Die Nacht vor der Scheidung

Sándor Márai, Margit Ban


Sándor Márais Roman "Die Nacht vor der Scheidung" zeichnet die Erschütterungen einer Epoche und einer Psyche auf.

Wenn der Piper-Verlag sein Jubiläumsprogramm zum hundertsten Geburtstag unter anderem mit der Neuauflage von Sándor Márais Roman "Die Nacht vor der Scheidung" feiert, dann hat er gute Gründe dafür: Der im (heute slowakischen) Kaschau geborene und nach seiner Emigration in die USA in Vergessenheit geratene Ungar (1900-1989) war eine der spektakulären Wiederentdeckungen des Verlags. Begonnen hatte sie vor fünf Jahren mit dem 1942 erstmals erschienenen Roman "Die Glut", dem mittlerweile ein Dutzend andere Márai-Titel gefolgt sind.

"Die Nacht vor der Scheidung", 1935 im Original und 1951 erstmals in deutscher Übersetzung erschienen, erinnert schon von der Konstellation her an "Die Glut": Zwei ehemals befreundete Herren von sozial sehr unterschiedlicher Abkunft treffen sich und versuchen, Licht in ein Dreiecksverhältnis zu bringen - wobei die Frau, um die es geht, mittlerweile tot ist. In der "Nacht" sind die beiden allerdings keine alten Herren, sondern stehen in der Mitte des Lebens: Der Richter Christoph Kömüves und der Arzt Imre Greiner, beide 38 Jahre alt, waren seinerzeit Klassenkameraden und einander in schweigsamer Sympathie zugetan gewesen. Nun muss Christoph verstört zur Kenntnis nehmen, dass er am nächsten Tag das Ehepaar Greiner scheiden soll; wobei er Anna, geborene Fazekas, selbst mehrmals begegnet ist - etwa an jenem Sommerabend, an den er sich nun wieder erinnert.

Soweit die Ausgangssituation, deren pathetisches Potenzial - man ahnt es - erst später zur Eruption gelangen wird. Aber bevor dann der Arzt dem Richter gestehen wird, dass er seine Frau getötet hat, vergeht mehr als ein halber Roman, in dem sich auf der bloßen Handlungsebene so gut wie gar nichts tut: Alles, was mit Pathos, Emotionen und Dramatik zu tun hat, wird in die Erinnerung und das Gespräch verlegt - ein Kunstgriff, der mit der Psyche des Protagonisten korrespondiert.

Der aus einer Richterdynastie stammende Christoph rechnet sich selbst dem "gebildeten höheren Mittelstand" zu, dessen Leben nicht zuletzt von der Diskrepanz zwischen Lebensstil und Einkommen geprägt ist (die Zigaretten mit dem goldenen Mundstück etwa ist er nur "der Welt schuldig", er selbst raucht billige Selbstgedrehte - allerdings vom Kindermädchen selbst gedreht). Zu den Deklassierungsängsten, denen er mit christlicher Demut und rigorosem Pflichtbewusstsein begegnet, kommt das Trauma einer zerbrochenen Familie: Christophs Mutter verlässt nach acht Jahren Ehe ihren Mann, der sich von diesem Schock nie wieder so recht erholen, die Kinder ins Internat stecken und den Part des liebenden Vaters nie beherrschen wird.

"Die Nacht vor der Scheidung" ist ein - von gediegener Fadesse nicht immer ganz gefeiter - Roman der permanenten Selbstbefestigung: Die Nacht vor der Scheidung ist auch die Nacht vor dem Krieg, und auf eigenartige Weise werden Individuelles und Kollektives, Psychisches und Politisches ineinander geblendet. Man könnte auch sagen: Im Niedergang der alten Ordnung, gegen die Christoph ständig sein Vertrauen in Gott und die Tradition mobilisieren muss, spiegelt sich die Angstlust vorm Verfall der eigenen Fassade. "Das dumpfe Gemurmel entfernter Erdbeben" bedroht die alte Ordnung, die Revolution wird einem "großen Erdbeben" gleichgesetzt; aber bezeichnenderweise wären auch die festgefrorenen Verhältnisse der eigenen Familie "höchstens durch ein Erdbeben (...) zu lockern" gewesen, und wenn sich Christophs Frau über den nervösen Hund und einen etwas turbulenter verlaufenen Nachmittag beklagt, erkundigt sich ihr Mann nach dem "Grund für dieses häusliche Erdbeben".

Zu diesem Zeitpunkt ahnt er freilich noch nichts von den tektonischen Verwerfungen, die das Leben seines Schulkollegen erschüttert haben - und davon, dass er damit ursächlich zu tun hat. Aber um dem künstlerischen Kalkül des Romans gerecht zu werden, muss man wohl auf eine andere Metaphorik zurückgreifen. Denn obwohl es spürbar bebt und brodelt, beherrscht Sándor Márai das subtile Spiel über mehrere Banden: Erst am Schluss kommt es zur Karambolage.

Klaus Nüchtern in FALTER 21/2004



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