Checkpoint

Nicholson Baker, Eike Schönfeld


Nicholson Baker lässt in seinem soeben erschienenen Buch "Checkpoint" einen Mann zu Wort kommen, der Präsident Bush ermorden will.

Wäre es nicht hoch an der Zeit, dass sich jemand fände, um diesen beschränkten texanischen Wahnsinnigen aus dem Weg zu räumen, der sich die Präsidentschaft des mächtigsten Landes der Welt ergaunert und dem "Terror" einen Krieg erklärt hat, dem nicht nur die internationalen Menschenrechte, sondern auch Tausende Unschuldige geopfert werden? Sollte nicht endlich jemand George W. Bush ermorden?

Solange dergleichen (maul-)radikales Gerede auf die politischen Stammtische dieser Welt beschränkt bleibt, ist alles ganz normal. Sobald aber jemand öffentlich kundtut, dass "dieses Dreckschwein, dieser widerliche texanische Wichser mit seinen zugedröhnten Augen, der nicht mal reden kann", getötet gehört, damit er seinerseits niemanden mehr töten kann ("Indem ich ein kleineres Blutbad bei einem Menschen anrichte, verhindere ich ein größeres"), wird er nicht nur mit anders Gesonnenen, sondern eventuell auch mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Im vorliegenden Falle handelt es sich freilich weder um die Aufforderung zum Politmord noch um eine Verherrlichung desselben, sondern um eine literarische Fantasie: Nicholson Bakers zeitgleich im amerikanischen Original und in deutscher Übersetzung erscheinendes Buch "Checkpoint", dem die oben angeführten Zitate entnommen sind, führt zwei alte Bekannte in einem Washingtoner Hotel zusammen und lässt sie 140 Seiten lang über die Ermordung des derzeitigen US-Präsidenten quasseln, die einer von den beiden plant. Oder, um es mit den Worten auszudrücken, mit denen Leon Wieseltier seine Rezension von "Checkpoint" für die New York Times einleitet: "Dieses dreckige kleine Buch behandelt die Frage, ob die Probleme, die unser geschätztes und besorgtes Land bedrücken, dadurch gelöst werden können, dass man den Präsidenten erschießt."

Bakers Roman sorgte schon Anfang Juli für Aufregung, nachdem Auszüge daraus in der Washington Post abgedruckt worden waren. In einem Kommentar für den Guardian vertrat etwa Mark Lawson die Meinung, es sei "nicht bloß taktlos, sondern antidemokratisch, vom Tod eines gewählten Politikers zu fantasieren". Ein düsteres Urteil über die staatsbürgerliche Verfasstheit der USA, ist dort die Ermordung gewählter Präsidenten doch spätestens seit Kennedys gewaltsamen Tod im Jahr 1963 fixer Bestandteil der kollektiven politischen Fantasie.

Hierzulande hat Gerhard Roth in seinem Roman "Der See" (1995) mit einem an Ladehemmung scheiternden Attentat auf einen rechtspopulistischen Politiker für Debatten gesorgt. Allerdings hatte sich Roth - so wie auch Martin Walser in seinen Tötungsfantasien an Großkritikern und Verlegern im "Tod eines Kritikers" (2002) - dem Spiel der Fiktion überantwortet und Haider nicht genannt, sondern allenfalls gemeint. Bei Baker bleibt die Tür zur Schmuddelkammer des Schlüsselromans freilich geschlossen, kein Name ungenannt: "Okay, ich weiß, ich muss Bush loswerden, aber halt, Cheney ist doch doppelt so schlimm, den muss ich auch beseitigen (...). Aber halt, hmmm, Rumsfeld ist genauso schlimm wie Cheney, also müsste man ihn gerechterweise - und nicht zu vergessen Powell (...)."

Bakers Roman, der - sieht man von einem Kurzauftritt des Zimmerservice ab - ausschließlich aus dem Dialog zwischen dem entschlossenen Bush-Attentäter Jay und dessen Freund Ben besteht, dem er seine Geständnisse zu Protokoll gibt, dokumentiert jene Wut, die das Bush-Regime auch unter Amerikanern ausgelöst hat. Etwas von ihr muss auch Baker, diesen sanften Hyperrealisten und zärtlichen Vivisekteur des Alltags, erfasst haben, dessen vorletzter Roman "Eine Schachtel Streichhölzer" (siehe Falter 14/2004) im Original erst letztes Jahr erschienen ist. Aber "Checkpoint" - der Titel bezieht sich auf einen Zwischenfall in Kevlar, als amerikanische Soldaten irrtümlich ein ziviles Fahrzeug unter Beschuss nahmen und zwei Mädchen vor den Augen ihrer Mutter die Köpfe wegschossen - ist kein blindwütiges Politpamphlet: "Baker ist zu ambivalent und politisch zu unverlässlich, um ein Michael Moore der Literatur zu sein", urteilte Newsweek.

Was noch hinzukommt, ist der Umstand, dass der zum Attentat entschlossene Jay ganz offensichtlich einen an der Klatsche hat. Familien-, Finanz- und Liebesleben sind im Arsch, und auch die Idee, Bush mittels "ferngesteuerter fliegender Sägen" oder "selbststeuernder Kugeln" ins Jenseits zu befördern, lässt auf eine gewisse geistige Zerrüttung des Möchtegernmörders schließen. Das mag dem Kalkül des Autors geschuldet sein, sich gegen den Vorwurf einer Identifikation mit dem Aggressor zu immunisieren, lenkt aber die Aufmerksamkeit auch auf die Gesprächsdynamik zwischen den beiden Männern. Wie Ben versucht, seinen grenzwertigen Freund vom Attentat abzubringen, hat auch seine komischen Seiten:

"BEN: Stell dir mal vor, jemand wäre letztes Jahr so vernünftig gewesen, ihn umzubringen (...) Ich glaube, die Kriegsmaschinerie wäre unaufhaltsam weitergelaufen.

JAY: Oh, nein, nein, da stimme ich dir nicht zu. Das hätte alles entscheidend verlangsamt. Keine Frage. Willst du die Kugeln sehen?

BEN: Weißt du, was du brauchst?

JAY: Was?

BEN: Einen Hund. Einen kleinen Hund."

Die Leistung von "Checkpoint" besteht also weniger in seiner politischen Sprengkraft oder einer etwaigen kathartischen Wirkung, als vielmehr in der minutiösen Dokumentation des Gesprächsflusses mit all seinen Windungen, Katarakten und tektonischen Verwerfungen. Das disparate Material, das in ihm mitschwimmt, wird unabhängig von seiner Herkunft und Dignität registriert, ob es sich dabei nun um Fakten, Verschwörungstheorien oder Anekdoten handelt. Dabei fällt für jeden etwas ab. Sollte man in nächster Zeit zum Beispiel in einem amerikanischen Hotel Lust auf ein Steak verspüren, dann weiß man jetzt immerhin, was man bestellen muss, wenn man es gerne englisch hat: ein vollständig durchgebratenes Steak.

Klaus Nüchtern in FALTER 34/2004



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