Legenden der Lowara. Lieder und Geschichten der Roma von Wien

Mongo Stojka


Mongo Stojka, Gentleman und imposantes Oberhaupt der Familie Stojka, überlebte vier KZs und einen Todesmarsch. Er war Teppichhändler, ist Sänger und Autor. Am 20. Mai feiert er seinen 75. Geburtstag. Porträt eines Mannes, dessen Leben eine Mischung aus Schelmerei und blankem Horror ist.

Fünf Jahre ist es her, da wollte er das Grauen, das im Hirn und Herz seit Jahrzehnten spukt, das ihn im Schlaf schreien ließ, bändigen. Vor fünf Jahren begann Mongo Stojka das Unmögliche. Er vergrub sich zum ersten Mal in seinem Leben in die Vergangenheit, er begann Worte zu finden für Unaussprechliches. Für die Leichenberge. Für die Exekutionen. Für den Menschenhass. Für einen Satz, der auf Romanes, in seiner vokalreichen, musikalischen Muttersprache, lautet: Shov shene avile kere muri familie. Sechs Personen meiner Familie sind nach Hause gekommen.

Jahrzehntelang zog Stojka einen Strich zwischen sich und die Vergangenheit. Zwischen das Heute und das Gestern. Und einen noch viel dickeren Strich zog er zwischen sein Leben und seine Erinnerungen.

In "Papierene Kinder", 2000 ist das Buch schließlich erschienen, hat Stojka versucht, den blanken Horror zu benennen, es sind Erinnerungen an eine ausgelöschte Roma-Familie. Es sind auch Erinnerungen an die Hellerwiese, jenes damals weitläufige Wiesenstück im zehnten Bezirk, das den Roma und Sinti seit dem 18. Jahrhundert als Lagerplatz diente. Wenn man sich die Stadt wegdenkt, nur des bis heute bestehende Gebäude der ehemaligen Heller-Schokoladenfabrik und den Kirchturm in dieses Bild setzt, kann man einen Eindruck gewinnen von dem damals mehrere hundert Quadratmeter umfassenden Areal. Bis zu achtzig Familien lagerten hier im Sommer und im Winter.

Anfang 1939 baute Mongos Vater Wakar seiner vielköpfigen Familie aus den Brettern des Wohnwagens ein kleines Holzhaus in der Paletzgasse, 16. Bezirk, gleich neben dem Kongressbad; die sagenumwobene Großmutter, die Baranka, blieb auf der Hellerwiese zurück. "Diesem Umstand verdanken wir, dass wir relativ spät nach Auschwitz deportiert wurden, weil die Polizei zuerst jene Roma und Sinti verhaftete, die keinen festen Wohnsitz hatten", schreibt Stojka in einfacher, ganz eigener poetischer Sprache. 1941 beginnt der NS-Mob auf der Hellerwiese zu toben, blindwütig, entmenschlicht und gnadenlos, wer in seine Fänge gerät, hat keine Chance: Mehr als 200 Menschen zählte die Familie Stojka, jener große Clan der Lowara, vor dem Jahr 1938, nach 1945, nach vier Todeslagern und dem Todesmarsch Richtung Dachau, waren noch eine Witwe und deren fünf halbwüchsige Kinder am Leben. Mammo Sidi. Kathi. Karli. Ceija. Mitzi. Mongo.

Heute ist die ehemalige Hellerwiese ein Flecken Grün inmitten von Beton, immer noch beschattet von der Schokoladenfabrik. Mongo Stojka, geboren 1929, KZ-Überlebender, eingestochene Nummer am linken Unterarm, besucht heute diesen Platz gern und oft. Lange Zeit war die Hellerwiese der "Belgradplatz", durch Stojkas unermüdliche Erinnerungsarbeit wird der Park Anfang Juni offiziell in "Barankapark" umgetauft werden.

Will man Mongo Stojka, das Oberhaupt der Familie Stojka, allein antreffen, muss man ihn in seinem Park treffen, auf seiner Bank, hinter der ein Kastanienbaum, von ihm 1999 gepflanzt, prächtig blüht. Queren dann Passanten den Park, so ist in deren Gesichtern förmlich die Frage zu lesen: Wer ist dieser beeindruckende Mensch, der hier sitzt? Der seine große Brille immer wieder mit dem linken Zeigefinger auf die Nasenwurzel schiebt, an dessen Fingern klobige Ringe stecken, der sein Haar zu einer großen Locke am Hinterkopf gebürstet hat? Dessen Hemden, die um den Bauch ein wenig spannen, auch nach einem langen Tag so stramm gebügelt wirken, als kämen sie gerade aus der Zellophanverpackung. So tadellos gekleidet, möglichst Ton in Ton, sitzt Mongo Stojka auf seiner Bank in seinem Park. Dabei wirkt er, in einer eigentümlichen Aura von Respekt, so, als ob er selbst der Luft Anweisungen geben könnte.

