Ich bin in mir selbst zu Hause

Barbara Weidle, Ursula Seeber, Herta Blaukopf, Oliver...


Männerschwarm und Muse, Alkoholikerin und Antisemitin: Alma Mahler war noch schlimmer als ihr Ruf. Zu diesem Ergebnis kommen neue Biografien über sie und ihre Tochter Anna, die heuer hundert Jahre alt geworden wäre.

Wozu schlafen, wozu wachen. Ob man nun säuft, frisst, vögelt oder krampfig-asketisch Werke-Werte schafft, alles ist gleich." Diese düsteren Gedanken vertraut Alma Mahler am 16.4.1939 im Pariser Exil ihrem Tagebuch an. Ihre Ehe mit dem jüdischen Schriftsteller Franz Werfel ist zerrüttet ("die Rassenfremdheit ist unüberbrückbar"). Aber obwohl Adolf Hitler der sechzigjährigen Wiener Salonlöwin als "Genie an der Spitze eines großen Volkes" erscheint und sie dem Diktator und Bruckner-Fan gerne die Partitur von dessen dritter Sinfonie verhökern möchte, entschied sie sich zur Emigration. Die Josef-Hofmann-Villa auf der Hohen Warte, das Haus in Venedig, der geliebte Priester Johannes Hollnsteiner, das alles lässt sie zurück und folgt dem Bestsellerautor Werfel in das vom Krieg bedrohte Frankreich. "Sie hatte Angst vor dem, was gekommen wäre, wenn sie Werfel verlassen hätte", erklärt der Biograf Oliver Hilmes (siehe Interview im Kasten) Almas paradoxe Entscheidung für ein Leben inmitten des "jüdischen-kommunistischen Klüngels" (Alma).

Was dieses intime Geständnis bei aller Melancholie aber auch vermittelt, ist das unverblümte Bekenntnis Mahler-Werfels zu den elementaren Dingen des Lebens. Die asketische Abgeschiedenheit einer Künstlerexistenz war ihre Sache nicht, das Saufen und Vögeln schon eher. Die schwergewichtige, leidenschaftliche Trinkerin des Kräuterlikörs Benediktiner, einst als schönstes Mädchen Wiens berühmt, hinterließ bei ihrem Tod vor vierzig Jahren in New York zwar einige Kompositionen, zur Ikone des zwanzigsten Jahrhunderts aber war sie durch ihr Sexleben geworden. Ihr Ruf als Schlampe der Wiener Moderne wäre längst verhallt, hätten ihre Liebhaber und Ehemänner nicht zu den bekanntesten Künstlern des vergangenen Jahrhunderts gezählt. In der neuen Alma-Biografie des deutschen Historikers Oliver Hilmes - es ist die bisher sechste - umfasst die Liste prominenter Zeitgenossen, die Alma Mahler-Werfels Wege und teilweise auch ihre Betten kreuzten, eine ganze Buchseite. Die Biografie befriedigt die voyeuristischen Bedürfnisse einer versauten Gossip-Leserschaft und rechtfertigt den Blick unter die Tuchent mit dem kulturhistorischen Kaliber der darunter Gebetteten.

"In der bürgerlich verklemmten Gesellschaft der Jahrhundertwende war es schon etwas Besonderes, wenn eine Frau derart erotisch ungeniert in den Vordergrund tritt", erklärt die Historikerin Brigitte Hamann die Faszination, die zu Lebzeiten von Alma ausging. "Wie wenige Frauen haben weniger als fünf Liebhaber gehabt", relativiert Johannes Trentini, 94, am Telefon eines Innsbrucker Altersheims, Almas Promiskuität. Er nennt Alma seine Ersatzmutter, schildert sie als geistreiche, empfindsame Frau, die "Männer animiert hat, das Schöpferische auszunutzen".

Präsent ist Alma zurzeit durch das seit 1996 alljährlich aufgeführte Polydrama "Alma - A Show Biz ans Ende" von Joshua Sobols in der Regie von Paulus Manker. Nach Wien, Venedig und Lissabon macht das Stück derzeit an Mahler-Werfels vorletztem Wohnort Los Angeles Station. Für die anhaltende Popularität der Figur sorgte die 1960 erschienene und sehr erfolgreiche Autobiografie, in der sich die Wienerin zur aufopfernden Muse stilisiert, die zugunsten ihrer Männer auf eine eigene künstlerische Karriere verzichtet. Dieses Bild wird von Hilmes korrigiert, der auf unbekannte Textquellen, vor allem aber auf bisher unveröffentlichte Tagebücher zurückgreift.

