Kosovo-Kosova. Der lange Weg zum Frieden

Wolfgang Petritsch, Robert Pichler


Ethnische Säuberungen, diplomatische Fehlschläge und NATO-Bomben: Ein neues Buch erklärt den Kosovokonflikt.

Der Mob war nicht zu bremsen. Plündernd zogen Albaner durch die Siedlungen des Kosovo, um sie anschließend niederzubrennen. Über 4000 Serben vertrieben die Schlägertrupps aus ihren Heimen, 560 Häuser und 22 orthodoxe Kirchen legten sie in Schutt und Asche. Insgesamt kamen bei den Ausschreitungen am 17. und 18. März dieses Jahres 19 Menschen ums Leben.

Wer soll das verstehen? Waren vor wenigen Jahren nicht die Albaner die Opfer? Bombardierten NATO-Jets damals nicht die Stellungen und Städte der Serben, um sie von der ethnischen Säuberung des Kosovo abzuhalten?

Serbische Gewaltexzesse und albanische Revanche, gescheiterte Friedensdiplomatie und umstrittene Militärschläge - nachzulesen ist die verhängnisvolle wie komplizierte Geschichte des Kosovo nun in dem bemerkenswert detaillierten Buch "Kosovo-Kosova. Der lange Weg zum Frieden", das im Klagenfurter Wieser-Verlag erschienen ist. Geschrieben haben es Robert Pichler, Historiker an der Universität Graz, und Wolfgang Petritsch, heute Österreichs UN-Botschafter in Genf, der die Verhältnisse am südosteuropäischen Krisenherd aus der Praxis kennt. In den Neunzigerjahren war Petritsch EU-Sonderbotschafter für das Kosovo und danach europäischer Chefverhandler bei den Friedensverhandlungen in Rambouillet und Paris.

Ihre Studie über das Kosovo beginnen Petritsch und Pichler aber viel früher. Wer die Serben und Albaner wirklich verstehen will, müsse die Geschichte ihrer Koexistenz stets mitdenken, schreiben die Autoren. Und die fängt streng genommen vor über 600 Jahren an, als das Heer des Fürsten Lazar am Amselfeld den osmanischen Truppen unterlag. In der serbischen Mythologie begründet die Niederlage den Anspruch auf das zu neunzig Prozent albanisch besiedelte Kosovo. Wenn schon nicht das Mittelalter, so arbeitet der erste Teil von "Kosovo-Kosova" kompakt die konfliktträchtige Beziehung von Serben und Albanern im 20. Jahrhundert auf.

Im Zentrum der Arbeit stehen aber die Ereignisse der Jahre 1998 und 1999, als die internationale Gemeinschaft erst mit diplomatischen, dann mit kriegerischen Mitteln versuchte, die drohende humanitäre Katastrophe abzuwenden. Autor Petritsch verließ die Friedensverhandlungen von Rambouillet und Paris im Frühjahr 1999 als Verlierer. Von einem "elendigen Gefühl des Versagens" schreibt er in persönlichen Reflexionen am Ende des Buches. Umso höher ist den Autoren anzurechnen, dass sie im gesamten Text nie in ein bequemes Opfer-Täter-Schema verfallen. Selbst die Argumente von Kriegstreibern wie Slobodan Milosevic versuchen Petritsch und Pichler stets seriös nachzuvollziehen.

"Kosovo-Kosova" hebt sich deshalb von einseitigen Abhandlungen zum Thema à la Noam Chomsky ab. Was nicht heißt, das Kritik am internationalen Krisenmanagement verschwiegen wird. Schwere Fehler listet das Buch auf. Vor allem die EU agierte konzeptlos und schob das Problem so lange auf, bis die unterdrückten Albaner vom Prinzip des gewaltlosen Widerstandes abrückten. Ein Kapitel von Martin Prochazka, ebenfalls Wissenschaftler an der Uni Graz, über die Zeit nach der NATO-Intervention bis heute rundet die Analyse ab.

Schade nur, dass Petritsch in seinen "Reflexionen" der Kritik an seiner eigenen Performance in der Kosovokrise etwas ausweicht. Von Einwänden, die "eigene Zweifel" bestärkten, schreibt er, viel konkreter wird der Spitzendiplomat aber nicht. Eine Lücke in einem sonst durchwegs informativen Werk.

Gerald John in FALTER 33/2004



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