Schattenhochzeit

Ioanna Karystiani, Michaela Prinzinger


Mag die Science-Fiction aufgrund der rasanten techno-wissenschaftlichen Fortschritte in eine Krise geraten sein, so scheint Science in Fiction beliebter denn je. Im Roman "Schattenhochzeit" von Ioanna Karystiani, die kürzlich ein Drehbuch für Martin Scorsese verfasste, tritt die Wissenschaft in Gestalt eines Aidsforschers auf: Der in den USA arbeitende Kyriakos Roussias besucht nach fast dreißig Jahren wieder seine Heimat Kreta und stößt bei seinem Kurzaufenthalt auf die Geister der Vergangenheit. Immer tiefer verstrickt sich der weltfremde Forscher in eine alte Familienfehde, die bereits sieben Tote gefordert hat. Ganz nebenbei ist der furiose Roman, der nach mehreren überraschenden Wendungen am Ende hochdramatisch wird, auch noch eine ungewöhnliche Sozialgeschichte Kretas.

Verstärkt die Wissenschaft bei Karystiani den Kontrast zur archaischen Blutrache - die ähnlich ansteckend scheint wie die von Roussias erforschte Krankheit -, so ist sie bei Jenny McPhee der Quell für allerlei kluge (aber nicht klugscheißerische) Unterhaltungen ihrer Romanheldin: Die Boulevardjournalistin Marie Brown, eine ledige Enddreißigerin, interessiert sich in ihrer Freizeit nämlich für Quantenphysik. Als die (fiktive) Hollywood-Schauspielerin Nora Mars, die für ihr exzessives Liebesleben ebenso berüchtigt war wie für ihre Bonmots eben darüber ("ich bin für Liebe auf den ersten Blick. Das spart Zeit"), im Sterben liegt, soll Marie Brown den Nachruf schreiben und stößt bei ihren Recherchen prompt auf allerlei sensationelle Neuigkeiten. Jenny McPhee hat sich für "Der Kern der Dinge" eine etwas konstruierte, aber unterhaltsame Handlung einfallen lassen, dazu schräge Charaktere sowie jede Menge Aperçus - und hat damit ein ebenso witziges wie geistreiches Romandebüt hingelegt. Bitte mehr davon!

Klaus Taschwer in FALTER 19/2004



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