Solarplexus. mit CD

Albert Ostermaier


Gefallen am Schauspiel ist Bedingung, um auch an "Solarplexus" Gefallen zu finden, den Lyrikmonologen des Theatermachers Albert Ostermaier. Medizinisch benennt der Titel einen Nervenknoten. Jeder Mann geht zu Boden, wenn er sich dort einen Schlag einfängt. Damit sind wir beim Thema, das Ostermaier auf die Netzhaut seines lyrischen Ichs projiziert, als würde in dessen Augäpfeln eine Laufschrift vorbeiziehen.
"irgendwann wird alles gut
und du schnappst nicht
beim aufstehen nach luft
als müssten im nächsten
moment sauerstoffmasken
von der decke fallen",
jammert der im täglichen Kleinkrieg um Anerkennung und Liebe wund geschossene Großstadtwolf. Selbst wenn Ostermaier Impressionen aus den totalüberwachten Flughäfen in Politprotest überführt, will er nur die suizidalen Befindlichkeiten neu modifizieren, sie vor eine unverbrauchte Kulisse stellen.

Auch Kunst oder Unfall ist im Subventionskunstkontext daheim; allerdings nicht auf der großen Bühne wie Ostermaier, sondern auf der Experimentierfläche Kellerstudio. Kunst oder Unfall ist die Crew hinter der exzellent quälenden CD, die "Weniger Stimmen" beiliegt, dem Lyrikdebüt der interdisziplinär arbeitenden Künstlerin Augusta Laar. Wenn's extrem sein darf, sollte es dieser Band sein. Blixa Bargeld ist der eine Ahnherr der Cut-up-Texte im Electronic-Club-Sound, Ernst Jandl könnte ein zweiter sein. Augusta Laar gibt den lyrischen DJ, die Texte sind Mixtapes, die knappen Verse zappeln in ihrem selbst generierten Techno-Beat:

"formula x-wing
auf dauer
3.0 galactica taste wer
1 x".

Der Kick kommt beim lauten Lesen daheim im verriegelten Zimmer. Politprotest: No! Dafür eine gute Portion formale Revolution in den Klangfarben des Raves und seiner Drogen. Auch Ostermaiers Buch liegt eine CD bei. Auch sie verstört - aber nur, weil man bei der Lektüre eher an Beethoven oder Wagner denkt und dann mit Electronic Sounds konfrontiert wird.

Martin Droschke in FALTER 23/2004



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