Tagebuch der Nicht-Ereignisse. Zweisprachige Ausgabe

Michael Hamburger, Peter Waterhouse


Im "Tagebuch der Nicht-Ereignisse" inszeniert der deutsch-englische Dichter Michael Hamburger seine ganze Lebenserfahrung auf der Bühne eines Gartens: nicht als versöhnliche Naturlyrik, sondern als Weltentwurf voller Engagement.

"Sunshine on hoarfrost:
one true winterday
After a whole year's cloudburst."


"Rauhreif im Sonnenlicht: ein wahrer Wintertag

Nach den Wolkenbrüchen eines Jahres, Orkan,
Nieseln

Pfützen auf den Beeten, die trockengelegte
Marsch ein Morast.


Advent ist Eventzeit: WELTWEITE WARNUNG

Wo die Flut steigt und schwimmt, Bäume
umgestürzt liegen."

Apokalyptisch und mit elementarer Wucht beginnt das "Tagebuch der Nicht-Ereignisse" von Michael Hamburger. Der siebte Gedichtband des englischen Dichters und Übersetzers - von Peter Waterhouse bisweilen eigenwillig, mitunter ziemlich frei, was den Sinn betrifft aber immer sehr präzise, kurz: kongenial übersetzt - versammelt alle Themen seiner früheren Bücher: Traum, Erde, Baum, Jahreszeiten, Geschichte und Tod.

Der Beginn des Jahreszeitenzyklus, jeder Monat besteht aus drei bis maximal sieben Gedichten, knüpft an den vorletzten Band "In einer kalten Jahreszeit" an. Das Jahr beginnt im Dezember, zur Zeit der großen Zeitenwende, jedoch ohne alle messianische Erwartung und Heilsbotschaft, ohne Weihnachten, auch wenn das Gedicht in der längsten Nacht endet. Weltgeschichte, kosmologisch betrachtet, ist der Rahmen der Dichtung. In einer Zeit aber, in der es für Kammerdiener bekanntlich keine Helden mehr gibt, kann auch das Ereignis nur noch "event" sein.

Ort des Geschehens ist das südenglische Suffolk, wo der 1924 in Deutschland geborene Michael Hamburger seit nunmehr 28 Jahren lebt. Der Rückzug auf den eigenen Garten, die scheinbare Pastorale mit Pflanzen und Tieren, die genaue Beschreibung von Jahreszeitenwandel und täglichem Wetter muten aufs Erste idyllisch an - tatsächlich handelt es sich nicht um den locus amoenus der abendländischen Lyrik, der sich längst in einen nicht nur totgesagten Park verwandelt hat, sondern um den dramatischen Schauplatz von Hamburgers "ganzer Lebenserfahrung", um jene Bühne, auf der er "in unserer Ramschzeit", wie er das 20. Jahrhundert charakterisiert, inszeniert.

Ein Nicht-Ereignis stellt in Hamburgers poetischer Umwertung aller Werte etwa der Kampfjet dar, der durch die Wolkendecke bricht; Nicht-Ereignis ist auch der 11. September, "die Verwandlung von Passagierflugzeugen in Bomben", Ereignis - das wird so nicht gesagt - hingegen das Gedicht.

Die Wahrheit wird als Tagebuch ins Werk gesetzt. Der Januar lässt Tankwagen auftauchen - es muss Heizöl nachgefüllt werden; im Februar baumeln die ersten "zwei drei Schneeglöckchen, pudelnass", allerdings strebt die "stinkige" Natur mit "blättergrünen Blumen (...) nach Erfolg wie die geldgenötigten Politiker durch das Präsentieren nach Wachstum".

Spätestens hier bemerkt der Leser, dass er sich nicht in die versöhnliche Naturlyrik eines alten Mannes verirrt hat, der nur noch seinen eigenen Garten bestellt, sondern sich mit einem lyrischen Weltentwurf voller Engagement konfrontiert sieht, der bei aller Wut und allem Spott die Genauigkeit der Beobachtung und Beschreibung nie außer Acht lässt.

Und wenn sich der Dichter selbst auch als "Pfleger von unverkäuflichem Obst" bezeichnet - womit nicht seine Gedichte gemeint sind -, es gelingt ihm auf atemberaubende Weise, Wechsel von Jahreszeiten, Lichtschattierungen und Bewegungen des Windes derart zu verknüpfen, dass man regelrecht spürt, was hier in dieser Staffage sonst noch vor sich geht: wie es im März Fuchs und Hase gelingt, sich vor den Jägern zu retten, wie die Mehlschwalbe - im Mai schon müde - heranfliegt und ihr Nest baut; im Juni werden die Rosen besungen, die im Juli, ohne je bei ihrem Namen genannt zu werden, zu berauschender Entfaltung gelangen; der August ist eine Farbenekstase:

"mit lastender Hitze kehrt
dieser Monat aus Blaurot ein,
Rein in Weiderich,
Anklang im Gänsefuß-Weiß,
fortlebendes Lila in wilden Geranien ...";

im Oktober tauchen die Nebel auf; im November wird ein Apfelbaum verbrannt, die Flamme führt das Licht in den eigenen Schatten zurück. Das sanfte Gesetz ist jenes der Gewalt.

