13 wahre Geschichten

Alex Capus


Alex Capus hat "13 wahre Geschichten" seiner Schweizer Heimat recherchiert und nacherzählt. Literatur? Journalismus?

Alex Capus' Bücher erzählen in klarer Sprache Geschichten, die den Leser in ihren Bann zu ziehen vermögen. Sie verkaufen sich in der Regel sehr gut. Dem Feuilleton dagegen sind die Texte des Schweizers suspekt. Rezensenten hingegen legen seine Romane immer wieder in übel beleumundete Schubladen ab, wie "oberflächliche Behauptungsprosa" (Neue Zürcher Zeitung) oder "brauchbare Vorlage für ein Fernsehspiel" (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

Alex Capus kümmert die Ablehnung der professionellen Leserschaft dem eigenen Bekunden nach kaum. Und dass sich gewiss kunstvoller erzählen lässt, als er es tut, will der 43-Jährige im Falter-Gespräch auch nicht bestreiten. Ja, mehr noch: "Ich weiß nicht einmal, was gern gegen mich ins Feld geführte Begriffe wie Moderne und Postmoderne eigentlich bedeuten", meint er nicht ganz ohne Koketterie. Wer an Literatur vor allem stilistische Bravour schätzt, wird anderswo sicher besser bedient als bei Capus, der einen ganz pragmatischen Zugang zur Sprache pflegt: "Der Stil ist wichtig, so wie beim Auto der Motor wichtig ist: Er soll funktionieren und die Geschichte optimal vorantreiben - und ansonsten keine störenden Geräusche machen."

Der ehemalige Journalist einer Nachrichtenagentur ("von dieser hektischen Arbeit kommt mein knapper, sparsamer Stil") hat für seine aktuelle Veröffentlichung viel Zeit in den Bibliotheken und Archiven seiner Heimat verbracht, um wenig bekannte, aber nichtsdestotrotz bemerkenswerte Geschichten aus der Schweizer Historie auszugraben. Ob man das Ergebnis nun Literatur nennt oder Journalismus, ist Capus egal. "Ich bin ein Borderliner", sagt er. Ohne Zureden hätte er gar nicht erst mit dem Bücherschreiben begonnen. Capus lapidar: "Mein Gott, wenn einen der Diogenes Verlag fragt, ob man nicht einen Roman schreiben möchte, dann macht man das halt."

Nicht nur das Debüt "Munzinger Pascha" (1997), auch seine "13 wahren Geschichten" entstanden wiederum als Auftragsarbeiten, die zuerst in der Zeitschrift Schweizer Familie erschienen. Einige davon handeln von sonderbaren Begebenheiten und skurrilen Persönlichkeiten. Die gelungeneren Texte freilich sind ganz unspektakulär - wie jener über die kleine Gemeinde Olten, die es durch Intrigen und Gaunereien schaffte, zum wichtigsten Knotenpunkt im Eisenbahnverkehr des Landes zu avancieren. "Olten ist ein Ort, an dem man in der Schweiz nicht vorbeikommt", lacht Capus, der nicht ganz zufällig auf Olten kam. Schließlich lebt er dort. "Der Stadtpräsident nennt mich gern einen Nestbeschmutzer, aber ansonsten bin ich für die meisten Oltener ein Dorfheiliger."

Durch die hiesige Brille gelesen, taugen die "13 wahren Geschichten" des Schweizer Autors, der seit Jahren in österreichischen Verlagen wie Deuticke und Residenz veröffentlicht, auch als Korrektiv zu manch populärem Schweiz-Klischee. Das Bild vom braven, überangepassten Eidgenossen etwa ist historisch nicht zu halten. Jahrhundertelang waren die gefürchtetsten Söldner Europas Schweizer, durch sie wurden die meisten Kriege im 14., 15. und 16. Jahrhundert entschieden. "Den Schweizer, wie die Welt ihn heute kennt, gibt es noch nicht lange", erklärt Capus. "Erst seit dem Zweiten Weltkrieg, durch den er enorm profitiert, sich aber auch schuldig gemacht hat, ist er ein Duckmäuser und verwaltet mit etwas schlechtem Gewissen seinen Reichtum."

Sebastian Fasthuber in FALTER 35/2004



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