Don Juan (erzählt von ihm selbst)

Peter Handke


In seinem jüngsten Buch schickt Peter Handke Don Juan als Erzähler vor - der allerdings verdächtig nach Peter Handke klingt.

Don Juan, der Verführer; Don Juan, der Vollstrecker; Don Juan, der Verweigerer; Don Juan, der Verbrecher; Don Juan, der Versteher; Don Juan, der Versager ... Eine endliche, aber doch erkleckliche Reihe gegensätzlicher Variationen hat der Mythos des Frauenhelden schon durchgemacht; ihnen gemeinsam ist nur eines: Der wahre Don Juan blieb bislang verfehlt. "Das waren allesamt die falschen Don Juans - auch der von Molière; auch der von Mozart."

Starke Worte, die der Erzähler in Peter Handkes jüngstem Buch "Don Juan (erzählt von ihm selbst)" findet; um dann mit einer etwas abgeschmackten Rimbaud-Paraphrase ("Don Juan ist ein anderer") und einer penetrant paradoxen Schlusspointe zu enden: "Don Juans Geschichte kann kein Ende haben, und das ist, sage und schreibe, die endgültige und wahre Geschichte Don Juans."

Immerhin: Bei allem Anspruch auf Neudeutung sind Don Juan die Frauen geblieben. Bricht bei ihm die "Frauenzeit" an, dann laufen sie ihm auch bei Handke so verlässlich zu, wie man das vom berühmtesten Weiberhelden der Literaturgeschichte erwarten darf: heute Tiflis, morgen Damaskus, übermorgen Ceüta, am nächsten Tag schon Norwegen. Jetlaglos und in unbekannter Mission treibt es die mythische Gestalt um den Erdball, der überall sein Unverwechselbares und doch auch überall sein Gleiches hat: Pappelblütenflaum wehet durch jegliche Landschaft, und der Pizzabote ist überall on the road.

Aber was genau will Don Juan von den Frauen? Immer nur das eine? Nicht bei Handke. Denn fürs Immer-nur-Eine fehlen schon mal die Worte: "Alle Wörter für das, was die beiden da miteinander taten oder was mit ihnen geschah, waren bisher, ob fein umschreibend oder grob mittuend, Verlegenheitsausdrücke, und das wird auch so bleiben."

Nein, ein Quotenficker ist dieser Don Juan, der dem Ich-Erzähler den Stoff zur (Nach-)Erzählung liefert, nicht. Es geht, wenn nicht schon um Höheres, so doch um anderes. Ganz so, wie wir das von Handke, diesem Philosophen im Dichterpelz, erwarten dürfen. Und damit auch Erstleser keine falschen Erwartungen aufbauen, wird ihnen rechtzeitig Bescheid gegeben: "Indem bei Don Juan die sieben Stationen seiner Woche zu Wort kamen, realisierte, und praktizierte, er sie. Und seine Geschichte erzählte sich ohne irgendwelche pikanten Einzelheiten. Diese wurden nicht etwa vermieden, sondern waren schon von Anfang an aus seinem Blick."

In Passagen wie dieser wird das Prekäre Handke'scher Erzählkunst symptomatisch sichtbar - und damit ist nicht die Beistrichsetzung gemeint. Zum einen irritiert, wie wacklig dieser Stil zwischen Coaching-Seminar-Jargon und dem üblichen Handkehochton changiert; zum anderen ist es der dezisionistische Charakter dieser Prosa, der einem, gelinde gesagt, auf den Senkel geht. Für einen Propheten des unverstellten Schauens, als der Handke seit geraumer Zeit durch den Karst der deutschen Gegenwartsliteratur schreitet, ist dessen Schreiben erstaunlich geschwätzig und bedeutungshuberisch. Der Gestus demütigen Zeigens, das bloß behauptete "rein Auge-und-Ohren-Sein" wird korrumpiert durch die Legende, die stets mitgeliefert wird - die Bildunterschrift entwertet das Bild. Kein Grashalm darf zittern, kein Regentropfen fallen, ohne dass diese Vorgänge von einer Gebrauchsanweisung begleitet würden - und sei's vom aufdringlichen Hinweis darauf, dass es hier eben nur um das Grashalmzittern und Regentropfenaufspritzen ginge.

