Zwischen Eros und Krieg. Männerbund und Ritual in der Moderne

Ulrike Brunotte


Stell dir vor, es ist Krieg und Spanien schickt seine Kinder aufs Schlachtfeld. Was tun, wenn man eingezogen wird? Mitmachen? Desertieren? 1999, als "Der Vogel unter der Zunge" in der Heimat des 1970 geborenen Autors Josan Hatero erschien, war nicht absehbar, dass der Roman über soldatische Gruppendynamik fünf Jahre später Weltpolitik kommentieren würde. Hatero begleitet eine Gruppe junger Männer in eine Kaserne. Er schildert die Kampfausbildung, als wäre sie ein Probelauf für den Irak nach Saddam. Die gleichgeschlechtliche Isolation und der tägliche Umgang mit Waffen führen zu Verschiebungen im Hormonhaushalt, den fehlenden Feindkontakt kompensieren die Burschen, indem sie ein paar der ihren zum Feind erklären und angreifen. Zwar wird bei Hatero nicht gefoltert, aber man ist sich als Leser sicher: Die Geschehnisse in irakischen Gefängnissen resultieren aus jenem soldatischen Selbstverständnis, dessen psychische Mechanik der Kurzroman durchexerziert.

Es handelt sich dabei um die Auswirkungen eines Verhaltenskodex, dessen kulturgeschichtliches Fundament Anfang des 20. Jahrhunderts gelegt wurde. Das Ideal einer von Initiationsritualen zusammengehaltenen Kameradschaft, das in pazifistischen Jugendbündnissen wie den Wandervögeln hochgehalten wurde, wandelte sich allerdings schnell von einem Element der Gegenkultur zum roten Faden der westlichen Militärgeschichte.

Das Ideal einer von Initiationsritualen zusammengehaltenen Kameradschaft, das in pazifistischen Jugendbündnissen wie den Wandervögeln hochgehalten wurde, wandelte sich allerdings schnell von einem Element der Gegenkultur zum roten Faden der westlichen Militärgeschichte. Wie und warum, versucht Ulrike Brunotte in ihrer Untersuchung "Zwischen Eros und Krieg" zu rekonstruieren; leider allerdings ohne dabei zu halten, was das Vorwort verspricht: nämlich die Querverbindungen zum Heute aufzuzeigen. Das Buch verläuft sich in einer literaturwissenschaftlichen Analyse von Romanen, und auch der Umstand, dass und wie sich die NSDAP die homoerotische Grundierung des Männerbundideals zu eigen machte, wird nicht recht greifbar.

Martin Droschke in FALTER 26/2004



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