökoladen. Oder auf dem Sperrmüllplatz, wo nach Stühlen des dänischen Parademodernisten Arne Jacobsen geschnüffelt wird.

Matthias Dusini in FALTER 35/2004



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