Der gespaltene Westen. Kleine Politische Schriften X

Jürgen Habermas


Jürgen Habermas, der vielleicht bedeutendste lebende Philosoph, wird diese Woche 75 - und gönnt sich zum Jubiläum einen Essayband mit drängender Geste.

Freitag dieser Woche wird Habermas 75 Jahre alt. Und pünktlich brachte der Suhrkamp-Verlag einen neuen Band mit Einwürfen des Jubilars heraus, eines jener bunten Editionsbändchen, die der Autor nunmehr schon seit Jahrzehnten und nicht ohne Understatement mit dem Untertitel "Kleine politische Schriften" versieht. Interventionen, mit denen er regelmäßig Stichworte liefert, die bald zu geflügelten Worten im deutschsprachigen Diskurskosmos werden: "Die Neue Unübersichtlichkeit" (1985 über die konservative Wende) beispielsweise, oder "Eine Art Schadensabwicklung" (die gesammelten Essays zum Historikerstreit, 1987).

Der aktuelle Titel ist dagegen fast von schnörkelloser Evidenz: "Der gespaltene Westen". Zwei miteinander verbundene Großthemen treiben Habermas in den darin versammelten Aufsätzen, Interviews und Vorträgen um: die Frage der Identität Europas sowie die Folgen des 11. September und des Irakkrieges, insbesondere für das Völkerrecht.

Die Spaltung, die dem Band den Titel gibt, verläuft zwischen den USA und Europa, auch mitten durch die Gesellschaften selbst, und sie zieht sich durch den alten Kontinent. Der transatlantische Hader traf hierzulande auf eine Konstellation des Gegensatzes zwischen Nationen, die eine Vertiefung der europäischen Integration wünschen und jenen, die den bestehenden Modus nicht verändern wollen - bedacht auf ihre nationalstaatliche Souveränität. Demgegenüber setzt Habermas auf zweierlei, und er hat das vor einem Jahr in einer spektakulären Initiative auch öffentlich gemacht: auf vertiefte Integration, wenn nötig in einem Kerneuropa, und auf die Entstehung eines Gefühls der Zugehörigkeit in einem "europäischen Gemeinwesen". Die Voraussetzungen dafür sieht Habermas grundsätzlich gegeben: eine spezifisch europäische Mentalität, die von Achtung vor dem Sozialstaat, dem Respekt vor der Trennung von Religion und Politik geprägt ist und vor allem von der historischen Erfahrung der fatalen Folgen kriegerischer und imperialer Aktivitäten.

Alles Grundlagen eines europäischen Bewusstseins, das irgendwann womöglich mit dem modernen Nationalbewusstsein vergleichbar sein könnte - und auch von der Abgrenzung gegen Amerika lebt so Habermas' Credo.

Bis in die Neunzigerjahre, so Habermas' zweiter wesentlicher Punkt, hätten europäische und amerikanische Mentalität zumindest in einem gemeinsamen Takt agiert. Auch die USA, obzwar global stärkste Kraft, setzten auf eine Verrechtlichung der internationalen Ordnung. Erst die Bush-Doktrin wandte sich davon ab und begründet das mit dem, was Habermas den "hegemonialen Liberalismus" nennt. Doch selbst wenn man voraussetzt, dass es diesem wirklich und ehrlich darum zu tun ist, die Welt freier und friedlicher zu machen, wie das die Rhetorik des "Regime Change" nahe legt, so schieße sich unilaterale Hegemonialpolitik mit der Abkehr vom internationalen Recht selbst ins Bein, hadert Habermas. Denn der Erfolg solcher Operationen hänge nicht nur vom guten Willen des Hegemons, sondern davon ab, ob dessen Argumente "auch von anderen Nationen geteilt werden könnten". Mit anderen Worten: ob die anderen dessen guten Willen auch anerkennen. Eine solche Anerkennung garantieren, auf globaler Ebene, nur die vorhandenen verrechtlichten Verfahren.

Völlig neu sind diese Thesen natürlich nicht - und doch fällt beim Lesen der drängende Ton auf. Angesichts von Bush und Europhobie verlässt den 75-Jährigen die Gelassenheit.

Robert Misik in FALTER 25/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×