"Alles Schwere", habe er in seinem Landschaftsgedicht geschrieben, sagt Hamburger, der sich als Ökologe versteht - nicht in einem parteipolitisch verengten Sinn, sondern als Beschützer einer ländlichen Lebensform, die er heute nicht nur im Rückzug, sondern einfach vom Verschwinden bedroht sieht. Wie es guter britischer Art entspricht, mangelt es ihm dabei auch nicht an Selbstironie, wenn er gegen sein eigenes Pathos dem Nachbarn die Stimme leiht: "Gibt auch helle Seiten, unbeschwerte." Der Dichter repliziert:

"Ich schau nach links und rechts ins Land,
Zurück, voraus: ein Großbrand
Ist das einzig Helle das ich finde.
Soll ich sagen, wo er sich befindet?
Anbetrachtung macht mich stumm.
Ich sage hum und tja und tja und hum
Lächle angestrengt ..."


Das Schwere ist für Michael Hamburger bis heute nicht zuletzt auch die eigene Biografie: Mit den Eltern schon zu Beginn der 1930er-Jahre aus Hitlerdeutschland nach England geflohen, hat er mit seinem Treblinka-Gedicht ("In einer kalten Jahreszeit") nicht nur seiner Großmutter ein berührendes Denkmal gesetzt, sondern auch eines der bedeutendsten Holocaustgedichte überhaupt geschrieben.

Im "Tagebuch" taucht im Monat April - wohl in Anspielung an das "april is the cruelest month" seines Lehrers T.S. Eliot - eine "Versammlung von Juden sternlos inmitten des zerstörten Dresden" im imaginären Garten auf - und Hamburger scheut sich auch nicht, das Geschichtsmotiv an die Gegenwart zu binden.

"Auch hier hat Rassenhygiene, aus Gewinnsucht,
die Wehrlosen verurteilt
Zu sterben für die Reinheit, durch Metzger
sterblich und nicht rein."

Die Rede ist vom Verschwinden der Kühe auf den angrenzenden Weiden und von der Notschlachtung der Rinder wegen BSE.

Die mythologische Ebene, die Michael Hamburger hier erreicht, ist nicht die aus Altersfuror herrührende Unfähigkeit zur Unterscheidung, sondern gründet in der Überzeugung, dass sich der Dichter nach dem Jahrhundert der ideologischen Weltbürgerkriege einzig und allein einem Medium verpflichtet wissen darf: der Sprache. Keiner Rhetorik, keinen dialektischen Tricks, keiner Ideologie. Das führt Hamburger seit seiner ersten Buchveröffentlichung vor, einer Übersetzung von Friedrich Hölderlin just im Kriegsjahr 1943; überdies ist er der bis heute maßgebliche Übersetzer von Paul Celan ins Englische.

Allein Sprache ist der Ort der Freiheit: "Für einen Dichter ist die Sprache alles, was je gewesen ist und noch werden kann." Vor allem geht es laut Hamburger aber um eine Sprache, die "unmittelbar und dringlich ist und nicht zur Schau stellt." In dieser Sprache lagert sich die Zeit ab und mit ihr das Ereignis. Hamburger braucht für dessen Darstellung keine experimentellen oder wie auch immer gearteten stilistischen Tricks, auch keine Metaphysik, die für ihn allein in Gestalt der so genannten "metaphysical poets" Bestand hat, jener englischen Dichter aus dem 17. Jahrhundert, deren berühmtestem Vertreter, John Donne, Hamburger seinen ersten englisch geschriebenen Essay einst widmete.

John Donnes "stand still, an I will tell to Thee, a lecture upon love about love's philosophie" könnte denn auch als Motto über dem "Tagebuch der Nicht-Ereignisse" stehen. Erst im Moment des Stillstandes wird, wer genau hinhört und genau liest, verstehen, was mit dieser kryptischen Liebeserklärung gemeint ist:

"Im Gleißen begegnen der Nacht,
Das Licht empfängt ihr Verschatten."

Eine Liebeserklärung an die Welt, die er am Morgen intoniert: "Sunshine on hoarfrost: one true winterday ..."

Erich Klein in FALTER 30/2004



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