Jessica, 30.

Marlene Streeruwitz


Zwischen Jobsuche und Jogging, Blowjob und Businesslook: In "Jessica, 30." schickt Marlene Streeruwitz ihre Heldin aufs Laufband weiblicher Identitätssuche.

Zu Beginn und am Ende des Romans stehen drei Punkte. Das war's dann aber (fast) schon. So, als wären die finalen Satzzeichen kontingentiert, und die Autorin hätte diese in ihren bisher erschienenen Romanen aufgebraucht. Bislang jedenfalls war Marlene Streeruwitz für ihr mitunter bis auf die Schwundstufe einzelner Wörter reduziertes Hauptsatzstakkato bekannt, um nicht zu sagen: berüchtigt. Nun, mit ihrem jüngsten Roman scheint alles anders zu sein; diesmal sind die Beistriche dran - Tausende von Beistrichen.

"Jessica, 30." heißt Streeruwitz' jüngster Roman (der Trademark-Punkt im Titel ist geblieben), und die zwei Mal drei Punkte, zwischen denen der Bewusstseinsstrom der Titelheldin dahinrauscht, wollen besagen, dass hier der gute alte Anspruch auf die sinnfällige literarische Repräsentation eines ganzen Lebens(abschnittes) nicht erhoben wird; dass - salopp formuliert - der ganze Scheiß irgendwie weitergeht. Wobei die Frage nach dem wie, nach der Ordnung und der Richtung, die das eigene Leben haben kann und soll, zum Epizentrum von Jessicas Reflexionen wird.

Woher kommen wir? Wo parken wir? Wohin laufen wir? Jessica kommt von zu Hause mit dem Auto und will sich jetzt einmal auf der Prater-Hauptallee die Kalorien ablaufen, die sie sich in der Nacht davor durch "dieses Schokoeis und eine ganze Packung Mövenpick Maple Walnut" raufgefuttert hat. Insofern hat die neue Punktlosigkeit einen plausiblen, sozusagen physischen Anlass: "Und dann nur noch bis zum Auto, obwohl, es wäre schon besser noch ein Stück weiter, wenigstens bis zu Maria im Grün, und zurück zum Lusthaus, dann wären es wenigstens 40 Minuten, und nachher geht es dir richtig gut, und du darfst richtig essen."

Die Frage, wie man leben soll, stellt sich der Protagonistin praktisch in jedem Augenblick - und keine Freundin, keine TV-Serie, keine Frauenzeitschrift, die ihr verbindlich Auskunft gäbe: die Angehörige der "Post-Brigitte-Generationen", als die sich Jessica einmal selbst definiert, bleibt auf sich selbst zurückgeworfen, ständig darum bemüht, das eigene Wollen und Wünschen zu befragen und mit den Ansprüchen der Außenwelt zu koordinieren - eine anstrengende Tätigkeit in einer Zeit, in der Nahrungsaufnahme (Nudeln oder Salat?), Kleidung (Hosenanzug oder "Blumarine-Rock"?) und Styling hohe Dringlichkeit besitzen: "Ich könnte mir gut eine blonde Tönung machen lassen, ich habe keine roten Pigmente, aber ich lebe zu wenig außen, ich muss mehr von außen leben, nicht immer dieses Innen so wichtig nehmen."

Was nach Tussenkram klingt, ist zu einer existenziellen Sache geworden - denn selbst jede Verweigerungsgeste bedarf ungeheurer Anstrengung. Wie stets zeigt Marlene Streeruwitz ihre Protagonistin im Kontext dessen, was man früher einmal Produktionsverhältnisse nannte. Jessica ist Freelance-Journalistin und nicht einmal der Umstand, dass sie für die Stadtzeitung der Bundeshauptstadt gearbeitet hat ("in Wien, da muss man beim Falter geschrieben haben"), bei dieser "Chauvi-Maturazeitung", aber am Testosteron des Kulturredakteurs und der anderen "menopausalen Post-68er" gescheitert war, konnte ihr bislang zu einem fixen Job verhelfen. Bei der neuen Frauenzeitschrift wiederum herrscht Hosenanzugzwang, denn der "Feminismus" endet dort bei der Selbststilisierung zur taffen Businesstussi - ein Typus, der dann auch noch von jenen imitiert werden soll, die sich desperat um Schreibaufträge bemühen.

Das alles ist sehr anstrengend - und es ist mitunter auch anstrengend zu lesen; vor allem dann, wenn man von Literatur die kunsthandwerklich gediegene Verarbeitung gediegener Stoffe erwartet. Der konsequente Modernismus der Autorin besteht freilich darin, genau diese außerliterarischen Hierarchisierungen zu unterlaufen. Es geht weniger um Punkt und Beistrich als vielmehr darum, all das, was im Augenblick getan und gedacht wird, Literatur werden zu lassen. Das ist notwendig artifiziell - denn so etwas wie Simultanität lässt sich literarisch nur in Abfolgen darstellen, das Vorsprachliche nur in Sprache transformieren. "Die Künstlichkeit der Beschreibung ermöglicht es, die Wahrnehmung so in den Text zu zerren, dass sie für den Leser oder die Leserin Realität werden kann und doch niemand versucht sein wird, das für bare Münze zu nehmen. Man kann eben nicht in diese wohligen Beschreibungswelten versinken, in denen man an der Hand genommen wird und die Welt erklärt kriegt", erklärte die Autorin einmal in einem Interview mit dem Falter.

Um dieses In-die-Sprache- und An-die-Öffentlichkeit-Zerren geht es in "Jessica, 30.". Wenn nichts als gegeben hingenommen werden kann und der landesübliche katholische Konservativismus am allerwenigsten daran interessiert ist, so etwas wie verbindliche moralische Standards festzulegen, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als im Kreislauf einer nie wirklich still zu stellenden Selbstbefragung zu definieren, was richtig ist.

Wenn zum Beispiel ein ÖVP-Staatssekretär namens Gerhard Hollitzer nach den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen schnell auf Sex und Käsekrainer bei Jessica vorbeischaut und ihr dann just während eines Telefonats mit seiner Frau in den Mund ejakuliert, dann ist das definitiv nicht das, was diese gerade gebraucht oder gewollt hat. Jessica stellt darauf hin Recherchen über eine aus Steuergeldern bezahlte Orgie mit illegalen Ost-Prostituierten an, an der auch Hollitzer beteiligt war - um sie der Stern-Redaktion anzubieten. Persönliche Vendetta? Weibliche Subversion im Sinne einer Übertretung des Racheverbotes? "Umverteilung von Moral?" Die Autorin lässt ihre Protagonistin mit diesen Fragen allein - und uns mit ihr. Gleich wird das Flugzeug landen. Und dann kommen drei Punkte. Der Roman ist aus; nichts ist zu Ende.

Klaus Nüchtern in FALTER 18/2004



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