Anthrax. Bioterror als Phantasma

Philipp Sarasin


Hat die Bioterrorhysterie die Anthrax-Anschläge in den USA erst möglich gemacht? Der Schweizer Historiker Philipp Sarasin hält die Angst vor dem Bioterror jedenfalls für ein gefährliches Konstrukt.

Als die beiden Linienflugzeuge in die Türme des World Trade Centers rasen, kam es zu höchst eigenartigen Reaktionen. Die US-Armee beauftragte eine Einheit der Nationalgarde, die Luft in Manhattan auf tödliche Erreger zu testen. Das Weiße Haus pumpte sich seit den frühen Morgenstunden des 11. Septembers mit Cipro voll, dem damals stärksten Anthrax-Antibiotikum.

Seltsam: Die Bush-Administration wurde von den Geheimdiensten zwar nicht über die Gefahr der Todesflüge gewarnt, sie hat aber Bioterror befürchtet. Nicht nur die Regierenden waren von der Vorstellung eines Bioterrorangriffs eingenommen. Vor allem in New York brach eine regelrechte Anthrax-Hysterie aus: Die Apotheker kamen mit dem Ordern von Cipro nicht mehr nach.

Und dann tauchte das weiße Pulver tatsächlich auf: In den Wochen nach den Anschlägen vom 11. September gingen fünf echte Anthrax-Briefe in die Post, die fünf Personen das Leben kostete.

Philipp Sarasin, Professor für Geschichte an der Universität Zürich, hat nun einen längeren Essay mit dem Titel ",Anthrax'" veröffentlicht. Wie er auch im Gespräch mit dem Falter ausführt, ist dieses "Anthrax" in Anführungszeichen im Gegensatz zu dem echten, tödlichen Anthrax eine "Ausgeburt des kollektiven Imaginären". Der Bioterror ein "Phantasma". Sarasin sucht darüber hinaus nachzuweisen, dass Fiktion Realität zu formen vermag.

Am anschaulichsten gelingt ihm dies anhand des 1997 erschienenen Bioterrorthrillers "The Cobra Event" von Richard Preston. Darin wird eine Attacke auf New York mit pathogenen Mikroorganismen geschildert: Die infizierten Opfer beginnen sich selbst aufzufressen, sterben an Gehirnzersetzung. Die deutsche Übersetzung trägt im Titel den Zusatz "Tatsachen-Thriller". Der Realitätsgestus wird durch einen Anhang mit biologischen Fachtermini verstärkt, der Durchschnittsleser vermag nicht einzuschätzen, ob die verheerenden Mikroorganismen denkbar oder nur Hirngespinst sind. "The Cobra Event" verfehlte seine Wirkung nicht. Der damalige US-Präsident Bill Clinton machte den Roman bereits im Jänner 1998 zur Pflichtlektüre für Berater und Pentagon-Offiziere. Preston, der studierte Anglist und Romanautor, stieg zu einem viel gefragten Experten auf, berichtete bereits im April 1998 einem Komitee des Senats über die Bedrohung durch feinstes Pulver und mit Erregern voll gepackte Bomben.

Um das Phantasma zu komplettieren, wird in dem Roman eine "Russland-Irak-Connection" hergestellt. Der Einzeltäter hatte die Kampfmittel aus dem Irak erhalten, der wiederum arbeitslosen Biowaffenexperten aus der ehemaligen Sowjetunion Unterschlupf geboten hat. Wie sich diese Geschichte doch mit der vermeintlichen Wirklichkeit der späteren US-Kriegsrhetorik deckt! Man denke nur an die mobilen Hochsicherheitslabors in Lkws in der irakischen Wüste, nach denen noch heute gesucht wird. Sarasin behauptet, dass durch die immer gleiche Wiederholung von Behauptungen Verbindungen hergestellt werden: "Anthrax" stand sehr schnell für Bin Laden oder die Taliban.

Anthrax ging vorüber, das Phantasma des Bioterrors blieb. Dass der Irak über einsatzbereite Massenvernichtungswaffen verfüge, war die Legitimation für den dritten Golfkrieg. Die behauptete und nie bewiesene Verbindung zwischen Irak und El Kaida war so glaubwürdig, dass laut Umfragen im Jänner 2003 die Hälfte der US-Bevölkerung glaubte, Saddam Hussein sei direkt verantwortlich für die Anschläge von New York und Washington.

Dass man diese "düstere Vision einer Massenvernichtung mit biologischen Waffen" für möglich halten mag, ist für Sarasin die Folge eines machtvollen medialen Diskurses, in der Hollywoodblockbuster und rassistisch unterlegte Vorstellungen von einer Infiltration des eigenen "Volkskörpers" durch arabische "Schläfer" ineinander greifen. Sarasin zeigt, wie sich Politiker und Medien beim Reden über den "Terror" eines immunologischen und bakteriologischen Vokabulars bedienen.

Ist nun die Bioterrorbedrohung reine Einbildung? Grundsätzlich ausschließen lässt sich nichts, aber bisher fehlt jeglicher Beleg dafür. Produktion und Einsatz von modernsten Biowaffen ist ein logistisch, finanziell und punkto Expertise dermaßen aufwendiges Unterfangen, dass es einem dezentralen Netzwerk wie El Kaida kaum gelingen dürfte. FBI-Direktor Louis Freeh bezifferte 1999 die Wahrscheinlichkeit für einen groß angelegten terroristischen Angriff mit Biowaffen mit "gleich null". Die Linienmaschinen von 9/11 wurden bekanntlich mit Teppichmessern entführt.

Und was ist mit den echten Anthrax-Briefen? Ein Artikel des führenden Wissenschaftsmagazins "Science" vom November 2003 kommt zu dem Schluss, dass die in den Anthrax-Briefen verwendeten Sporen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aus einem Hochsicherheitslabor der USA selbst stammen. Wurde die Angst vor einem Anschlag zur Selffulfilling Prophecy? Fast scheint es so: Sicher ist, dass bereits seit der Clinton-Administration in die Biowaffenforschung investiert wurde. Um sich gegen Angriffe mit gefährlichen Viren zu wappnen, müssen diese gezüchtet werden. Die damit verbundenen Gefahren eines Missbrauchs - siehe Anthrax - scheinen für Kritiker jedoch ungleich realer als die imaginierte Attacke eines muslimischen Märtyrers, der sich infiziert und in Shoppingmalls den Virus verbreitet.

Sarasin erinnert im Falter-Gespräch noch an einen Vorfall, der den amerikanischen Zeitungen nur eine kleine Randnotiz wert war: Im Sommer 2002 gab es in den USA einen (Affen-)Pockenausbruch. Er war weniger gefährlich als Kinderpocken, jedoch viel gefährlicher als Anthrax. Die Viren wurden über eingeschleppte Tiere verursacht. Erkrankte und das Gesundheitssystem haben die Attacke sofort in den Griff gekriegt.

Oliver Hochadel in FALTER 29/2004



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