Sergijs letzte Versuchung

Jani Virk


In "Die Zugereisten" erinnert sich Lojze Kovacic an eine bittere Kindheit, sein Landsmann Jani Virk liefert einen Schlüsselroman des postkommunistischen Slowenien.

Manche Dummheiten im Leben lassen sich nicht mehr gut machen. Mitte der 1920er-Jahre wurde dem Vater von Lojze Kovacic, einem "kleinen, schwarzhaarigen, leidenschaftlichen" und vor allem in Basel lebenden Slowenen die Schweizer Staatsbürgerschaft und ein Platz in der Gewerbekammer angeboten. Er lehnte ab. Aus falschem (National-)Stolz. Schließlich wollte er mit seinem Kürschnerladen in der Basler Gerbergasse nur ein bisschen Geld für die hohe Kante verdienen, um später einmal mit seiner Familie in die Heimat zurückzukehren, die damals "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" (Kraljevina SHS) hieß. Wer die Entwicklungen der beiden darauf folgenden Jahrzehnte vor Augen hat, wird sich nicht wundern, dass die Mutter - eine "blonde und große" Deutsche - den Vater bis zu seinem Tuberkulosetod mit dem Stoßseufzer "Ach, hättest du doch damals " verfolgte.

Als der zehnjährige Lojze im Sommer 1938 mit seiner ausgewiesenen Familie in Basel den Zug besteigt und in die Heimat des Vaters abdampft, hält er es noch für ein Abenteuer. Vater, Mutter, "Bubi", die Schwestern Gisela und Clairi finden bei Verwandten auf dem Land Unterschlupf. Mehr aber auch nicht. Erwünscht sind die zusätzlichen Esser nicht, doch ist die Unterkunft am Heuboden und auf mit Maisblättern ausgelegten Betten unter dem bösen Blick von Onkel Karel noch eine Luxusherberge im Vergleich zu dem, was später folgt - ein durch Armut, Hunger und Überlebenskämpfe geprägtes Leben in der Demütigung, die noch verstärkt wird durch die ständige Gewissheit, wie schön das Dasein sein könnte, wenn der Vater damals Der schläft mittlerweile auf dem Tisch, weil für ein weiteres Bett in der Kammer kein Platz ist. Zuweilen findet er Arbeit in einer Fabrik, der Lohn reicht natürlich nicht einmal für das Nötigste. Lojze und Schwester Clairi gehen hausieren.

Der erste Teil der Trilogie "Die Zugereisten" wurde von der slowenischen Literaturkritik zum "Roman des 20. Jahrhunderts" gewählt und liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Er besteht aus Erinnerungsfetzen, aus den Fragmenten einer Kindheit, die neben Entbehrungen durch den Umstand erschwert wird, dass der kleine Lojze sich mit seiner Vatersprache, die er in der Schweiz nie erlernt hat, nur langsam anfreunden kann. Auch wenn er Anführer von Gassenjungen ist, mit denen er gegen andere Banden kämpft, oder Freundinnen findet, denen er sogar unter den Rock greifen darf, bleibt er ein Außenseiter, ein "nervöser und aufbrausender Junge", der wegen seiner Sprachschwierigkeiten verlacht wird und in der Schule sitzen bleibt. Er streunt durch Ljubljana, seiner "offenen, lebendigen Spielschachtel", und lernt allmählich, sich zu behaupten - auch mit unlauteren Mitteln wie Diebstahl oder Betrug. Als ihm auf der Straße der Herkunft seiner Mutter wegen "Hajlhitler" nachgerufen wird, ist das ist nur der Vorgeschmack auf die Tragödie, die Kovacic in den folgenden Bänden erzählt. Im Zweiten Weltkrieg wird Slowenien von den Hitlertruppen besetzt. Die Mutter ist fortan eine Geächtete. Nach dem Krieg wird sie mit Tochter Gisela aus Jugoslawien ausgewiesen und in ein Lager deportiert. Beide kommen ums Leben. Lojze selbst wird in die Uniform der Hitlerjugend gezwungen.

"Die Zugereisten" zeigen die dramatischen Auswirkungen der Politik auf die Biografien der Betroffenen. Dass Kovacic, 75, ausgerechnet am 1. Mai dieses Jahres verstarb, hat eine bittere Pointe: Am selben Tag trat Slowenien der EU bei. Kovacic sah Slowenien zwar "tief in Europa verwurzelt", doch machte ihn die Lebenserfahrung skeptisch: "Die Selbstständigkeit war ein alter Traum Sloweniens. Jedes Volk sehnt sich danach, Herr im eigenen Haus zu sein." Ein Traum, der für ihn zu kurz währte: "Früher war Wien unser Bezugspunkt. Dann war es Belgrad - und nun wird es Brüssel."

Eine andere Sicht auf das Land entwirft Jani Virk in seinem, nun wieder aufgelegten Roman "Sergijs letzte Versuchung", in dem der Protagonist an der provinziellen Kleingeistigkeit des neuen Staates verzweifelt. Der Essayist und Philosoph Sergij Tramar, im kommunistischen Jugoslawien Leitwolf von Sloweniens intellektueller Opposition, wird nach dem Übergang zu Demokratie und Eigenständigkeit von der inhaltsleeren Schnelllebigkeit der kapitalistischen Gegenwart überrumpelt und lässt nun, ein Held von einst, die Tage im Café "Marmelade" an sich vorüberziehen.

Anders seine früheren Weggefährten: Die Wendehälse machen Karriere in der Politik, und Laibach-Insider, die diesen Schlüsselroman lesen, haben es wohl nicht sehr schwer, den einen oder anderen Charakter in der Realität wiederzufinden. Sergij, dem Widerborst, aber bleiben nur noch der Alkohol und die Frauen. Als er die Chance erhält, Chef einer Wochenzeitung zu werden, interessiert sich eine junge Fotografin für ihn. Gemeinsam machen sich die beiden zu einer Reportage auf - eine Landpartie mit tragischen Folgen.

Matthias Dusini in FALTER 26/2004



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