Jesus von Texas

DBC Pierre, Karsten Kredel


Mit seinem derben Debüt "Jesus von Texas" hat sich DBC Pierre den Booker Prize und eine neue Existenz erschrieben.

Vermutlich ist der renommierte, seit 1969 vergebene Booker Prize zuvor noch nie an einen derartigen Tunichtgut vergeben worden wie an DBC Pierre. Unter diesem Namen (die Initialen stehen übrigens für Dirty But Clean) hat Peter Warren Finlay seinen Roman "Jesus von Texas" veröffentlicht, die 50.000 Pfund für den begehrtesten Literaturpreis des Commonwealth abgecasht und mittlerweile - angeblich - alle seine Schulden beglichen.

Ein vollständiges Register der Schandtaten des in Australien geborenen Sohnes englischer Eltern liegt nicht vor, aber neben Betrug in jeder Bedeutung hatte Finlay über die Jahre eine Vorliebe für schnelle Autos (die eine Rekonstruktion seines Gesichts notwendig machte) und ebensolche Drogen kultiviert, die er zwischen Texas und Mexiko auslebte. In einem Interview mit dem englischen Guardian meinte er dazu: "Ich liebe dieses Grenzland, aber es ist ein Ort des Überlebens. Ich musste schnell erkennen, dass es seine eigene Regeln hatte. Wenn du einen Reifenplatzer hast, findest du bald heraus, dass der örtliche Mechaniker auch der Sheriff und möglicherweise auch der Richter ist. Es ist keine gute Gegend, um darin mit einem brandneuen Tran-Am ohne Nummernschild rumzukurven."

Für den 15-jährigen Vernon Little, dem Protagonisten von DBC Pierres Debüt "Jesus von Texas" ("Vernon God Little") ist der Süden von Texas ein nicht ganz so illustrer Ort. Es ist kein gutes Zeichen, wenn die Hälfte der Einwohner eines Ortes denselben Namen tragen - Gurie: "Richtig: Öl, Karnickel und Guries - das ist es, was Martirio anzubieten hat. Das war mal der zweithärteste Ort in Texas, nach Luling. Jeder, der in Luling verprügelt wurde, muss rüber nach Martirio gekrochen sein. Heutzutage ist das Härteste hier der Stau am Drive-in jede Samstagnacht." Wer hier wohnt, den hat das Leben nicht gerade mit einem Royal Flush bedient. Wer darüber hinaus noch unter dem dringenden Verdacht steht, 16 seiner Klassenkameraden das Lebenslicht ausgeblasen zu haben, der hat echt die Arschkarte gezogen.

Dieser Umstand wird vom Ich-Erzähler denn auch wortreich beschrieben und beklagt - wobei dieser juvenile Rabelais in Cowboy-Boots einen klaren Hang zur Metaphorisierung von Stoffwechselprodukten aufweist; kein Wunder, hat er doch ein "Darmproblem", wie seine Mutter es ausdrücken würde, was dazu führt, dass er, von Zeugen leider unbeobachtet, einen Scheißhaufen in die Landschaft setzt - just in jenem Moment, in dem sein von den Klassenkameraden als "Tacoschwuchtel" verhöhnter Freund Jesus seine Widersacher in großem Aufwasch umnietet. Das entsprechende Glaubwürdigkeitsdefizit, das Vernon hat, wird nicht unbedingt dadurch kleiner, dass der Kurzzeitlover seiner Diätpläne diskutierenden und von einem neuen Kühlschrank träumenden Mutter, Eulalio Ledesma, als "Journalist" arbeitet: und zwar doch nicht für CNN, sondern für CNM - was für Care Media Nacogdoche steht und genauso seriös ist, wie es klingt.

Ledesma (und viele der anderen Figuren) könnten Oliver Stones "Natural Born Killers" entsprungen sein (eine Referenz, die wohl näher liegt als die Vergleiche mit Mark Twain, die manche Rezensenten angestellt haben). Klar, dass der perverse Gerichtspsychologe nicht fehlen darf, der zur Musik von Gustav Holsts "Planeten" mit der digitalen Dehnung von Vernon Littles Anus beschäftigt ist.

So ähnlich hat man sich das eh immer schon vorgestellt. DBC Pierre hat aus diesen Ingredienzien einen deftig-derben Adoleszenzroman geschrieben, in der sich Kleinstadt- und Mediensatire die Hände reichen. Über lustvoll strapazierte Klischees (Mexikaner fressen fettes Essen, trinken sehr viel, sind aber irgendwie die lustigeren Menschen) geht der Roman eher selten hinaus; am besten ist er vielleicht dort, wo er seinem Figurenarsenal - etwa der unschuldig nymphomanischen Elendsgöre Ella Bouchard - auch berührende Momente gönnt. Und manchmal ist er wirklich witzig; etwa, wenn er den Selbstmordversuch von Vernons Mama schildert: "Mom hat sich eines Tages im Haus eingeschlossen, den Backofen aufgedreht und sich vor die Klappe gesetzt. Angeblich ein Hilfeschrei, obwohl wir einen Elektroherd haben."

Klaus Nüchtern in FALTER 17/2004



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