100 Jahre Piper. Die Geschichte eines Verlages

Edda Ziegler


Der Piper Verlag feiert seinen hundertsten Geburtstag - unter anderem mit einer Chronik, die auch die Schattenseiten der Verlagsgeschichte nicht verschweigt.

Am 14. Mai 1904 gründete der damals 24-jährige Buchhändler Reinhard Piper (1879-1953) den Verlag R. Piper & Co. Der Familienverlag, der damals auf dem Humus der Schwabinger Boheme im an sich antimodernistischen und konservativen München gedieh, ist mittlerweile - wie so viele deutsche Verlage im letzten Jahrzehnt - unter den Mantel eines Medienkonzerns geschlüpft. "Verlage überdauern selten ein Jahrhundert", meinte der Verlagsgründer skeptisch - und behielt Unrecht, aber auch nicht ganz. Kurz nach seinem neunzigsten Geburtstag wurde der vom Vater an seinen Sohn Klaus übergebene Verlag von diesem "ohne Rücksicht auf den Sohn und designierten Nachfolger (Ernst Reinhard Piper, Anm. d. Red.) verkauft" - wie Edda Ziegler in ihrer soeben erschienenen Chronik "100 Jahre Piper" schreibt -, und zwar an die schwedische Bonnier Media Holding.

Begonnen hatte der Verlag als "Kulturverlag", der zum einen die Interessen und Präferenzen des Gründers widerspiegelte. ("Diese Verleger machten Bücher, die sie selbst lesen wollten", umriss Klaus Piper das Programm der Gründerzeit.) Neben Büchern des Bildhauers und Dichters Ernst Barlach und des österreichischen Grafik-Exzentrikers Alfred Kubin - mit beiden stand Reinhard Piper in freundschaftlichem Kontakt - erschien etwa "fast ohne Zutun des Verlegers" im Jahr 1912 auch der von Wassily Kandinsky und Franz Marc herausgegebene Almanach "Der blaue Reiter" - das Buch, dessen Originalausgabe heute eine hoch gehandelte Rarität ist, wurde damals übrigens kaum beachtet.

Unliebsame Beachtung durch das Reichspropagandaministerium findet hingegen ein Buch mit Barlach-Zeichnungen, das beschlagnahmt und 1937 schließlich in der berüchtigten Münchner Schau "Entartete Kunst" ausgestellt wird. Was das Überdauern des Verlages in Nazi-Deutschland anbelangt, so sind, wie Chronistin Ziegler schreibt, "fundierte Aussagen darüber, wo im Spektrum zwischen Rückzug und Anpassung der Piper Verlag einzuordnen ist, derzeit kaum möglich" - was am Mangel an aufschlussreichen Akten und Dokumenten liegt, der durch Reinhard Pipers aufs Privat-Persönliche sich beschränkenden Memoiren auch nicht korrigiert wird.

Hier schlicht von einer inneren Emigration des Verlags zu sprechen, wäre verkürzt; neben ideologisch nicht gerade widerständiger Unterhaltungsliteratur, die auch in Lizenzausgaben für die Wehrmacht erscheint, bringt Piper auch die Bücher des österreichischen Bestsellerautors Bruno Brehm heraus, der 1928 - ausgerechnet durch Vermittlung des jüdischen Teilhabers Robert Freund (von dem sich der Verlag unter dem Druck der Repressionen 1937 trennt) - zu Piper kommt. Brehms Romantrilogie über den Ersten Weltkrieg (der 1951 unter dem Titel "Die Throne stürzen" neu aufgelegt wurde) gehört zu den 200 Bänden der "nationalsozialistischen Kernbücherei".

Obwohl der von den Nazis verfolgte Philosoph und spätere Piper-Bestsellerautor Karl Jaspers 1947 in einem Brief an Piper dessen Verlag attestiert, "von diesem Unheil in keinem Augenblick angesteckt" gewesen zu sein, ist der Fall Brehm damit noch nicht erledigt. Ingeborg Bachmanns 1956 beginnendes, keineswegs friktionsfreies und schließlich mit dem Weggang zu Suhrkamp endendes Verhältnis zu Piper wird nicht zuletzt vom Wissen um diese Vergangenheit des Verlags geprägt.

Dabei ist der spektakulärste Fall einer von der "Stunde null" unberührten Kontinuität weder Bachmann noch der Öffentlichkeit bekannt: Erst durch einen Spiegel-Artikel im Jahr 2002 kommt der "Fall Rössner" ans Tageslicht: Reinhards Sohn und Nachfolger Klaus Piper (1911-2000) hatte Hans Rössner 1958 zum Verlagsleiter eingesetzt; als solcher betreute dieser auch Autorinnen wie Ingeborg Bachmann, Margarete Mitscherlich oder Hannah Arendt, deren Buch "Eichmann in Jerusalem" 1964 bei Piper erschien - nach einigen Anlaufschwierigkeiten: "Seitenlange Bedenken, abgeurteilte Naziverbrecher (vom Eichmann-Kommando) könnten sich in ihrer ,Ehre' beleidigt fühlen", beschwerte sich die Autorin über das Memorandum, das der Verlag bei einem Anwalt in Auftrag gegeben hatte. Was Arendt nicht ahnte: Rössner gehörte seinerzeit als Abteilungsleiter im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und Angehöriger des Sicherheitsdienstes (SD) der SS zur nationalsozialistischen Führungselite und war ein Kollege Eichmanns.

Der Wechsel von Bachmann und den Mitscherlichs zu Suhrkamp, der Umstand, dass sich auch der bei Piper als epigonal eingeschätzte Martin Walser oder der lange umworbene Wolfgang Koeppen schließlich für Suhrkamp entschieden (Letzterer, weil ihm Siegfried Unseld im Traum erschienen war), sind symptomatisch. Hatte man mit Karl Jaspers zeitkritischen, durch professionelle PR-Arbeit des Verlages medial ausgezeichnet flankierten Interventionen wie "Die Atombombe und die Zukunft des Menschen" (1958) oder "Wohin treibt die Bundesrepublik?" (1960) noch die Debatten mitbestimmt, so verpasste man den Anschluss an die neue, von Frankfurter Schule und Studentenbewegung beeinflusste Intelligenz. Der viel beschworenen "Suhrkamp-Kultur" jedenfalls stand keine Piper-Kultur gegenüber.

Klaus Piper hatte den "Kulturverlag" des Vaters in ein modernes Unternehmen transformiert. Das Programm ging dabei mehr in die Breite (Konrad Lorenz ist ebenso zu finden wie der Theologe Hans Küng, Claude Simon ebenso wie die Unterhaltungsschriftsteller Heinrich und Alexander Spoerl) als in Richtung eines unverwechselbaren Profils. Immerhin: Mit Sten Nadolny, Sándor Márai oder - zuletzt - Michael Moore gelingt es immer wieder, Autoren mit Best- und Longsellerqualiäten an den Verlag zu binden - oder diese den Stammverlagen abspenstig zu machen: Mit seinem Abenteuerepos "Rumo" wechselte letztes Jahr der deutsche Zeichner und Schriftsteller Walter Moers von Eichborn zu Piper.

Klaus Nüchtern in FALTER 21/2004



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