Stalin und Schostakowitsch. Der Diktator und der Künstler

Solomon Wolkow


Mit Solomon Wolkows Buch über "Stalin und Schostakowitsch" liegt nun die beste derzeit greifbare Darstellung stalinistischer Kulturpolitik vor. Und ein Festival im Musikverein zeigt Schostakowitsch als Filmkomponisten.

Als Zwanzigjähriger sieht er noch aus wie ein Kind - ein verträumter Musterschüler, in dessen mädchenhaftem Gesicht nur die zu große Brille den Ernst der Lage verrät: Der 1906 in Petersburg geborene Dmitrij Schostakowitsch hat sein Klavierstudium am Leningrader Konservatorium erfolgreich abgelegt, als Diplomarbeit eine erste Sinfonie verfasst und sich in den Dienst der Sowjetmacht gestellt. Am Beginn von Schostakowitschs Karriere steht ein Bruch. Die angestrebte Laufbahn als Konzertpianist schlägt fehl, der frühe Tod des Vaters zwingt das Wunderkind aus bürgerlichem Haus zum Broterwerb: Schostakowitsch schlägt sich als Klavierspieler im Kino durch - Grundstein für eine (im Westen) wenig bekannte Seite von Dmitrij Schostakowitschs Schaffen; bis zu seinem Lebensende wird er die Musik zu mehr als zwei Dutzend Kinofilmen komponieren, von denen nun sechs im Rahmen der Reihe "Dmitrij Schostakowitsch. Ton.Film.Musik" im Wiener Musikverein gezeigt werden.

Trotz der beruflichen Rückschläge nimmt Schostakowitsch zur selben Zeit das Kompositionsstudium auf, was zur Bekanntschaft mit dem linken Avantgardedichter Wladimir Majakowskij führt. Die Begeisterung für alles Neue, darunter die Errungenschaften der Neuen Musik des Westens, steht in den 1920er-Jahren noch nicht im Gegensatz zu sowjetischer Musikästhetik und findet Eingang in die zweite Sinfonie, ein Auftragswerk anlässlich des zehnten Geburtstages der Oktoberrevolution. Trotz einiger unheilvoller Vorzeichen - Schostakowitschs Filmmusik zum expressionistischen Stummfilmklassiker "Das neue Babylon" wird kurz nach der Premiere durch einen anderen Score ersetzt - endet der sozialistische Avantgardismus erst 1938, dafür dann umso abrupter. "Die Musik ächzt und stöhnt, keucht und gerät außer Atem", heißt es in einem mit "Chaos statt Musik" betitelten Artikel im Parteiorgan Prawda über die Oper "Lady Macbeth von Mzensk".

Schwerer als die in der puritanischen Sowjetunion nicht weiter erstaunlichen Vorwürfe der Obszönität in Bezug auf die Liebesszenen der Oper wiegt jener des "Formalismus", der die Fundamente der Musik, des "gesunden Volksempfindens" und der sozialistischen Moral untergrabe - ein Vorwurf, mit dem sowjetische Kulturbürokraten weit über Stalins Tod hinaus ein Disziplinierungsmittel wider alle Neuerung fanden. Dass Stalin höchstpersönlich hinter dem Angriff auf den Komponisten stand ist seit längerer Zeit bekannt. Der Musikwissenschaftler und Herausgeber von Schostakowitschs Memoiren Solomon Wolkow hat nun in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch über den Diktator und den Künstler sehr schön gezeigt, wie Schostakowitsch ab diesem Zeitpunkt im Großteil seiner Kompositionen die Rolle des (aus der russischen Tradition stammenden) Heiligen Narren einnimmt und unter dem Deckmantel des Offiziösen Systemkritik zu üben versucht.

Vor allem trifft das auf die siebte Sinfonie zu, ein Monumentalwerk zu Ehren der Verteidiger von Leningrad (daher auch die Bezeichnung: "Leningrader Sinfonie"), die nach dem Ende der 900 Tage dauernden Blockade durch die Deutsche Wehrmacht eine Million Ziviltoter zu beklagen hatte. Wolkow zufolge handelt es sich nämlich auch um ein Requiem auf die Opfer des Großen Terrors Ende der 1930er-Jahre - das Stück war in Grundzügen schon vor dem Krieg fertig gestellt worden. Anstatt der von Stalin erwarteten glorreichen Siegeshymne nach 1945 schreibt Schostakowitsch eine burleske, gerade dreißig Minuten lange neunte Sinfonie. Das Katz-und-Maus-Spiel mit dem Diktator setzt sich in der Vertonung jüdischer Volkslieder fort - just zur Zeit der antisemitischen Kampagne gegen den so genannten Kosmopolitismus.

Im Wechsel von Zuckerbrot und Peitsche verleiht Stalin dem Komponisten Preise (Schostakowitsch wird den Stalin-Preis fünf Mal erhalten) und entzieht ihm daraufhin wieder die Gunst: Neue Werke werden wegen "formalistischer Verfehlung" aus dem Repertoire gestrichen, Schostakowitsch zwingt man, Schönberg, Strawinsky und Co als Lakaien des Kapitalismus und Imperialismus zu denunzieren; er selbst hingegen wird mit Geschenken überhäuft. Schließlich übernimmt er den Vorsitz des Russischen Komponistenverbandes und tritt 1960 - wobei er einen Nervenzusammenbruch erleidet - in die Kommunistische Partei ein.

Wolkow beschönigt an der mehr als brüchigen Biografie von Schostakowitsch nichts - weder verleugnet er die unsäglichen Oratorien zur Eröffnung von Parteitagen noch die Filmmusiken für eine Reihe von stalinistischen Propagandamachwerken noch das Versäumnis des alten, von schwerer Krankheit schon gezeichneten Aushängeschildes der Sowjetkultur, einen öffentlichen Brief gegen den radikalen Systemkritiker Andrej Sacharow zu dementieren, unter den man ohne dessen Einwilligung Schostakowitschs Unterschrift gesetzt hatte.

Als Dmitrij Schostakowitsch 1975 schließlich an einem Herzinfarkt stirbt, hatte er 15 Sinfonien, ebenso viele Streichquartette, zahllose Oratorien, Ballette und Lieder komponiert - vieles davon in atemberaubend kurzer Zeit. Das letzte Werk, eine Sonate für Bratsche und Klavier, trägt die Opuszahl 147. Seinen Ruf hat Schostakowitsch mit der 14. Sinfonie kurz davor noch einmal mit einem Skandal rehabilitiert: Die Sinfonie endete wider allen verordneten sozialistischen Optimismus mit Rilkes Worten: "Der Tod ist groß." Maria Judina, Pianistin und Freundin seit Jugendzeiten, schrieb damals, in Schostakowitschs Kompositionen lebten alle, die dem Sowjetsystem zum Opfer fielen, weiter - und: "Wir alle brennen auf den Seiten Ihrer Partitur, die Sie uns zum Geschenk gemacht haben."

Erich Klein in FALTER 20/2004



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