Es ist schwer zu sagen, was Mongo Stojka durch seine dunkel gefärbten Brillengläser sieht, wenn er sich im Park umschaut, ein nervöses Zucken jagt nie durch sein Antlitz. Manchmal möchte man meinen, der Lebensraum um ihn habe sich zur Vergangenheit zusammengezurrt, zur akuten Bewältigung einer horriblen Vergangenheit. Er sagt dann: "Mein Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, muss ich weinen." Er sagt: "Hier, auf der Hellerwiese, war meine ganze Familie." Er sagt: "Sechs Personen meiner Familie sind nach Hause gekommen, sechs Personen haben den Hass überlebt." Stojka, der Kollektivschuld immer abgelehnt hat und legendär ist für gelebte Toleranz, sagt auch: "Der Gott wird des schon richten." Er deutet auf ein Buch, das neben ihm liegt. In "Legenden der Lowara", gerade erschienen, hat Stojka Lieder und Geschichten der Roma von Wien gesammelt und aufgeschrieben. Es ist ein an Zeichen und Figuren, Mythen und Legenden reiches Buch, es zeigt, wie sehr eine beinah ausgelöschte Kultur originärer Teil des Wienerischen ist.

Stojka rollt seinen linken Hemdärmel auf, er deutet auf die eintätowierte Nummer, Z-5740, "Zigeunerlager B2E", Birkenau, Baracke 24. Stojka war 14 Jahre alt, als er die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Buchenwald, Flossenbürg und den Todesmarsch durchleiden musste, als Josef Mengele die Reihen abschritt. Ein Kind schaut einem auf jenem Akt, "Nr. L 1038 40/697", entgegen, angelegt von mörderischen Bürokraten: "Rassenzugehörigkeit: Zigeuner", "Name: Johann", "Zigeunername: Mongo". Wenn Stojka die Nummer auf seinem Unterarm zeigt, schaut er einen nur an, kein Wort sagt er.

Das Erinnern kostet Kraft, ermattet ihn. Manchmal, für Momente, ist er dann nicht mehr ganz Herr seiner Worte, es purzeln ihm auch die Zahlen und Zeiten durcheinander. Und dann ist da wieder, auf einmal, der stürmische, mitunter hochfahrende Mann mit dem Gesicht voller Lachfalten, der gern vor Heiterkeit krächzt, dem die Vergangenheit nichts anhaben kann. Der, läuft eine schöne Frau durch den Park, die trockenen, dicken Lippen schmatzend voneinander trennt.

Darin ist er nicht älter geworden: Von jeher war Stojka gern ein berühmter Mann, ein Bel Ami, ein glutäugiger Frauenschwarm. Früher, als die Vergangenheit noch tabu war, hat er den Frauen seinen linken Unterarm gezeigt: Diese Zahl, das sei seine Telefonnummer! Eine Erscheinung war er immer, in einen Panzer eisiger Unnahbarkeit hat sich Stojka, trotz aller Fürchterlichkeiten, nie gehüllt: Bis zu seiner Pensionierung war er untertags Teppichhändler, ein Geschäftsmann von hohen Graden, am Abend war er Frank Sinatra. Zu einer Zeit, als Österreich sich mit Steirerjoppen mit Hirschhornknöpfen ausstattete, vergötterte Stojka den american way of life, mit Whiskeyglas und Zigarette in der Hand sang er zu Sinatra. Wie ein Opernkritiker, der nach einer großen Formulierung sucht, ist er damals auf und ab gewandert, um dieser Musik einen Namen zu geben. "A Sensation, a sensationelle Musik", so sagt er bis heute, und meint damit Sinatra und dessen Crooner-Freunde. Mit Dackel Gustl ging Stojka, 165 Meter groß, jeder Zentimeter aristokratische Eleganz, 1955 bereits Besitzer von fünfzig Krawatten, im Muff der Sechziger- und Siebzigerjahre spazieren. Seine Autos konnten nie groß und angeberisch genug sein: "Zuerst ein 50er Steyrer, Cabrio. Dann ein Shevelle mit automatischem Schiebedach", erinnert er sich. "345 PS", raunt er. Nicht nur einmal vermutete man auf offener Straße in dem kleinen Mann mit der Mähne einen Star, dessen Name einem gerade nicht einfallen will. Und er musste auch, 1966, von der Floridsdorfer Wohnung in die Innenstadt ziehen: Seine Wohnungen in der Liniengasse hat er öfters gewechselt, Nummern 2b, 4, 55, sein Bedürfnis nach Welthaltigkeit blieb immer. 1965 heiratete Stojka zum zweiten Mal. Mit Csu zog er seine drei Kinder - Doris, Sissi, Harri - aus erster Ehe auf. Zwei Platten hat Stojka, ganz eigenbrötlerisches Naturell, auch aufgenommen, "Amari Luma" und "Newi Luma". Unsere Welt, die neue Welt hat er darauf, noch unbeschwert, besungen.

