A Dysfunctional Success. The Wreckless Eric Manual

Eric Goulden


"Wo hast du die Bässe her?"

Wreckless Eric und Andy Weatherall, der verkannte König des LoFi-Pop und der Dance-Pionier: die Geschichte einer seltsamen geistigen Verwandtschaft.

An einem Oktobertag des Jahres 1976 stolperte der erfolglose Kunststudent und Gelegenheitsarbeiter Eric Goulden mit einem notdürftig aufgenommenen Demo-Band ins Büro einer aufstrebenden kleinen Plattenfirma namens Stiff Records. Unter den Songs auf seiner Kassette befand sich eine Hymne an die unerfüllte Sehnsucht namens "Whole Wide World", die aus dem schwächsten Glied der Qualitätskontrolle in der Corona-Limonadenfabrik einen hoffnungsvollen Label-Kollegen von The Damned, Ian Dury und Nick Lowe machen sollte.

Goulden hieß ab nun Wreckless Eric und verhielt sich ganz entsprechend seinem kecken Pseudonym. Während der Erfolg von Stiff Records ein Ellbogenballett der Karrieristen auslöste, widmete sich der unwillige Popstar dem Alkohol und fand sich bald als depressiver Paranoiker am falschen Ende der In- und Out-Listen wieder. Er unternahm einige von Saufkrisen unterbrochene Comebackversuche, landete erst in der Nervenheilanstalt und schließlich in einem winzigen Dorf in Frankreich.

Dort, in einer zum Heimstudio umfunktionierten Dorftanzbude, produzierte Goulden Anfang der Neunziger die zwei sträflich übersehenen, schmutzigen LoFi-Juwelen "Le Beat Group Electrique" und "Donovan of Trash". Als er Mitte des Jahrzehnts mit einem Haufen scheppriger alter Instrumente im Gepäck wieder auf die andere Seite des Kanals übersetzte, hatte sich die Welt grundlegend verändert. Am Strand seiner alten Heimatstadt Brighton regierten die Sounds des Big-Beat-Booms. In den rüden Sample-Montagen eines Fatboy Slim erkannte Eric seine eigene Vorliebe für die wunderbare blecherne Erbärmlichkeit des Sixties-Trash wieder, ging hinaus und kaufte sich einen Sampler oder zwei.

Ehe die Auseinandersetzung mit dem neumodischen Gerät offizielle Tonträger-Früchte trug, schrieb der nun erfolgreich trockengelegte Goulden noch eine bitter witzige Autobiografie namens "A Dysfunctional Success". Nach einem Umzug von der schicken Südküste ins billigere Norfolk teilte er seinen neu gefundenen Enthusiasmus zwischen Livegigs und fieberhaften Basteleien im eigenen Low-Budget-Soundlabor auf. Bei einem bescheidenen Gastspiel als Aufwärm-Act im historischen Londoner 100 Club wurde Goulden niemand Geringerem als dem Dub-Techno-Pionier Andrew Weatherall vorgestellt.

Wie sich herausstellte, hatte der DJ und Produzent nicht wegen der Hauptband (den wieder erstandenen Beatles-Parodisten The Rutles), sondern Wreckless Eric zuliebe seinen Weg in den Club gefunden. "Ich war vollkommen von den Socken", erinnert sich Goulden: "Weatherall war mir zum ersten Mal aufgefallen, als er Screamadelica' von Primal Scream produzierte. Als ich dann sein Projekt Two Lone Swordsmen hörte, wurde ich zum Fan." Die Bewunderung stellte sich als gegenseitig heraus: Im Text zu "Faux", dem zweiten Track auf Two Lone Swordmens "From the Double Gone Chapel", findet sich die Zeile "a little Wreckless on the fur-lined floor" - eine Referenz an jenen Abend, an dem Weatheralls Freundin ihm den Song "Whole Wide World" vorspielte und dem DJ damit die wunderbare Welt des Wreckless Eric eröffnete.

Ein paar Tage nach dieser ersten Begegnung rief Weatherall bei Wreckless Eric zu Hause an, fragte harmlos, wies denn so stünde und erhielt eine ehrliche Antwort: "Ich sagte: ,Ich mische grade meine neue Platte ab und hab schreckliche Selbstzweifel.' Er meinte, Selbstzweifel wären ein Luxus." Nach einer privaten Hörprobe zeigte sich Weatherall von Erics neuen Songs und seinen ungeschliffenen Sample-Experimenten so begeistert, dass er sich fürs Mastering des fertigen Albums mit ins Studio setzte. "Er fragte mich, wo ich die fetten Bässe herhätte", berichtet Goulden amüsiert. "Ich sagte, ich verwende ... nun ja, allen möglichen alten Scheiß."

Weatheralls Enthusiasmus lässt sich unschwer nachvollziehen. Das vorerst nur per Internetbestellung erhältliche neue Wreckless-Eric-Album "Bungalow Hi" könnte sich kaum krasser von den müden Stehversuchen satter Veteranen aus Gouldens Altersklasse abheben. Mutige Stilbrüche und psychedelische Feedbackexkurse verbinden sich da mit ungebremstem Sozialpessimismus, humorvoll gefiltert durch Gouldens gewohnt sprachgewandten Sarkasmus.

In einem Song namens "33s and 45s" verarbeitet Goulden die Trennung von seiner langjährigen deutschen Freundin anhand der schmerzhaften Erfahrung des Aufteilens der gemeinsamen Plattensammlung und betet dabei eine in ihrem Verzicht auf Sophistikation berührend ehrliche Liste alter Bandnamen herunter: Die Beatles, Stones, Kinks, Who, Yardbirds, Small Faces ... "Es sollte keine coole Liste sein", erklärt der 1954 geborene Songwriter. "Wenn man etwas Traumatisches durchmacht, braucht man Bezüge, mit denen man sich erden kann."

Und gerade darin liegt die tiefe Schönheit von "Bungalow Hi", dem Werk eines alten Sacks, der keine Angst davor zeigt, beim Grooven seine merkbar vorgefallene Beckenpartie bloßzustellen. Kein Wunder, dass sich Andy Weatherall als Leithirsch der ersten Generation der Dance-Revolution dafür interessiert. So jung sind die schließlich auch nicht mehr.

CDs:

Wreckless Eric: "Bungalow Hi"

(http://www.southerndomestic.com).

Two Lone Swordsmen: "From the Double Gone Chapel" (Warp Records).

The Len Bright Combo: "Wreckless Eric Presents ..." (Southern Domestic).

Robert Rotifer in FALTER 32/2004



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