Sphären. Plurale Sphärologie. Band III: Schäume

Peter Sloterdijk


An Aperçus zu allen möglichen Themen herrscht auf den rund 900 Seiten der "Schäume" wahrlich kein Mangel. Über die sexuelle Selbstgenügsamkeit heißt es unter anderem: "Am Onanieüberdruss findet die autokongratulatorische Lebensform ihre Grenze." Aus raumfahrttechnischer Literatur wiederum gehe hervor, "dass die Russen die ferneren Schicksale des Astronautenkots dem Kosmos anvertrauen, während die US-Amerikaner die Ausscheidungen der Ihren vom All auf die Erde mitnehmen". Und nicht nur nebenbei ist von der herrschenden "Merdokratie" die Rede. Doch nicht nur der Begriffsjongleur Peter Sloterdijk präsentiert sich im vorläufig abschließenden Band der "Sphären"-Trilogie in Bestform. Auch als Theorieakrobat und provokanter Gesellschaftskritiker erweist er sich auf der Höhe der Zeit.

Insgesamt läuft das Sphärenprojekt auf den Versuch hinaus, die Menschheitsgeschichte im Hinblick auf ihre vielfältigen Raumbildungsprozesse zu rekonstruieren und daraus eine neue philosophische Anthropologie zu entwickeln - in gewisser Weise ein verräumlichtes Gegenstück zu Heideggers "Sein und Zeit". Während sich Sloterdijk in Band I ("Blasen") mit der Mikrosphäre bzw. unserem nahen Zusammen-Sein widmet, handelt Band II ("Globen") von verschiedenen Formen der Globalisierung, der frühen metaphysischen ebenso wie der heutigen telekommunikativen.

Ein großer Teil des oben erschienenen dritten Bands ("Schäume"), der sich auch gut ohne die anderen beiden lesen und verstehen lässt, widmet sich einer Rekonstruktion der Architekturgeschichte. In modernen Bauformen wie dem Appartementhochhaus wird für Sloterdijk nämlich offensichtlich, wie der Mensch heute in der Welt ist: nicht mehr in einer metaphysischen Einheitssphäre, nicht mehr in eine Kollektivunternehmung eingespannt, sondern als "ko-isolierte Existenz".

Neben ausführlichen Beschreibungen von unterschiedlichen Raum- und Weltmodellen wie dem Raumschiff oder dem Treibhaus, widmet sich Sloterdijk auch den selbst bezogenen Ritualen alltäglicher Weltanbindung, den Massenversammlungen in Sportstadien und den Medienwelten. In seiner Sicht sind wir gewissermaßen einzelne Weltblasen, die sich über Architektur, Massenmedien und Marktbeziehungen integrieren und zu Schaum verdichten. En passant verabschiedet Sloterdijk dabei auch den Begriff der Gesellschaft, die er im Anschluss an Marshall McLuhan als ein Medieneffekt versteht, als eine zunehmend "telekommunikative Integration von Nicht-Versammelten".

Das pluralistische Theoriegebilde, in dem immer wieder Platz für zeitdiagnostische Exkurse und originelle, unkommentierte Illustrationen ist, mündet schließlich in eine Kritik des "Verwöhnungstreibhauses", das sich unsere Wohlstandsgesellschaft als riesigen Brutkasten für allumfassend abgesicherte Existenzen geschaffen habe - nur eben auf Kosten direkter menschlicher Solidarität. Womit der unbequeme Provokateur Sloterdijk wieder einen Treffer gelandet hätte.

Frank Hartmann in FALTER 23/2004



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