Tricky Business

Dave Barry, Edith Beleites


Der Amerikaner Dave Barry schreibt lustige Kolumnen über den Wahnsinn Südfloridas und hat sich jetzt auch am Genre der Politsatire und des Krimis versucht.

Weit im Süden gibt es ein Land, da geschehen ungewöhnliche Dinge, da bringen Wahlen höchst merkwürdige Ergebnisse, da ist eine ganz eigene Art Politiker zu Hause, zum Beispiel sehr seltsame Bürgermeister, da wird gern Kokain verkauft und konsumiert, da sind alle braun gebrannt und sportlich Nein, die Rede ist nicht von Kärnten, sondern von Südflorida.

Dort hat sich vor längerer Zeit Dave Barry niedergelassen, um beim Miami Herald zu schreiben, und das tut er sehr erfolgreich. Immerhin hat er den begehrten Pulitzer-Preis für seine Qualitäten als Kommentator bekommen, und seine wöchentliche Humor-Kolumne übernehmen zahlreiche US-amerikanische Blätter. Die Kolumne vom 7. März 2004 etwa beginnt so: "Das heutige Thema ist: Berühmte Hollywood-Größen, die Sex mit Tintenfischen haben! Nun, eigentlich ist das nicht das heutige Thema. Ich versuche nur, die Aufmerksamkeit der Leser auf unser tatsächliches Thema zu lenken, nämlich: das Budgetdefizit auf Bundesebene. HALT! Kommen Sie zurück! Das ist ein wichtiges Thema! Besonders wenn Sie jung sind oder noch gar nicht geboren! Na, SIE werden in ein paar Jahrzehnten eine Überraschung erleben! Ha ha!"

Barry dürfte generell ein ulkiger Typ sein: Vier Jahre lang lief die Sitcom "Dave's World" auf CBS. Mit Matt Groening, (dem Erfinder der "Simpsons"), Greil Marcus und Stephen King spielte er in der Wohltätigkeitsband Rock Bottom Remainders - nach eigenen Angaben nicht sehr differenziert, "aber extrem laut"! Der Name der Gruppe bedeutet unter Buchhändlern übrigens so viel wie absolute Ladenhüter. Das sind Barrys Publikationen definitiv nicht. Mit seinen unernsten Sachbüchern wie "Ein Amerikaner in Tokio", "Achtung, Vierzig, Los!" oder "Von Enter bis Quit" hat er enormen Erfolg.

Jüngst ist "Die Achse des Blöden. Eine politische Evolutionstheorie der USA" erschienen. Das Buch ist bereits drei Jahre alt, deshalb führt der deutsche Titel der Übersetzung (Original: "Dave Barry Hits Below the Beltway") in die Irre. Er suggeriert, dass Barry auf die "Achse des Bösen" reagiert, jene tatsächlichen oder vermeintlichen "Schurkenstaaten" also, die nach dem Terror des 11. September von der US-Regierung als Bedrohung angesehen werden. Auch ist das Buch alles andere als eine subtile Politsatire. Entwaffnend offen gesteht Barry ein, dass er praktisch ohne Recherche und ohne tiefere Absicht einfach ein lustiges Buch schreiben wollte.

Dagegen wäre prinzipiell nichts einzuwenden. Es funktioniert auch, solange Barry sich darauf beschränkt, bizarre, jedoch wahre Geschichten aus seinem Biotop Südflorida, dem "Atomreaktor des Verrückten", zu erzählen. Sehr schön ist etwa die Episode vom Prozess gegen "Willie" und "Sal", beide beschuldigt, die lächerliche Menge von 75 Tonnen Kokain ins Land geschmuggelt zu haben. ("Ein Team der National Basketball Association käme fast eine Woche lang damit aus.")

Zur Überraschung aller wurden die beiden trotz erdrückender Beweise freigesprochen. Weniger Glück hatte allerdings der Sprecher der Geschworenen, der im Unterschied zu manchen Zeugen nicht ermordet, sondern mit einer halben Million Dollar bestochen worden war. Der Fall wurde erneut aufgerollt. "Der Fortgang des Prozesses gewährte faszinierende Einblicke in das Finanzgebaren der großen Strafverteidiger von Südflorida. Ed Shohat sagte aus, eines Tages sei ein ihm unbekannter Mann in seine Kanzlei gekommen, habe einen Aktenkoffer mit 150.000 Dollar in bar auf den Fußboden gestellt und sei rausgerannt. Würde Ihnen das verdächtig vorkommen? Mir nicht. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Fremder einen Aktenkoffer mit einer immensen Summe Bargeld in meinem Büro abstellt und schnell rausrennt."

Und so geht es munter weiter. Wenn aber Politik im engeren Sinn zum Thema wird, verliert Barry seinen Witz, und seine Haltung nähert sich populistischen Ressentiments bedenklich an. Politik wird dann zu "Klugscheißerei und Insiderdenken, die in Washington und für vier Leute von der New York Times wichtig (sind), während der durchschnittliche amerikanische Steuerzahler sie instinktiv für unwichtig hält". Regierung und Kongress geraten ihm zu nichts anderem als aufgeblähten Apparaten, die unfähig sind, mit Steuergeld vernünftig umzugehen.

Man muss auch nicht politisch überkorrekt sein, um folgenden Scherz wenig gelungen zu finden, selbst wenn er vor dem Irakkrieg formuliert worden ist: "Ich finde, es ist an der Zeit, die
ultimative Waffe' anzuwenden. Ja, ganz recht! Vielleicht klingt es ein wenig schockierend, aber ich schlage vor: Wenn der Irak uns weiterhin Probleme bereitet, schicken wir einen Bomber los und werfen über Bagdad Anwälte ab."

Oberflächlichkeit kennzeichnet auch Barrys zweiten, soeben auf Deutsch erschienenen Roman "Tricky Business". Ein Casino-Schiff ist Treffpunkt von schlagfertigen Pensionisten, eingerauchten Musikern, einer furzenden Frau sowie sehr vielen Gangstern im Drogengeschäft. Wir sind damit zurück in Südflorida, und eine leidlich unterhaltsame Krimihandlung entwickelt sich bis zum erwartungsgemäß guten Ende.

Die Kunst dieses Genres, das etwa Barrys Journalistenkollege Carl Hiassen beherrscht, liegt darin, die Absonderlichkeiten des American Way of Life in einem grotesk überzeichnenden Plot zu entfalten, dabei aber Charaktere zu schaffen, die zumindest eine gewisse Plastizität und Plausibilität erlangen.

Diese Balance gelingt Barry nicht. Manch flotter Dialog zeugt von jenem handwerklichen Talent, das seine Kolumnen auszeichnet. Einen guten Krimi bleibt er uns vorerst schuldig.

Karl A. Duffek in FALTER 17/2004



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