Winterquartier

Evelyn Grill


Ab sofort zur Wiederentdeckung freigegeben: die in Deutschland lebende Österreicherin Evelyn Grill und ihr Buch "Winterquartier".

Da gibt es eine österreichische Autorin, keineswegs mehr jung, deren Bücher bei Suhrkamp erscheinen und die dennoch hierzulande ein unfreiwilliges Inkognitodasein führt: Evelyn Grill, geboren in Garsten bei Steyr, lebt freilich seit 18 Jahren in Deutschland. Als freie Schriftstellerin versteht sich die studierte Juristin immerhin schon seit 1980, ihr Erstling "Rahmenhandlungen" erschien im Wiener Frauenverlag. Ein kritisches Echo stellte sich allerdings erst mit der Erzählung "Wilma" (1994) ein: der Geschichte einer geistig behinderten Frau und ihrer Pflegemutter, die die Duldsamkeit eines österreichischen Dorfes aufs Äußerste strapazieren und deren verknotete Existenzen dramatisch auseinander gerissen werden. Ein Jahr später erschien "Hinüber": Eine Frau, die in Deutschland ihre Wahlheimat gefunden hat, wird durch die tödliche Krankheit ihres Bruders in ihren Geburtsort zurückgezwungen. Die Begegnung mit der eigenen Kindheit und dem Sterben findet allerdings nur äußerlich statt, innerlich wagt sie den entscheidenden Schritt nicht.

In Evelyn Grills alltäglichen Geschichten wird das Leben präzis begutachtet, mit Neugier und mit verhaltener Betroffenheit. Die Erzählung "Ins Ohr" (2002) zeichnet eine telefonische Beichte nach, den Monolog einer so genannten reiferen Frau: Ihr Mann hat ihr ausgerechnet zum zwanzigsten Hochzeitstag den Laufpass gegeben, als sie gerade ihr Jusstudium abgeschlossen hat und sich anschickt, den niedrigen Hausfrauendiensten zu entwachsen. Obwohl nichts Komisches passiert, ist es ein ausgesprochen komisches Buch. Lächerlich erscheinen nicht nur die männlichen Kontrahenten, sondern auch die Unbilden der eigenen Körperlichkeit. Das Steyrer Lokalkolorit, die autobiografischen Anklänge, die provinzbürgerliche Umgebung spielen unverkennbar auf Marlen Haushofers Pionierarbeit an. Die Heldin von heute hat immerhin die Möglichkeit zu offener Gegenwehr und ökonomischer Selbstständigkeit.

Grills jüngste Publikation ist gar nicht die jüngste - aber jedenfalls ein kleines Meisterwerk. "Winterquartier" erschien bereits vor elf Jahren in der Bibliothek der Provinz und lässt sich nun in einer überarbeiteten Fassung entdecken. Die lange im kleinbürgerlichen Provinzmilieu spielende Erzählung - vom Verlag diesmal als "Roman" herausgebracht - verdiente eher die Bezeichnung Novelle. Grill konfrontiert das späte Mädchen Roswitha, eine gehbehinderte Änderungsschneiderin, mit einem ziemlich grobschlächtigen Exemplar der Gattung Mann. Max, der Maurer, sucht ein bequemes Winterquartier und verspricht dafür einer Einsamen die Ehe. Es weht ihn ihr sozusagen beim Fenster herein, vom Baugerüst, und von Anfang an bringt er Unordnung in ein wohlgeordnetes Reich, aber, als er die ehelichen Rechte vorzeitig einfordert, auch etwas anderes: "Ich bin eine Frau und habe eine Macht, meint sie, seit dieser Nacht. Davon steht nichts in den Aufklärungsbüchern. Mein weiblicher Körper hat sich bewährt. Jetzt bin ich erleichtert. Ich fühle mich in Betrieb genommen. Ich mag es, wenn alles in mir und um mich funktioniert."

Max begeht den Fehler, die Macht dieser schwachen Frau, deren ganzer Stolz ihre Hände sind, zu unterschätzen. Er, der das Messerwerfen liebt, findet seine Meisterin in der Schneiderin, deren Waffe die Schere ist.

Grill baut die gewaltträchtige Spannung mit ganz schlichten und umso subtileren Mitteln auf. Dass im Präsens erzählt wird, suggeriert auch voyeuristisches Dabeisein und minütliche Zuspitzung: Hier verstehen sich zwei ganz und gar nicht, und so wird ein Aufbruch zum Unglück. Großartig spiegelt sich der häusliche Showdown zwischen den ungleichen Gegnern auf dem Kirchendach vis-à-vis, wo Ausbrecher aus der benachbarten Strafanstalt (Garsten!) präsentiertellergleich dem Zorn der Ortsbewohner ausgeliefert sind. Einer der aufregendsten und kompaktesten Texte der letzten Jahre.

Daniela Strigl in FALTER 25/2004



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