Schwarzbuch USA

Eric Frey


Eric Freys "Schwarzbuch USA" ist eine gründliche, materialreiche Geschichte der ambivalenten, allein herrschenden Weltmacht.

Schwarzbücher über die Tätigkeit der USA gibt es genug. Nun hat Eric Frey, Politologe, Wirtschaftsjournalist und Chef vom Dienst des Standard, sein "Schwarzbuch USA" vorgelegt. Es weist gegenüber handelsüblichen Schwarzbüchern zwei Besonderheiten auf: Erstens ist das Motiv seines Autors keineswegs plumper Antiamerikanismus. Frey hat längere Zeit in den USA gelebt, dort studiert und als Gastprofessor gelehrt. Es ist anzunehmen, dass seine Aufzählung US-amerikanischer Schandtaten nicht durch die Aggression eines geifernden Gegners, sondern eher durch die Zuneigung eines enttäuschten Freundes motiviert wurde.

Zweitens beschränkt sich Freys Buch nicht auf die jüngere Gegenwart des US-amerikanischen Imperiums. Er legt vielmehr auf gut 500 Seiten eine Art amerikanischer Geschichte vor; dem Titel gemäß eine Geschichte der Schattenseiten dieser Großmacht. Nie unterschlägt er die Ambivalenzen. Das beginnt bei den Vätern der Verfassung, die sich einerseits als Champions der Menschenrechte betätigten, andererseits wenig dabei fanden, zu Hause Sklaven zu halten. Frey rechnet nicht ab, er zieht sachlich Bilanz: über den Landraub an den Indianern, über die Gier der räuberischen Kapitalisten, die Ende des 19. Jahrhunderts Trusts bildeten und den Wettbewerb abschafften, über die kolonialistischen Grausamkeiten im "Hinterhof Lateinamerika" und in Asien. Mit detaillierten Karten kann man etwa die 28 Interventionen nachvollziehen, welche die USA allein zwischen 1898 und 1934 in Mittelamerika vornahmen. Oder man kann das Zitat "Er ist ein Hundesohn, aber er ist unser Hundesohn" verifizieren: Präsident F.D. Roosevelt sagte es über den verbrecherischen dominikanischen Diktator Rafael Trujillo.

Es ist nicht einfach, beim Aufzählen all der Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten das Augenmaß zu behalten. Zum Beispiel angesichts der Zwischenkriegszeit. "Trotz der schwersten Depression ihrer Geschichte waren die Amerikaner keiner radikalen oder totalitären Versuchung verfallen, sondern hatten einen Mann gewählt, der das Land mit Vernunft und Augenmaß aus der Krise führen würde. Bis heute ist das eine Quelle des Stolzes für viele Amerikaner und ein Argument für die Überlegenheit ihrer politischen Kultur gegenüber der Europas." Tatsächlich erliegt Frey nie der Gefahr, die erstaunliche Fähigkeit des amerikanischen Systems zur Selbstkritik und zur Selbstkorrektur zu unterschlagen. Ebenso wenig erspart er uns - es geht ja um ein Schwarzbuch - dessen Fähigkeit zur Selbstgefährdung. Im konkreten Fall kreidet er den USA, die selbst den Faschismus vermieden, ihre Wirtschaftspolitik der Zwanzigerjahre an. Mit ihrem Desinteresse für Europa und ihrem Isolationismus habe sie Entscheidendes zu den großen Wirtschaftskrisen und damit zum Aufstieg Hitlers beigetragen.

Frey behauptet das nicht nur, er belegt es - wie alle seine Kritikpunkte - im Detail. Naturgemäß kommt bei der Fülle des Materials die theoretische Seite etwas zu kurz. Frey weist hier mit dem Politologen Richard Hofstadter auf den "paranoiden Stil" der amerikanischen Politik hin, die bis herauf zu George Bushs fundamentalistisch grundiertem "Krieg gegen den Terror" stets zu Verschwörungstheorien und Sektierertum neigte. Leser oder Leserinnen, die zu Antiamerikanismus neigen, könnten zugleich mit Freys Schwarzbuch "Feindbild Amerika" studieren, ein vor zwei Jahren erschienenes Buch des Historikers Dan Diner, das auf Freys umfangreicher Literaturliste merkwürdigerweise nicht vorkommt. Alles in allem hat Frey ein schnörkelloses, äußerst gründliches, lesenswertes und nützliches Buch geschrieben.

Armin Thurnher in FALTER 24/2004



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