Endstufe

Thor Kunkel


Thor Kunkel wehrt sich gegen Verurteilungen seines umstrittenen NS-Porno-Romans "Endstufe", aus dem er nun in Wien lesen wird.

Es ist ein wenig still geworden um Thor Kunkels Roman "Endstufe", der im Vorfeld der Veröffentlichung für heftiges Rauschen im Blätterwald sorgte. Das in der Zwischenzeit bei Eichborn erschienene Buch über die dekadente Pornoindustrie der NS-Jahre interessiert das Feuilleton weit weniger als die Weigerung des Rowohlt Verlags, es zu veröffentlichen, weil der Holocaust darin nicht vorkommt. Der eigentliche Text scheint im Fall eines literarischen Skandals nur von sekundärer Bedeutung zu sein, und so waren denn auch die wenigsten Artikel über "Endstufe" von übertriebener Textkenntnis geprägt. In Wahrheit hat Kunkel kein Nazibuch, sondern einen schön geschmacklosen, wenn auch quälend langen Trashroman über die "Happy Few" im Deutschland der Vierzigerjahre geschrieben, die sich mit Bordelltouren, krummen Geschäften und dem Drehen der so genannten "Sachsenwald"-Pornofilmchen die Zeit vertrieben (deren Authentizität freilich umstritten ist).

Falter: "Endstufe" wurde von zahlreichen Kritikern verrissen, Sie wurden teilweise als Nazi diffamiert. Wie beurteilen Sie diese Vorwürfe?

Thor Kunkel: Dieser Roman ist kein Skandal, es ist ein Skandal, wie er von den Medien verteufelt wurde. Ich finde vor allem die primitiven Anschuldigungen vom ehemaligen St.-Pauli-Nachrichten-Reporter Hendryk M. Broder entsetzlich. Obwohl er jetzt für den Spiegel schreibt, bedient er sich noch immer eines Tonfalls, wie man ihn nur aus Hetzblättern kennt. Leider wurde dieser Ton inzwischen von anderen Journalisten aufgenommen, vielleicht auch weil Broder auf seiner Homepage penetrant auf seine jüdische Herkunft verweist und ihm deshalb wahrscheinlich eine gewisse Deutungshoheit zugebilligt wird.

Falter: Ihnen wurde auch vorgeworfen, in Ihrem Roman das Dritte Reich als bloßes Vorspiel des biologistischen Zeitalters zu verharmlosen. Hätten Sie nicht irgendwie kommentierend in die Rede Ihrer Horrorfiguren eingreifen müssen?

Thor Kunkel: Nein, denn dann hätte ich angefangen zu werten und den Leser bevormundet. Das ist heute nicht mehr nötig. Wer die deutsche Geschichte verstanden hat, der darf so schreiben wie ich. Ich habe andere Schreibvoraussetzungen als Günter Grass, ich schenke mir daher die obligatorischen Sprachhülsen, das Schreiben von Ablasszetteln. Das hat in Literatur nichts zu suchen.

Falter: "Endstufe" erinnert in seiner Mischung aus Trash, Kolportage und ernsthaften literarischen Ambitionen an Ihr viel positiver aufgenommenes Debüt "Das Schwarzlicht-Terrarium". Verstehen Sie den neuen Roman als Fortsetzung Ihres bisherigen Schreibens?

Thor Kunkel: "Endstufe" ist der erste Teil meiner Trilogie "Restwelt", an der ich seit nunmehr zehn Jahren arbeite. Auch "Das Schwarzlicht-Terrarium" ist Bestandteil dieser Trilogie, genauer gesagt der zweite Teil. In beiden Romanen kommt ein gewisser Karl Fußmann vor, einmal als LSD-Astronaut, einmal als SS-Hygieniker. Bislang hat sich kein Kritiker die Mühe gemacht, diese Querverbindung zu erwähnen. Die meisten deutschen Rezensenten sind mit einer Lektüre, die das Niveau von "Generation Golf" übersteigt, scheinbar heillos überfordert.

Falter: Die beiden "Restwelt"-Teile sind sich stilistisch recht ähnlich. Kann man über Nazis so schreiben wie über Loserfiguren aus den Siebzigern?

Thor Kunkel: Unbedingt. Ich glaube nicht an heilige Kühe und die Tabus einer erstarrten Gesellschaft. Schon deshalb sollte man sich einmal an eine Perspektive wagen, die neue Einblicke in die Innenwelt eines unmenschlichen Systems gibt, von dem wir uns aufgrund unserer heutigen moralischen Haltung so gerne distanzieren wollen: Waren die Nazis wirklich Monstren - oder waren sie nur allzu menschlich?

Falter: Im "Falter"-Interview über "Das Schwarzlicht-Terrarium" meinten Sie seinerzeit: "Das Böse muss nicht romantisiert werden." Könnte nicht "Endstufe" als Romantisierung des Bösen verstanden werden?

Thor Kunkel: Das Böse ist entwicklungsgeschichtlich älter als das Gute, und es ist in der menschlichen Natur genetisch verwurzelt. Sich dieser dunklen Seite zu stellen, erfordert zweifellos eine gewisse geistige Reife, aber diese Reife setze ich, ehrlich gesagt, bei meinen Lesern voraus. Ich schreibe nicht, um mitzuhelfen, Sachverhalte zu kaschieren oder etwas Unangenehmes zu beschönigen.

Falter: Sie haben in dem Interview auch von unserer Zeit als einer narkotisierten gesprochen. Welchen Platz kann Literatur da noch einnehmen?

Thor Kunkel: Literatur war nie ein Mittel der Konformität und eignet sich hervorragend dafür zu sagen, was Sache ist. Ein guter Roman vermittelt nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein Stück Bewusstsein. Sich-bewusst-Sein ist das Gegenteil eines komatösen, sozusagen bewusst-losen Zustands. Ich hoffe, meine Romane werden viele Leser aus ihrer geistigen Paralyse wachrütteln. Wie sagte Picabia so schön: Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann.

Falter: Sie hätten ursprünglich bereits im April im Rabenhof aus "Endstufe" lesen sollen. Die Lesung wurde abgesagt, da keine Einigung über die Teilnehmer der an sie anschließenden Diskussion gefunden werden konnte. Warum?

Thor Kunkel: Die Veranstalter des Rabenhof-Theaters fragten mich, ob ich Probleme hätte, mit Dolly Buster in einer Diskussionsrunde zu sitzen. Auch Michel Friedman war im Gespräch. Geht es noch tiefer? Ich hasse Talkshows, selbst Jesus würde zwischen diesen beiden Promis wie ein Schausteller wirken. Also habe ich abgelehnt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 19/2004



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