Satyricon

Titus Petronius, Kurt Steinmann


Manesses Klassiker der Weltliteratur sind mittlerweile selbst quasi klassisch geworden: Seit genau sechzig Jahren gibt es die sorgfältig edierten und zeitlos elegant gestalteten Leinenbände, die bequem in jede größere Jackentasche passen. Zu seinem Jubiläum hat der in Zürich beheimatete Verlag seine mittlerweile 600 Bände umfassende Bibliothek, die Klassiker der Antike ebenso umfasst wie solche des 20. Jahrhunderts, um einige Preziosen der Literaturgeschichte erweitert. Zwei der originellsten Bücher des Jubiläumsprogramms sind neu übersetzte Männerfantasien: Petronius' fast zweitausend Jahre altes "Satyricon" und "Die künftige Eva" des französischen Schriftstellers Auguste Villiers de l'Isle-Adam. Während in der von Fellini 1969 verfilmten Porno-Parodie auf die Ilias und die Odyssee nachzulesen ist, dass schon bei den alten Römern - zumindest unter Nero - Hardcore aller Art in Mode war, führt die 1886 erschienene "künftige Eva" zurück in eine Vergangenheit, in der man noch an die Zukunft glaubte: In Villiers de l'Isle-Adams seltsamem literarischem Solitär erschafft ein semi-fiktiver Thomas Alva Edison für einen gewissen Lord Ewald eine perfekte Geliebte nach dem Ebenbild einer wunderschönen Sängerin, die dem Lord seelisch inadäquat erscheint. Die "künftige Eva" besteht dabei nicht aus Fleisch und Blut, sondern ist ein täuschend echter Automat, in den sich Lord Ewald prompt verliebt ...

Beide Romane sind trotz ihrer Verschiedenheit eigenwillige Sittengemälde ihrer Zeit und zugleich aktuelle Flaschenpost für das 21. Jahrhundert: Sie verhandeln die ewigen Themen Liebe, Begehren und Sex auf originelle, mitunter erschreckend zeitgenössische Weise. Und im Fall der "künftigen Eva" werden gleich auch noch unsere biotechnischen Cyborg(alb-)träume vorweggenommen.

Klaus Taschwer in FALTER 27/2004



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