Margaret Stonborough-Wittgenstein. Bauherrin, Intellektuelle, Mäzenin

Ursula Prokop


In welchem gesellschaftlichen Umfeld entstanden die Bilder von Gustav Klimt und Egon Schiele? Ein Buch erinnert an die Mäzenin Margaret Stonborough-Wittgenstein, eine Ausstellung an den Schiele-Entdecker Arthur Roessler.

Der Wiener Kunstsammler Rudolf Leopold ist nicht auf den Mund gefallen. Als 25-jähriger Medizinstudent besucht er im Jahre 1950 den betagten Kunstkritiker Arthur Roessler (1877-1955), um ein Bild des damals in Vergessenheit geratenen Egon Schiele (1890-1918) zu erwerben. Um Leopold zu testen, fragt Roessler: "Was sagen Sie zu dem Sonnenuntergang?" Wie aus der Pistole geschossen antwortet Leopold: "Sie sagen nur ,Sonnenuntergang' zu dem Bild? Daraus geht aber nicht hervor, ob das Bild eine traurige oder eine fröhliche Stimmung vermittelt. Vor diesem Werk aber müsste man mit aller Schwermut sagen, die Sonne versinkt. Vorne ist es schon dunkel und kalt geworden, und jedes Blatt auf den Baumzweigen scheint vor Kälte erstarrt. Nie hat jemand vor Schiele einen Sonnenuntergang in so kühlen Farben gemalt ..."

Offensichtlich beeindruckt von der Eloquenz des jungen Kunstliebhabers verkaufte ihm Roessler drei Gemälde und eine Zeichnung. Sie sind in der Ausstellung "Schiele & Roessler - Der Künstler und sein Förderer" im Wien Museum ebenso zu sehen wie zahlreiche andere Schiele-Werke aus Roesslers Nachlass, der dem Museum gehört. Der verarmte Kunstpromoter, den Schiele 1910 in einem seiner bekanntesten Porträts verewigte, musste seine Sammlung der Gemeinde Wien geradezu aufdrängen. Drei Jahre wartete er auf den Beschluss des Gemeinderats, der ihm eine Leibrente im Tausch gegen seine Kunstsammlung und Bibliothek genehmigte. Wenige Monate darauf, im Juli 1955, verstarb er.

Die meisten Bilder Egon Schieles hängen heute nicht in einem Schiele-Museum und auch nicht in einem Roessler-Museum. Denkbar wäre das schon, denn immerhin verdankte der jung verstorbene Maler seinen ersten Erfolg dem damals einflussreichen Publizisten Roessler, dem der erst 19-jährige Maler bei einer Gruppenausstellung aufgefallen war. Auch prägte er mit seinen Schriften über Schiele - sogar dessen angebliches "Gefängnistagebuch" stammt aus seiner Feder - das Bild des leidenden Außenseiters, obwohl er es war, der den mittellosen Akademierebellen in die Wiener Gesellschaft einführte.

Die meisten Bilder Schieles hängen heute in einem Museum, das nach jenem Arzt benannt ist, der Roessler 1950 in seiner Wohnung in der Billrothstraße besuchte. Leopold erinnert sich an dessen "geschniegeltes Getue". So distanziert klingen die im Ausstellungskatalog publizierten Erinnerungen. Leopold konnte Roessler nachweisen, dass jener den unteren Rand des Bildes "Tote Stadt" weggeschnitten hatte, damit es in einen Rahmen passt. Schockiert war Leopold auch ein andermal. Als Roessler bemerkte, dass ein Stück Blau-Schwarz aus dem Hut der porträtierten Gattin Ida Roessler gebröckelt war, sagte er: "Na, das haben wir gleich", und füllte die Stelle mit seiner blauen Füllfeder aus.

Mit dieser Ausstellung arbeitet das Wien Museum die Geschichte seines beachtlichen Schielebestandes auf. Zu sehen sind neben Schieles Bildern, Grafiken und Briefen auch die Bilder anderer Künstler, die Roessler förderte. Wenn man Schieles Stärken mit den Mediokritäten seiner Kollegen zusammenzählt, kommt man in etwa auf das geringe Qualitätsniveau der lokalen Kunstszene der Zwischenkriegszeit. Mit eigenem Geld hätte Roessler aber dennoch niemals eine so große Sammlung aufbauen können. Sein Kapital war symbolischer Natur. "Der nächste, den ich groß machen werde, bist du", sagte er etwa zu dem heute in Vergessenheit geratenen Georg Philipp Wörlen, der sich artig mit Kunst bedankte.

Mit barer Münze bezahlen hingegen konnte die fünf Jahre jüngere Margaret Stonborough-Wittgenstein (1882-1958), Tochter eines der erfolgreichsten Unternehmer der späten Donaumonarchie, Schwester des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Wenn ein Künstler wie Schiele im Wittgenstein'schen Salon verkehrte, hatte er es geschafft. Nicht von Schiele, sondern von Gustav Klimt stammt das im Auftrag von Margarets Eltern gemalte Porträt (1905), das als Ikone des Wiener Jugendstils gilt. Als "Tochter und Schwester von" blieb Stonborough-Wittgenstein bisher jedoch eine Fußnote der Kulturgeschichte. Die Biografie der Kunsthistorikerin Ursula Prokop zeichnet nun das Leben einer erstaunlichen Frau nach.

Vor dem Krieg gehörte Stonborough-Wittgenstein zu dem kleinen Kundenkreis der Wiener Werkstätte, deren Ästhetik eine liberale Opposition gegen Adel und reaktionäre Teile des Bürgertums markierte. In den Hungerjahren nach dem 1. Weltkrieg machte sie eine Goodwill-Tour durch die USA, um Spendengelder zu beschaffen, und gründete einen "Verein gegen Armut und Bettelei". Vor allem aber ermöglichte sie es ihrem Bruder Ludwig, seine philosophischen Überlegungen im Bau des Palais Stonborough in der Kundmanngasse in die Praxis umzusetzen; als Wittgenstein-Haus sollte das Palais in die Geschichte der modernen Architektur eingehen.

Der biografische Bruch kam 1938, als die Wittgensteins, die sich nie für Juden gehalten hatten, von den Nazis zu solchen erklärt wurden. Es lag an Margaret, der Familie die Flucht in die USA zu ermöglichen. Und ihren Kontakten ist es zu verdanken, dass der schwerkranke Psychoanalytiker Sigmund Freud von den NS-Behörden schließlich die Ausreiseerlaubnis erhielt. Nach dem Krieg kehrte die verarmte Margaret Stonborough-Wittgenstein nach Wien zurück, ihre Erben verkauften das Haus. Das öffentliche Interesse an ihrem Palais war geringer als das am Nachlass Arthur Roesslers. Den bereits genehmigten Abriss in den Siebzigerjahren stoppte der bulgarische Staat, der das Gebäude kaufte und seither als Kulturinstitut nutzt.

Matthias Dusini in FALTER 29/2004



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