Heute Morgen

Rainald Goetz


Seinem soeben fünfzig gewordenen Jungautor Rainald Goetz schenkte Suhrkamp neben einer schmucken Werkkassette ein eigenes Symposium - dem der Jubilar aus guten Gründen fernblieb.

Geburtstagsgeschenke von entfernten Bekannten sind eine unnötige und in der Regel peinliche Angelegenheit. Vor allem für den Jubilar, mit dem es alle nur gut meinen. Was viele gern tun würden, aber kaum jemand wagt, erlaubte sich dieser Tage einer der besten Autoren deutscher Sprache: Rainald Goetz hat es vorgezogen, an seiner eigenen - als "Erstes internationales Rainald-Goetz-Symposium Goetz 50" getarnten - Geburtstagsfeier lieber nicht teilzunehmen. Die Vorstellung, mit besessenen Fans und nicht minder besessenen Forschern zusammenzutreffen, muss dem Öffentlichkeitsscheuen, der sich einst beim Falter-Interview (siehe 17/00) nur aus sicherer Paparazzo-Entfernung fotografieren ließ, in mittlere Panik versetzt haben.

Dass es überhaupt von Interesse ist, wenn ein Autor läppische fünfzig Jahre alt wird, ist ein Beleg für Goetz' Sonderstellung im Literaturbetrieb. Der gebürtige Münchner und Wahlberliner firmierte ja bis zuletzt unter Pop- und Jungautor. Damit ist mit fünfzig langsam endgültig Schluss. Und das wirft auch im Feld der Literatur Fragen auf, die in der Rockmusik spätestens seit den Rolling Stones gang und gäbe sind und mit dem Zusammenhang von Alter und Authentizität zu tun haben. Kann einer, der seine literarische Karriere beim Bachmann-Wettbewerb 1983 mit einem Rasiermesserschnitt in die Stirn begonnen hat und vielen als dienstältester Raver Deutschlands gilt - kann so einer mit fünfzig immer noch prototypisch junges Denken und Dichten repräsentieren? Sollte er nicht langsam in Würde altern - oder zumindest mal erwachsen werden?

Über dererlei hätte man anlässlich des von Suhrkamp und dem Literaturhaus Frankfurt Ende Mai ebendort abgehaltenen Symposiums sprechen können. Die vom umtriebigen Goetz-Spezialisten Lutz Hagestedt betreute Veranstaltung machte allerdings schmerzhaft deutlich, wie schwer sich selbst ambitionierte Literaturwissenschaftler immer noch mit Phänomenen tun, die von der Betriebsroutine abweichen und dadurch nach neuen Ansätzen verlangen würden. Die meisten Vorträge waren furchtbar bieder, verfolgten erbsenzählerisch nicht gekennzeichnete Zitate in Goetz-Texten oder verloren sich in Spekulationen, ob das Internettagebuch "Abfall für alle" nun die Bezeichnung Netzliteratur verdiene oder nicht doch konventionell linear erzählt sei. Großes Gähnen bei den Goetz-Aficionados im Auditorium.

Hätte man den Namen des Jubilars wie einst in Fritz Egners lustiger TV-Rateserie "Dingsda" durch Ups-Töne ersetzt - niemand wäre auf die Idee gekommen, es könnte sich bei ihm um jenen leidenschaftlichen Schriftsteller handeln, dessen Buch "Rave" einst Falter-Zeichner Tex Rubinowitz zu Tränen rührte - wie dieser dem Onlineforum "Höfliche Paparazzi" anvertraute. Es lag zwar in der Luft, dass einige Symposiumsteilnehmer lieber ausführlicher als in verschämten Randbemerkungen über das Geile am Goetz-Lesen gesprochen hätten, aber anstatt auf die Suchtwirkung von dessen Texten einzugehen (deren Intensität der schmerzlich vermissten "Harald-Schmidt-Show" gleichkommt), las man nach kurzer Erregung wieder weiter brav vom Blatt ab. Erhellend war bezeichnenderweise nur der nichtwissenschaftliche Teil des Symposiums, in dem die Theatermacher Anselm Weber und Wilfried Schulz mit spürbarer Begeisterung Goetz' Theaterstücke unter dem Aspekt seiner Hassliebe zur Bühne diskutierten und Bezüge zu Thomas Bernhard herstellten.

Goetz, der ewige Chronist der laufenden Ereignisse, Lektüren, Fernsehprogramme und Technopartys, hätte vermutlich seine diebische Freude an der seltsamen Veranstaltung gehabt. Goetz, der Autor, aber hätte sich gefragt, ob er seine Bücher bzw. Werkkomplexe "Irre", "Krieg", "Kontrolliert", "Festung" sowie zuletzt "Heute Morgen" nicht umsonst geschrieben habe, wenn sie sich - selbstverständlich in bester Intention - so leicht kleinreden lassen.

In Zweifelsfällen wie in anderen Glaubenskrisen gilt immer: Schlag nach bei Goetz. Am besten in "Heute Morgen", jener fünfbändigen Geschichte der Gegenwart, die in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahren entstanden und nun in einer liebevoll gestalteten Kassette erstmals gesammelt erhältlich ist. Sie stellt wahrscheinlich Goetz' bisher bestes, jedenfalls zugänglichstes Werk dar, ist es doch in einem deutlich leichteren Ton gehalten als die sperrigen Arbeiten der Achtzigerjahre. In der Nachtleben-Erzählung "Rave" gab sich Goetz richtiggehend zärtlich, im finalen "Dekonspiratione" zog gar die Liebe in das Werk des notorischen Einzelgängers ein. Dazwischen: das radikale, auf Rollenverteilung verzichtende Künstlerstück "Jeff Koons", der Materialband "Celebration", vor allem aber "Abfall für alle". Täglich stellte der ruhelos Notizen sammelnde Dr. med. und Dr. phil. seine "Textgebete", wie er es einmal ausdrückte, ins Internet, versuchte so unmittelbar wie möglich am Jetzt zu bleiben, den Moment festzuhalten, um den ganzen Wahnsinn so vielleicht zu verstehen.

Was nach dem monumentalen "Heute morgen" noch folgen soll? Vier Jahre lang verhält sich Goetz nun schon verdächtig ruhig, scheint an einem neuen Großprojekt zu sitzen. Aber was immer da kommen wird, wir werden nie aufhören, ihn zu lesen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 23/2004



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