Ein diskreter Erzähler zeigt dem Leser etwas - und lässt ihm die Freiheit, sich das Seine dazu zu denken. Peter Handke, der sich doch so gerne im Schreiben loswerden und den Imperialismus des Subjekts im Akt intentionslosen Schauens überwinden würde, haut einem ständig Merksätze aus seiner Ethik der Wahrnehmung um die Augen und Ohren: "Wenn man im Übrigen, erzählte er mir dann, eine Sache nicht extra fixierte und mit dem Blick nur so leicht streifte, konnte sich diese einem zeitweise einbrennen wie keine beabsichtigte Anschauung oder Kontemplation."

Mal vu, mal dit - schlecht gesehen, schlecht gesagt, heißt es einmal bei Godard. Bei der Lektüre Handkes drängt sich einem der Umkehrschluss auf: Ist der rezeptiven Virtuosität eines Schriftstellers zu trauen, dem die Botschaft dermaßen den Stil versaut? Man wollte ihm ja gerne folgen, wenn es mit Don Juan und der jeweiligen Manifestation kasachischer, syrischer, nordafrikanischer oder norwegischer Weiblichkeit endlich zur Sache geht. Wenn man nur wüsste, was Sache ist!

"Und obwohl sie ohne Scheu und ohne Scham zusammen gewesen waren, wie zwei nur zusammen sein konnten, offen und am hellichten Tag und inmitten all der übrigen Festleute, hatte niemand Augen für sie gehabt, geschweige denn etwas bemerkt und gesehen; jenes andere Zeitsystem, welches durch ihrer beider Ineinanderübergehen, wie auch immer das geschah, in Kraft gesetzt wurde, machte, dass sie nicht mehr wahrnehmbar waren, entsprechend vielleicht jenen sich vorbeibewegenden Körpern, angesichts deren das menschliche Auge nicht schnell und andererseits auch nicht langsam genug ist, zu erkennen, dass die Körper da in einer Bewegung sind."

Ja, mei liabs Hergöttle von Biberach, wo sind wir denn da gelandet? Am Rande des Universums? In einem schwarzen Loch? Muss man neuerdings Hawking gelesen haben, um Handke zu verstehen?

Gewiss, Don Pedro kann auch anders. Wenn er die tektonische Kompaktheit des Kaukasus beschreibt, dann glaubt man ihm gerne, dass man sich an deren scheinbarer Sandhaftigkeit blutige Fingernägel holen würde. Und selbst im thematisch nahe liegenden Bereich weiß er mitunter zu überzeugen. Wenn die Zuneigung von Don Juans Diener zu den Entstellten und Hässlichen beschrieben wird oder die grundlose, aber umso systematischere Rache einer ehemaligen Schönheitskönigin an den Männern ("Der jeweilige Mann, wer auch immer, war herumzukriegen, zu schaffen und dann fertig zu machen"), dann ist Handkes "Don Juan" auf dem Sprung zu einer Phänomenologie der Geschlechter, für die man sich, weiß Gott, schon zu erwärmen vermöchte.

Aber wirklich warm wird einem bei der Lektüre der jüngsten Folge von "Wie man richtig Obacht gibt" nur sehr selten. Da reicht es eben nicht, wenn die trockenen Äste plötzlich aus der Baumkrone niederregnen und "im Handumdrehen ein Haufen von Brennholz im Gras" liegt. Da muss einer schon auch noch Feuer machen. Das ist diesmal weder Peter Handke noch seinem Ersatzerzähler Don Juan geglückt.

Klaus Nüchtern in FALTER 33/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×