Gruber geht

Doris Knecht


"Der Schweinkram ist mir peinlich"

Doris Knecht über ihr Romandebüt "Gruber geht" – und ihre Zukunft im Seniorenheim

Jetzt ist auch Falter-Kolumnistin Doris Knecht unter die Roman­autorinnen gegangen. Bei Rowohlt Berlin ist soeben ihr Debüt "Gruber geht" über einen ziemlichen Arschlochmann erschienen. Das wirft ein paar Fragen auf.

Falter: Alle schreiben Romane. Was hat Sie geritten?
Doris Knecht: Lange Zeit gar nichts, ich hatte keinerlei Ambition. Dann der Wunsch, es nach Jahren des Eingekasteltseins in Kolumnen einmal so richtig maßlos fließen lassen zu dürfen.
Der Roman als Ausgleich zum harten Kolumnistinnen-Alltag?
Knecht: Einmal ohne die Schere im Kopf zu schreiben, die alles schon beim Formulieren auf Kolumnenkürze zusammenschnippelt, war lässig. Aber es ist schon Mehrarbeit.
Die erste Idee?
Knecht: Die Hauptperson am Ende sterben zu lassen. Davon ist nur der ­Titel übriggeblieben.
Wie viel Zeit lag zwischen der ersten Idee und dem ersten Nervenzusammenbruch?
Knecht: Die Idee ist gut zwei Jahre alt. Auf den Zusammenbruch warte ich noch immer.
Warum haben Sie einen polytoxikomanen, unsympathischen Machosack zum Helden gemacht?
Knecht: Weil mich symphatische, makellose Identifikationsfiguren sowohl in der Literatur als auch in TV-Serien komplett langweilen. Die spannenden Helden sind immer kaputte, nicht zwingend liebenswerte Figuren: Zuckerman, Sabbath, Keith Talent, Rabbit Angstrom, Maryann Thorpe,­ Tony Soprano, Hank Moody, Larry David, Gene Hunt, Dr. Cox. Ziemliche Arschlöcher alles, und man will trotzdem wissen, wie und was ihnen geschieht.
Macht es Spaß, beim Schreiben in die Rolle eines Machosacks zu schlüpfen?
Knecht: Oh ja.
Der Arsch hört gute Musik – Dylan und andere. Die Knecht-Musik?
Knecht: Ja, da musste ich ein bissl tricksen. Bei ihm ist das eine Art genetischer Defekt.
Ist der Typ rein erfunden oder aus Beobachtungen aus Ihrem Umfeld zusammengesetzt?
Knecht: Diesen Kerl kenne ich seit zehn Jahren. So lange kommt er schon als Sedlacek in meinen Falter-Kolumnen vor; als Antithese zur Bobo-Idylle. Ganz zu Beginn hatte er ein paar reale Vorbilder, aber er hat sich längst verselbstständigt.
Sie gelten auch nicht gerade als ­Abstinenzlerin. Ihre wichtigste Regel im Umgang mit Alkohol?
Knecht: Schnaps ist des Teufels.
Ein Vorurteil über Doris Knecht, das Sie gerne korrigieren möchten?
Knecht: Ach, ich will niemandem seine mühevoll zusammengebastelten Vorurteile zerstören.
Im Buch kommt irgendwann auch eine Frau ins Spiel. Was finden Frauen an Männern wie Gruber?
Knecht: Das sind lustige Egozentriker mit unterhaltsamen Wahnvorstellungen und mitunter derart bizarren Weltanschauungen, dass man denen einfach auf den Grund gehen will. Meistens findet sich keiner, aber dann ist es oft schon zu spät.
Es gibt da eine Sexszene. Die schwierigste Szene?
Knecht: Nein. Die Krankheitsszenen waren viel schwieriger.
Im Laufe der Handlung wird der Typ fast zu einem menschlichen Wesen. Wie unterscheidet man so einen von einem ewigen Arschloch?
Knecht: Nun, der hatte ja eine relativ idyllische Kindheit mit einigermaßen bewussten und liebevollen Eltern, das schafft eine Basis. Grubers Arschlochhaftigkeit ist deshalb eher so eine nicht abgelegte, juvenile Trotzreaktion auf den 68er-Lebensstil seiner Erzeuger und damit auch verhandelbar.
In Zürich verliert Gruber die ­Fassung. Haben Sie in Ihrer Zeit dort auch Schweizer beleidigt?
Knecht: Gar nicht. Ich habe die Schweizer gern. Aber ich kenne Leute, die die Schweizer nicht gern haben.
Was ist nun wirklich der Unterschied zwischen Wien und Zürich?
Knecht: Das ist etwas Religiöses: Zürich ist zwinglianisch, Wien katholisch. Das erzeugt einen massiven Leidenschaftlichkeitsunterschied.
Eine Zeitlang haben Sie Ihre Punk-­Vergangenheit hochgehalten. ­Warum muss man dem eigentlich gläubig anhängen?
Knecht: Ach, das ist die ganz normale Angst vor dem Älterwerden. Vergeht aber.
Was ist so schlimm am Verspießern?
Knecht: Eh nichts, wenn man weiß, wieso man verspießert. Vorübergehende, aufgeklärte Spießerei ist in bestimmten Lebensabschnitten einfach das Praktikabelste. Sie haben ja auch Kinder, oder?
Ja. Dürfen Ihre Töchter eigentlich zur Lesung in den Rabenhof?
Knecht: Nein. Sie dürfen dann wieder einmal mit, wenn ich in einer Buchhandlung lese. Was sie letztes Mal aber ure langweilig fanden.
Den Schweinkram müssen Sie bei der Lesung also nicht weglassen?
Knecht: Den lese ich sowieso nicht vor, der ist mir peinlich.
Was ist kaputter – die Medienszene oder der Literaturbetrieb?
Knecht: Kaputte Hunde gibt es da wie dort.
Sind die Nullerjahre nicht noch langweiliger als die 90er gewesen?
Knecht: Kommt darauf an, für wen. Ich fand die 90er gar nicht langweilig.
Nennen Sie einen Fortschritt, der
­sich in den letzten zehn Jahren ­ereignet hat.
Knecht: iPhone. Blog. Twitter. Gratiskindergärten. Der Radiohund kläfft mir nicht mehr in den Feierabend. Und Wolfgang Schüssel ist weg.
Sind Ihnen in den letzten Jahren ein paar brauchbare weibliche Role ­Models untergekommen?
Knecht: Für mich nicht, aus dem Alter bin ich wohl raus. Obwohl: Elfriede Jelinek. Totalrückzug. Nur noch schreiben, was man will, und dabei so großartig maßlose Texte wie "Die Kontrakte des Kaufmanns" in die Welt setzen. Und zu alledem auch noch gut aussehen.
Angenommen, der Roman wird
ein Riesenerfolg. Bleiben Sie dem
Falter trotzdem als Kolumnistin erhalten?
Knecht: Die Falter-Kolumnen schreibe ich noch aus dem Seniorenheim, wenn man mich lässt. Und, ja, das ist eine Drohung.

Buchpräsentation am 23.3., 20 Uhr, im Rabenhof. Es lesen Christoph Grissemann, Peter Hörmanseder, Manuel Rubey und Doris Knecht.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2011



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