Ich war mit Freuden dabei!. Der KZ-Arzt Sigbert Ramsauer – Eine österreichische...

Peter Pirker, Lisa Rettl


Die Geschichte eines anständigen Schlächters

Wie aus dem wegen Mordes verurteilten KZ-Arzt Sigbert Ramsauer ein angesehener Bürger wurde – und was das über Österreich erzählt

Wer ihn im Interview mit dem Dokumentarfilmer Egon Humer gesehen hat, wird ihn vermutlich nie vergessen: Dr. Sigbert Ramsauer. Der damals 81-Jährige saß in seiner Klagenfurter Ordination und plauderte launig und selbstgerecht über seine Zeit als SS-Arzt im KZ Loibl, einem Außenlager von Mauthausen. Ramsauer verstand sich als Prototyp jener, die Jörg Haider in seiner berüchtigten Krumpendorf-Rede vor ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS als "anständige Menschen" bezeichnete, die ihrer "Überzeugung treu geblieben" sind. Ramsauer verehrte Jörg Haider als Vertreter des alten Geistes der Waffen-SS, über den er meinte: "Man muss ja net gleich sagen ,ein kleiner Hitler', aber ein Hoffnungsschimmer ist es."
20 Jahre später beschäftigen sich Lisa Rettl und Peter Pirker mit der Biografie dieses Mannes. Gestützt auf eine Fülle an Archivmaterial rekonstruieren die beiden mehrfach ausgezeichneten Historiker die Lebens- und Mordgeschichte von Sigbert Ramsauer. Zudem entwerfen sie ein Sittenbild österreichischer Vergangenheitspolitik, die schon wenige Jahre nach Kriegsende auf die reibungslose Integration von NS-Tätern abzielte, die im öffentlichen Bewusstsein von Tätern zu
Opfern der alliierten Besatzungspolitik mutierten.
1909 in Klagenfurt in kleinbürgerlichen Verhältnissen geboren, studierte Ramsauer Medizin an der Universität in Innsbruck und ab 1935 in Wien. Schon im Mai 1933 war er der SS beigetreten – ein Umstand, der es dem Bummelstudenten ermöglichen sollte, seine letzten Rigorosen im Frühjahr 1940 auf wundersame Weise in wenigen Wochen abzuschließen. Seine Meldung zur Waffen-SS dürfte in der von Nationalsozialisten dominierten medizinischen Fakultät beschleunigend gewirkt haben.
Im November 1940 kam Ramsauer als Arzt eines SS-Kavallerieregiments vorerst nach Polen und ab Juli 1941 in die Sowjetunion. Knapp ein Jahr lang war er im Osten stationiert – eine Periode, über die er nach dem Krieg tunlichst zu sprechen vermied: Denn die SS-Reiter waren in Polen an der Deportation von zehntausenden Juden und Polen beteiligt gewesen und hatten an Massenexekutionen von Zivilisten ebenso wie an der Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung mitgewirkt.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im
Juni 1941 begann die SS-Kavallerie mit der systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Allein innerhalb von drei Wochen ermordeten die SS-Reiter fast 14.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder im Gebiet der Pripjet-Sümpfe. Eine konkrete Tatbeteiligung konnte Ramsauer ebenso wenig nachgewiesen werden wie seinem SS-Kameraden, dem späteren FPÖ-Obmann Friedrich Peter, dessen SS-Einheit ebenfalls an diesen Mordaktionen beteiligt war. Ramsauer dürfte dort zumindest erste Tötungsexperimente durchgeführt haben. Gegenüber Häftlingen im KZ Loibl prahlte er damit, dass er "russischen Banditen" Luft in die Venen injiziert hatte.
Diese Mordtechnik konnte Ramsauer verfeinern, nachdem er im Herbst 1941 seine Karriere als KZ-Arzt antrat. Sein Werdegang führte ihn als Truppenarzt ins KZ Gusen, einem Nebenlager von Mauthausen, dann ins KZ Neuengamme bei Hamburg und weiter ins KZ Dachau. An all diesen KZ-Standorten belasteten ihn Zeugen, unter anderem Häftlinge durch Benzininjektionen ermordet zu haben. Doch alle gegen ihn geführten Ermittlungsverfahren wurden mangels an Beweisen eingestellt.
Im Juli 1943 avancierte Ramsauer zum Lagerarzt im KZ Loibl. Dort verrichteten mehr als 1600 KZ-Häftlinge Sklavenarbeit bei der Errichtung eines Straßentunnels durch die Karawanken. Ramsauers Aufgabe bestand darin, zu sichern, dass die mit der privaten Betreiberfirma Universale vereinbarte Zahl an Krankenständen in der Höhe von 7,5 Prozent nicht überschritten wurde. Das geschah auf zweifache Weise: Kranke Häftlinge, die sich binnen eines Monats nicht erholten, ließ Ramsauer nach Mauthausen deportieren – sie wurden dort getötet; lag die Lebenserwartung eines Erkrankten unter einer Woche, so sollte er durch eine Spritze ins Herz vor Ort ermordet werden. Ramsauer hegte kein Interesse am Befinden der Kranken. Es ging ihm um die rasche Beseitigung von unnütz gewordenem "Menschenmaterial". Oder, wie Ramsauer es selbst zynisch formulierte: "An den hippokratischen Eid hab ich aber sicher nicht gedacht dabei ..."

Im Prozess vor einem britischen Militärgericht in Klagenfurt im Herbst 1947 wurde Ramsauer nur wegen seiner Taten im KZ Loibl angeklagt und wegen der Ermordung von drei Häftlingen durch Verabreichung von Benzininjektionen zu lebenslanger Haft verurteilt. Unmittelbar nach Haftantritt begannen seine Begnadigungsinitiativen: Sein Schulkamerad und nunmehrige ÖVP-Staatssekretär Ferdinand Graf bestätigte ihm, dass er sich als KZ-Arzt gegenüber den Häftlingen immer korrekt benommen hätte, und der Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher attestierte ihm, er hätte die Mordspritzen nur "aus Gefühlen tiefsten menschlichen Mitleids für die hoffnungslos Leidenden" verabreicht.
Die Briten zeigten sich von solchen "Persilscheinen" unbeeindruckt. Doch als das Begnadigungsrecht Ende 1953 an das österreichische Justizministerium übertragen wurde, ging alles rasch: Bereits im April 1954 war Ramsauer auf freiem Fuß, einen Monat später erhielt er vom Direktor der Klagenfurter Spitäler, Ex-SS-Standartenführer Dr. Oskar Kauffmann, einen Ausbildungsplatz im Klagenfurter Landeskrankenhaus. Ramsauer wurde ein angesehenes Mitglied der Kärntner Gesellschaft, während seine Mordstätte in Vergessenheit geriet: Die erste öffentliche Gedenkfeier im KZ Loibl fand 1995 statt – vier Jahre nach dem Tod des KZ-Arztes.

Walter Manoschek in FALTER 48/10



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