Als Alma den um 19 Jahre älteren Hofoperndirektor Gustav Mahler kennen lernt, ist sie 22 Jahre alt und Kompositionsschülerin von Alexander von Zemlinsky. Eine Liebesgeschichte mit Mahler beginnt. Bald darauf schreibt ihr dieser einen Brief, in dem er Alma mitteilt, keine Konkurrenz im eigenen Haus zu dulden. Gleichzeitig stellt er es ihr aber frei, die Beziehung zu beenden, sollte sie auf ihre Arbeit nicht verzichten wollen. "Ich habe das Gefühl, als hätte man mir mit kalter Faust das Herz aus der Brust genommen", notiert Alma - wie immer ohne eine Spur von Ironie. Drei Monate später wird geheiratet, ein unglückliches Eheleben mit dem Workaholic beginnt. 1904 kommt ihre zweite Tochter Anna Justina zur Welt, sie wird in Elias Canettis Buch "Augenspiel" verewigt werden, die ältere stirbt 1907 an Diphtherie.

Die dreißigjährige Berufsgattin beginnt während eines Kuraufenthalts im steirischen Tobelbad eine Affäre mit dem deutschen Architekten und späteren Bauhaus-Mitbegründer Walter Gropius. Zunächst gibt es aber noch jede Menge Ärger mit dem herzkranken Gatten, der die Liebesbriefe des Zukünftigen an Alma entdeckt. Zwecks Analyse des verglommenen ehelichen Liebeslebens konsultiert Mahler Sigmund Freud, schreibt Alma überschäumende Liebesbriefe, kritzelt in die Partitur seiner 10. Symphonie wahnhafte Liebesschwüre. Alma wird sie später als Faksimile publizieren. Der Status als Mahler-Witwe ist ihr symbolisches Stammkapital. Obwohl sie Mahler um 53 Jahre überlebt, schreibt sie keine Note mehr.

Als der weltberühmte Komponist 1911 begraben wird, ist Alma 32, attraktiv, reich, die Männer stehen Schlange. Der junge Maler Oskar Kokoschka hätte ohne sie einige seiner besten Bildern nicht gemalt. Nach dem Ende der Affäre wird er sich in Dresden eine Puppe als Alma-Substitut anfertigen lassen, die er modisch einkleidet, an sonnigen Tagen spazieren fährt und der er später während eines Gartenfestes den Kopf abhackt.

Alma heiratet Walter Gropius, findet es aber ausgesprochen unheldisch, dass dieser im Krieg eine Hundeschule leitet. "Mein Mann muss erstrangig sein." Ihre Briefe an die Front sind dennoch nicht frei von Demut: "Das erste Mal, wenn wir uns wieder sehen, werde ich an dir zu Boden sinken, auf Knien bleiben, kniend dich bitten, mir mit deinen Händen das heilige Glied in den Mund zu stecken." Das gemeinsame, früh an Kinderlähmung verstorbene Kind Manon wird zum idealisierten Liebesobjekt der umtriebigen Mutter. Alban Berg widmet ihr sein Violinkonzert mit den Worten: "Dem Andenken eines Engels."

Noch vor Kriegsende tritt jener Mann in ihr Leben, mit dem Alma am längsten zusammen sein wird: der 27-jährige Autor Franz Werfel. "Werfel ist ein O-beiniger, fetter Jude mit wülstigen Lippen und schwimmenden Schlitzaugen! Aber er gewinnt, je mehr er sich gibt." Sie beginnt eine Affäre mit dem Autor, aus der ebenfalls ein Kind hervorgeht, das bald nach der Geburt stirbt und diese überhaupt nur mit knapper Not noch erlebt, löst der heftige Sex mit Werfel im Sommerhaus in Breitenstein (Gropius saß gerade in einem Militärzug) doch starke Blutungen aus. Werfel im Tagebuch: "Wir liebten uns! Ich schonte sie nicht!"

"Die Frau als Hure war das Ideal der Wiener Moderne. Dass eine Frau den Spieß umdreht und das Heft in die Hand nimmt, war die Provokation", erklärt Brigitte Hamann. Abtreibungen, Fehlgeburten, der frühe Tod mehrerer Kinder sind die tragische Seite dieser frühen Version von "Sex and the City". Durch ihr Kommunikationstalent ist Alma Mahler das, was die Netzwerktheorie einen Hub nennt: ein Knotenpunkt des kulturellen Feldes. Als Frau von offiziellen Machtpositionen ausgeschlossen, bediente sie die Schalthebel des Kulturbetriebs inoffiziell von ihrem Salon aus. Almas mit Begehren gepaarte Boshaftigkeit macht sie zur spannenden Figur einer kulturgeschichtlichen Soap-Opera. Wenn die Gesellschaftskritik misogyner Asketen wie Adolf Loos oder Karl Kraus ein Gesicht gehabt hätte, wäre es dem Almas sehr ähnlich gewesen.

