Meine zweite Haut

Erwin Mortier, Ira Wilhelm


Die Pubertät ist eines der Paradethemen der Literatur. Mehrere Meter Regal lassen sich jährlich mit den entsprechenden Neuerscheinungen füllen. Dabei fällt auf, dass sich die meisten Romane, die das Prädikat der Zeitlosigkeit verdienen, auf die Seelenqualen von Außenseitern konzentrieren. "Meine zweite Haut" des Belgiers Erwin Mortier ist so ein Titel. Der psychologisch messerscharf modellierte Ich-Erzähler ist ein unfreiwilliger Einzelgänger. Sein biederes Elternhaus hat den Zwölfjährigen nicht mit der Weltläufigkeit ausgestattet, die nötig wäre, um artikulieren zu können, warum er sich abkapselt. "Was fehlt dir eigentlich? Antons Antwort fasst seine Not zusammen. " Ich weiß es nicht', brüllte ich dann zurück. Alles!'" Hätte er den vor Selbstbewusstsein strotzenden Willem nicht kennen gelernt, wüsste er möglicherweise erst als Erwachsener, dass sein Problem so simpel wie schwierig ist: Ihm fehlt ein Freund, der ihm auf ganz praktische Art vermittelt, dass sich manche Jungen nun mal in Jungen verlieben. Das Aha-Erlebnis im Bett bedeutet freilich noch kein Happy End. Katholischer Mief diktiert Antons Alltag.

Was man an diesem Buch hat, merkt man erst so recht, wenn man es mit "Krass!" vergleicht, ein auf Unterhaltung hin getrimmtes Pendant von Augusten Burroughs. Die Psychologie des Personals des US-Bestsellers erinnert an die Pappkameraden von "Al Bundy" und Co, am meisten verblüfft, dass der elfjährige Protagonist schon zu Beginn erwachsener wirkt als seine Mutter, die tiefer in der Pubertät zu stecken scheint als ihr Sohn. Mit unerträglicher Leichtigkeit hopst die Kindertunte durch eine zur Bonbonwelt verkehrte seelische Trümmerlandschaft, auch wenn ihre Umwelt ihren Putzfimmel nicht akzeptiert. Krass, wie billig der Autor es gibt, um - am Thema vorbei - einen Verkaufserfolg zu lancieren.

Martin Droschke in FALTER 34/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×