Wenn Mongo Stojka in seinem Park sitzt, in dem er als Kind Augenblicke vollkommenen Glücks erlebte, schaut er heute halb irritiert, halb glücklich in die Welt. Man kann ihn nur hier alleine treffen. Sonst ist er umgeben von Familie. Familie ist ein Wort, das in vielen seiner Sätze vorkommt.

Die Familie Stojka ist, im Guten wie im Bösen, seit Jahrzehnten ineinander verpackt und verkeilt. Sämtliche Verwandtschaft der Stojkas ist geprägt durch einmalige Beziehungen: Inklusive grandioser Zwistigkeiten und Zeiten vollkommener Innigkeit halten alle letztlich ein Leben lang. Karli Stojka, Mongos 2003 verstorbener Bruder, war ein Maler von Weltrang, im Weißen Haus waren seine Bilder ausgestellt, dem Papst hat er die Hand geschüttelt. Schwester Ceija veröffentlichte 1988, als erste Roma überhaupt, und damit rüttelte sie auch nicht unsanft an der patriarchalischen Familienstruktur der Stojkas, ihre Erinnerungen an die Schrecken der Konzentrationslager. Über Mongos Sohn Harri, 47, der gemütlich und manchmal auch ein wenig so ausschaut, als ob er gerade aufgestanden ist, kann man seit dreißig Jahren in Zeitungen "Gitarrengott" und "Saitenvirtuose" lesen. Seine beiden Schwestern Sissi, 51, und Doris, 54, singen regelmäßig, ausgestattet mit unbändigem Temperament, in Harris diversen Bands. Mongo ist von jeher der Zentralplanet im verschlungenen Kosmos der Familie Stojka. Wenn sich die Familie trifft, und das macht sie oft, findet eine Orgie der Aufmerksamkeit rund um Mongo statt. Will man Mongo Stojka allein treffen, muss man zum Belgradplatz. Oder man muss in ein Lokal im sechsten Bezirk, Stammbeisl der Stojkas. Dort ist Familie, dort reden die Kinder, Mongo lauscht.

Doris: Mit "Dada" hat er die vielen Karten unterschrieben, die er uns von seinen Reisen als Teppichhändler schickte. Immer mit drei Igeln. Doris, Sissi, Harri hat er draufgeschrieben.

Sissi: Er war und ist eine strenge, starke Respektsperson.

Harri: Ein Berg. Plötzlich stand ein Berg im Kinderzimmer. Diese unglaubliche Präsenz.

Doris: Er ist der Häuptling.

Harri: Der Mount Everest war ins Zimmer getreten, links und rechts kein Vorbeikommen.

Doris: Er war immer liebevoll, warmherzig. Er hat uns sehr viel Sicherheit gegeben. Am Abend hat er gesagt: Hinsetzen! Mitsingen! Du bist eine Katastrophe als Sängerin, hat er gemeint. Wir haben Tränen gelacht.

Sissi: Nicht Angst, sondern Respekt haben wir empfunden. Einfach Liebe.

Doris: Er ist der Häuptling. Unser Häuptling.

Bis vor kurzem war in Mongo Stojkas Park im zehnten Bezirk eine kleine Gedenktafel angebracht: "Jahrzehnte dient die Hellerwiese' - heute Belgradplatz - den Lowara, Roma und Sinti als Hauptrastplatz auf ihrem Weg in den Süden. Im Jahr 1941 wurden alle Familien, Kinder, Frauen und Männer, von diesem Platz weg von den Nationalsozialisten deportiert. Ihre Spuren verlieren sich im Gas", war darauf zu lesen. Nach etlichen Vandalenakten wird jetzt eine Bronzeplastik aufgestellt, große Schilder künden bereits davon, dass der Park am 4. Juni, nach Stojkas Großmutter, zum "Barankapark" umbenannt werden wird. Mit gewittriger Bleistiftschrift hat Mongo Stojka auf eines dieser Schilder, auf denen fälschlicherweise "Levara" steht, auch seinen Namen geschrieben. Es ist auch sein Park, seine Erinnerung. Und womöglich schaut Mongo Stojka, sobald er die mächtige Brille auf seiner Nasenwurzel positioniert hat, dann in eine, zumindest für Augenblicke, versöhnte Welt.

Wolfgang Paterno in FALTER 20/2004



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