Angesichts der schwierigen Persönlichkeitsstruktur ihrer "Tiger-Mami" hat Anna, deren Geburtstag sich heuer zum hundertsten Mal jährt, das Beste aus ihrem Leben gemacht. "Sie bestand aus Augen, was immer sonst man in ihr sah, war Illusion", beschreibt der Schriftsteller Elias Canetti in seiner Autobiografie die Tochter von Alma und Gustav Mahler. Auch der Titel des Buches "Das Augenspiel" bezieht sich auf jene schönen, großen Sehorgane, denen der damals unbekannte Twentysomething verfiel.

Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz arbeitete das Leben der 1988 in London verstorbenen Bildhauerin in ihren Roman "Nachwelt" (1999) ein. Streeruwitz schickt die Romanfigur Margarethe nach Los Angeles, um mit Zeitzeugen über Anna zu sprechen. Dabei verschwimmt die Recherche mit der persönlichen Situation der Biografin, ein Kunstgriff, der den Objektivitätsanspruch historisch-biografischen Schreibens relativiert.

Eine Ausstellung und ein Buch der Österreichischen Exilbibliothek versuchen nun, das Werk der Wotruba-Schülerin zu würdigen, wobei auch dies außerhalb des biografischen Zusammenhangs unmöglich ist. Als Künstlerin war Anna mäßig erfolgreich. Die meisten ihrer frühen Porträtköpfe, die im Atelier gegenüber der Staatsoper entstanden, wurden im Krieg zerstört. Einer ihrer typischen stilisiert-figurativen Marmorakte ist auf Fotos des Österreich-Pavillons der Pariser Weltausstellung von 1938 zu sehen. "Die Stehende" (1938) stand vor der von Oswald Haerdtl entworfenen Glasfassade wohl auch deshalb, weil die Künstlerin über gute Kontakte zu den Kulturpolitikern des Ständestaates verfügte. Beeindruckend an Anna Mahlers Werk ist weniger dessen ästhetische Eigenwilligkeit als die Kraft, mit der sie sich den Weg an den übermächtigen Eltern vorbei freimeißelt.

Bereits mit 16 heiratet sie den unbekannten Musiker Rupert Koller, den sie nach wenigen Monaten verlässt. Als Zwanzigjährige gibt sie dann dem jungen Komponisten Ernst Krenek ihr Jawort, den ihre Rabenmutter unverschämterweise bittet, er möge doch Skizzen von Gustav Mahlers zehnter Symphonie vervollständigen. Doch der Schwiegersohn schlägt dem "prächtig aufgetakelten Schlachtschiff" (Krenek) die Bitte ab. Annas Ehemann Nummer drei ist der Verleger Paul Zsolnay, dessen Unternehmen eng mit Annas Familie verknüpft ist. Bei Zsolnay erscheint Franz Werfels erster Roman "Verdi. Roman der Oper". Dass der Roman zum Bestseller wird, ist in nicht geringem Maße Alma zu verdanken, die ihren Franzl zum Arbeiten ins Sommerfrischhaus nach Breitenstein schickt und ihm auch das Erfolgsrezept mit auf den Weg gibt: "dass das Buch so gut sein müsse, wie nur irgendeiner von
diesen Klassikern', sich aber zugleich zum Verkauf an den Zeitungsständern der Bahnhöfe eignen solle". Für die Veröffentlichung der intimen Briefe Gustav Mahlers handelt sich Alma lukrative Sonderkonditionen aus.

Entscheidender als ihre beiden weiteren Ehen (mit dem Dirigenten und Komponisten Anatole Fistoulari und dem amerikanischen Regisseur und Filmcutter Albrecht Joseph) ist Almas Affäre mit dem Unterrichtsminister und späteren Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg, die erst endet, als Schuschniggs Frau Herma bei einem Autounfall ums Leben kommt und Kurts katholisches Gewissen sich zu regen beginnt. Derweilen hatte Alma ihre Villa auf der Hohen Warte längst zum Salon des Ständestaates gemacht.

Durch ihren aktuellen Liebhaber, den Theologieprofessor Johannes Hollnsteiner, der sich nur im Talar an das Zölibat gebunden sah, möchte sie ihren Bekanntenkreis ein wenig "ajudifizieren". Ihren Gatten weiß sie zu beruhigen: "Ach, Franzl, weißt du, eine Frau kann in vielen Kirchen beten." Über Hollnsteiner hat Alma Einfluss auf kulturpolitische Entscheidungen. Dem Staatsoperndirektor Felix Weingartner wird seine Geringschätzung Gustav Mahlers zum Verhängnis; ihm wird ein Rücktritt "aus gesundheitlichen Gründen nahegelegt". Ihre bereits im Rollstuhl sitzende Tochter Manon verlobt Alma mit einem jungen Streber aus dem katholischen Politklüngel. Noch Jahre später bezeichnete sie Manon als ihre "einzige Tochter". Die anderen zwei seien "halt Mischlinge". So endet jede Geschichte über Anna mit Alma.

Matthias Dusini in FALTER 33/2004



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