Der Klang der Zeit

Richard Powers, Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié


Die jüngste Version des in-dieser-Minute-total-angesagten Shootingstars unter den US-amerikanischen Jungromanciers ist weder jung, noch ein Shootingstar, aber liefert doch das, was spätestens seit Jonathan Franzens "Korrekturen" ziemlich gut ankommt: ein oppulentes Familienepos made in USA, das noch dazu mit der jüngsten Geschichte der Vereinigten Staaten aufs Engste verknüpft ist (oder diese zumindest kursorisch herbeizitiert).

Joey und seine Geschwister, der ältere Jonah und die jüngere Ruth, sind Kinder einer (hellhäutigen) Schwarzen und eines aus Deutschland ausgewanderten Juden, dessen Familie von den Nazis ermordet wurde. Als "Mischlinge" stoßen sie nicht nur bei Fremden auf Aggression und Skepsis ("was seid ihr Jungs eigentlich?"), sondern müssen sich auch ganz individuell den Mühen der Identitätsfindung unterwinden, die bei allen ganz unterschiedlich aussehen: Während sich Jonah als gefeierter Tenor Schubert, Brahms und Mahler, schließlich Dowland und die Alte Musik ersingt und damit auf unverschämte Weise "weißes" Terrain erobert, engagiert sich Ruth bei den Black Panthers und verliert nach der Mutter, die bei einem Brand ums Leben kommt, auch ihren Mann an den weißen Rassismus (so jedenfalls sieht Ruth es). Joey schließlich, der sein pianistisches Talent ganz in den Dienst des großen Bruders stellt, nimmt die Position ein, die dem Sandwichkind quasi "von Natur aus" zukommt: die des konfliktscheuen und entscheidungsschwachen Lavierens zwischen allen eindeutigen Positionen.

Keine Frage: Richard Powers hat große Fragen (Wer sind wir? Wohin gehen wir? Und ist Musik Eskapismus oder Medium der Befreiung?) mit beiden Händen beherzt angefasst und die nicht immer übermäßig subtile Konstruktion seines Romans, in der jede symbolträchtige überhöhte Motivwiederholung mit musikalischen und naturwissenschaftlichen Theorien und Metaphern unterspickt wird (der Vater der Geschwister, David Strom ist Physiker und arbeitet an der Entwicklung der Atombombe mit), ordentlich mit Fleisch bepackt.

Dabei ist Powers freilich vor Kitsch und Klischees nicht immer gefeit (die Geliebten der "honiggelben" respektive "milchkaffebraunen" Brüder haben natürlich gerne einen Körper von "arktischer Weiße") und begibt sich in den extensiven Schilderungen von Jonahs musikalischen Gipfelstürmen auf gefährliches Terrain: Nichts ist in der Literatur schwerer zu beschreiben als gute Musik und guter Sex. Von Letzterem ist wenig, und wenn, dann natürlich musikalisch-metaphorisierend, die Rede ("sie spannt sich, stößt leise Laute aus, schmilzt dahin unter seinen Händen, sforzando, als hätte sie ihr Leben lang gewartet, dass jemand so auf ihrem Instrument spielt"); von Ersterem leider sehr, sehr ausführlich: Da geht es rauf, dann wieder runter - bis "das Cello sein letztes da capo und der stimmgewaltige Zweierbob die letzte Steilkurve genommen hatte".

Da kann es schon passieren, dass einem beim Lesen ein bisschen schlecht, vor allem aber: ziemlich langweilig wird. Von den legendären freizeitlich entspannten Vokaldarbietungen der Familie Strom, die das Lob der Bastardisierung buchstäblich singen, heißt es einmal: "Meine Eltern machten jeden Spaß mit, so abwegig er auch war - nur swingen musste es." Und hier liegt das Problem: Richard Powers "Klang der Zeit" ist stupende, bildungsgesättigte und geschichtsgetränkte Klassenbestenprosa - aber sie swingt nicht. Und wie man spätestens seit Duke Ellington weiß: "It Ain't Mean a Thing, If It Ain't Got That Swing".

Klaus Nüchtern in FALTER 25/2004



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